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Fossilien aus der Grube Messel Das Schatzkästchen der Evolution

Kurzzeitig sollte sie schon eine Müllkippe werden - heute ist sie Weltnaturerbe: die Fossilienfundstätte Grube Messel bei Darmstadt. In ihren Ölschieferplatten wurde die Flora und Fauna der Urzeit für uns bewahrt. Ein Schatzkästchen der Evolution.

Stand: 07.12.2020

Kleine Urpferde zupfen Blätter und Früchte, Schlangen winden sich in einem tropischen Regenwald und in der Luft schwirren Ur-Fledermäuse. So könnte es vor etwa 50 Millionen Jahren bei Darmstadt ausgesehen haben. Aus der Grube Messel wurden bereits Zehntausende solcher Funde geborgen. Die ehemalige Abbaugrube gilt als weltweit bedeutendste Fossilienfundstätte des Eozän-Zeitalters.

Fossilienfundstätte Grube Messel: eine ehemalige Ölschiefer-Abbaugrube

Eozän

Das Zeitalter des Eozän begann vor mehr als fünfzig Millionen Jahren und dauerte rund zwanzig Millionen Jahre. Dinosaurier waren damals schon ausgestorben.

Die Grube entstand, weil dort vom späten 19. Jahrhundert bis 1971 nach dem sogenannten Ölschiefer, einem dunklen Sedimentgestein, das eine Vorstufe von Erdöl enthält, gebaggert wurde. In einer Raffinerie wurde er zu Treibstoffen, Paraffin und Teer verarbeitet.

Fossiles Erbe für die Welt

08.12.1995: UNESCO-Weltnaturerbe

Fast wäre in die Abbaugrube Schlacke aus Müllverbrennungsanlagen der ganzen Rhein-Main-Region gekippt worden. Die Bürger protestierten in den 1980er-Jahren dagegen. 1990 wurde die Grube unter Denkmalschutz gestellt. Die UNESCO erkannte ihren Wert 1995 an.

Die Grube Messel besitzt einen Durchmesser von rund 800 Metern und ist etwa 130 Meter tief. In den 1980er-Jahren sollte die ehemalige Abbaugrube zur Mülldeponie werden. 1995 wurde sie als erstes deutsches Naturdenkmal in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen.

Vor 50 Millionen Jahren riss eine Explosion den Krater in die Landschaft

Für Paläobiologen ist die Grube Messel eine einzigartige Schatzkammer. Das verdankt sie ihrer Entstehungsgeschichte. Vor 48 Millionen Jahren herrschte hier ein subtropisches Klima wie heute im Regenwald Südostasiens. Damals stieß in einem Vulkan Magma aus dem Erdinneren auf Grundwasser. Die nachfolgende Explosion riss einen Krater auf, der sich mit Regenwasser füllte. Tiere und Pflanzen sanken auf den sauerstofflosen Grund des Sees hinab. Unter hinab fallenden Sedimenten wurden die Organismen im Lauf der Jahrmillionen zu Fossilien in Ölschiefer konserviert.

"Erhaltungszustand, Menge und Vielfalt der dort gefundenen Fossilien sind einzigartig."

UNESCO

Forscher schwärmen von Fossilien aus der Grube Messel

Im Ölschiefer konserviert

Die tierischen und pflanzlichen Überreste wurden vom Ölschiefer luftdicht und geschützt verpackt. Er hat sich langsam aus dem Schlamm des Sees gebildet, als dieser verlandete.

In der Grube Messel bilden Fossilien fast die gesamte Flora und Fauna an diesem Ort vor 48 Millionen Jahren ab, sagt Stephan Schaal, der Leiter der Messelforschung des Senckenberg-Forschungsinstituts in Frankfurt am Main. Weltweit gebe es keine Fundstätte in vergleichbarer Qualität für die Zeit des Eozäns nach dem Aussterben der Dinosaurier. Pflanzen, Landtiere, Fische, Reptilien, Vögel, Insekten seien vollständig erhalten - samt Mageninhalt, Hautresten und Haaren. Die Forscher könnten ganze Lebensräume der Urzeit erschließen, schwärmt Schaal.

Selbst Details blieben in der Grube Messel erhalten

Darüber hinaus sind im Ölschiefer beeindruckende Details konserviert: Prachtkäfer schillern immer noch in blau, rot und grün. Im Magen einer Schlange findet sich eine Echse - und in derem Magen wiederum ein Insekt. Das bekannteste der bislang gefundenen Säugetiere ist das Urpferdchen, Messels Maskottchen. Von dem foxterriergroßen Tier aus einem früh ausgestorbenen Seitenzweig der Pferde sind hier mehr als 70 Exemplare geborgen worden.

Das Primatenfossil "Ida" aus der Grube Messel

Aus der Grube Messel beim Darmstadt stammt auch das Primatenfossil "Ida".

Eine wissenschaftliche Sensation war 2009 der Fund eines Primaten: "Ida" sei das weltweit vollständigste Primatenfossil, erklärt Stephan Schaal. Nur, ob "Ida" ein Vorfahr von Affen oder von Menschenaffen ist, das sei noch nicht abschließend geklärt.

Kunstharz konserviert die Fossilien aus dem Ölschiefer

Teilweise weich wie Schokolade und ideal für die Konservierung der Fossilien: der Ölschiefer in der Grube Messel.

Aufbewahrt werden können all diese Funde erst, seit Ende der 1960er-Jahre ein geeignetes Kunstharz erfunden wurde. Ölschiefer enthält nämlich bis zu 40 Prozent Wasser. Sobald eine Fossilienplatte trocknet, zerfällt sie. Die Forscher legen die Funde deshalb in Wasser, tragen den Ölschiefer auf der Oberseite vorsichtig ab und gießen Kunstharz auf das Fossil. Das bleibt dann auf dem Kunstharz kleben, das Fundstück kann umgedreht und die Unterseite vom Ölschiefer befreit werden.

Erste Entdeckungen in der Grube Messel im 19. Jahrhundert

Die Fossilienfundstätte Grube Messel bei Darmstadt von oben

Die ersten zufälligen Funde in der Grube Messel stammen aus dem 19. Jahrhundert. Auch heute werden dort noch Grabungen durchgeführt. Mit Erfolg: Jährlich kommen etwa 3.000 Funde hinzu. Sie helfen, die frühe Evolution der Arten besser zu verstehen. Wer weiß, was in der Schatzkammer Grube Messel als nächstes entdeckt wird.

Grabungen in der Grube Messel von der Senckenberg Gesellschaft

Heute organisiert die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung den Wissenschaftsbergbau in der Grube Messel. Es gibt dort auch eine Forschungsstation.

Interaktive Karte: Fossilienfundstätte Grube Messel

Interaktive Karte - es werden keine Daten von Google Maps geladen.

Interaktive Karte: Fossilienfundstätte Grube Messel


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