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Die leise Star-Virologin Frankreichs Françoise Barré-Sinoussi

Von: Marcel Wagner, Paris

Stand: 08.05.2020

In der Coronakrise sind vor allem in Deutschland einige Virologen zu einer Art Popstars geworden. Auch in anderen Ländern beschäftigen sich hoch angesehene Wissenschaftler mit dem Virus. So wie in Frankreich die Nobelpreisträgerin Françoise Barré-Sinoussi. In die Öffentlichkeit drängt sie hingegen nicht.

Eigentlich hatte Françoise Barré-Sinoussi längst auf mehr Zeit für sich gehofft: "Ich habe seit zwei Jahren beschlossen, strikt zu bleiben und alle neuen Aufgaben und Einladungen abzulehnen", sagte die Wissenschaftlerin schon 2015, in einem ihrer wenigen großen Interviews. Allerdings, so bekräftigte sie später:

"Den Weg der Kämpferin würde ich jederzeit wieder antreten."

Françoise Barré-Sinoussi

Leiterin des französischen Expertenrats

Nun, mit mittlerweile 72 Jahren, ist Frankreichs bekannteste Virologin tatsächlich wieder in den Kampf gezogen: Als Präsidentin leitet sie seit Mitte März 2020 den zwölfköpfigen Expertenrat, der die Regierung bei der Suche nach Therapien, Impfungen und der medizinischen Behandlung des Coronavirus und der Krankheit Covid-19 beraten soll.

Anders als andere Virologen nutzt Françoise Barré-Sinoussi diese Stellung allerdings keineswegs für den großen Auftritt. Im Gegenteil: Ein einziges Interview hat die Forscherin bislang während der Coronakrise gegeben. In der Zeitung "Le Monde" warnte sie vor allzu großen Hoffnungen auf schnelle Therapien und dem leichtfertigen Einsatz nicht ausreichend geprüfter Medikamente.

Medizin-Nobelpreis 2008 für die Entdeckung von HIV

Dabei zog die Virologin immer wieder Parallelen zu ihren Erfahrungen mit HIV, dem Virus, das Aids auslöst. Das hatte die Forscherin am berühmten Pariser Institut Pasteur in den 80er-Jahren mitentdeckt und dafür mit anderen Forschern zusammen 2008 den Medizinnobelpreis erhalten.

Keine verfrühten Informationen, um Hysterie und Panik zu vermeiden

Auch bei Aids habe es anfangs Hysterie, Panik und widersprüchliche Informationen gegeben, die die Öffentlichkeit verwirrt und die Vernunft getrübt hätten, sagte Barré-Sinoussi in "Le Monde". Sie selbst hat deshalb beschlossen, nur dann öffentlich zu sprechen, wenn es wirklich etwas Belastbares zu sagen gibt. In Sachen Coronavirus schweigt die Nobelpreisträgerin für den Moment also lieber.


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