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Werner Forßmann Auf direktem Weg ins Herz

Es war eine Sensation: Ein Provinzarzt bekommt 1956 den Nobelpreis für Medizin! Werner Forßmann wurde für die Erfindung des Herzkatheters ausgezeichnet: Fast 30 Jahre vorher hat er sich einen Gummischlauch bis ins Herz geschoben.

Stand: 28.08.2014 | Archiv

Werner Forßmann | Bild: picture-alliance/dpa

Sommer 1929 in Eberswalde bei Berlin: Im Auguste-Victoria-Krankenhaus betäubt der junge Assistenzarzt Werner Forßmann in einer Mittagspause seinen linken Arm.

Heute wird der Herzkatheter meist über die Leiste eingeführt.

Er ritzt sich die Haut auf, steckt eine Nadel in eine Ader und führt einen dünnen Gummischlauch 30 Zentimeter tief in eine Vene ein. Anschließend stellt er sich hinter einen Röntgenschirm und schiebt den Katheter weitere 30 Zentimeter in seinen Körper. In einem Spiegel gegenüber sieht Forßmann: Die Spitze des Gummischlauchs steckt in seiner rechten Herzkammer. Als Beweis lässt er eine Röntgenaufnahme machen. Werner Forßmann glüht vor Stolz: Er hat den direkten Weg zum Herzen gefunden.

Wissenschaft oder Zirkuskunststück?

Ferdinand Sauerbruch ist nicht begeistert über die Experimentierfreudigkeit seines Mitarbeiters.

In der renommierten Fachzeitschrift "Klinische Wochenschrift" publiziert Forßmann einen Bericht über sein Experiment: "Über die Sondierung des rechten Herzens". Doch die medizinische Fachwelt reagiert kaum darauf. Forßmann verliert sogar seine Assistenzarzt-Stelle an der Berliner Charité. Als die Boulevardzeitung "Nachtausgabe" den Selbstversuch mit der Schlagzeile "Heldentat eines jungen Arztes - Die Sonde im Herzen!" anpreist, wirft ihn sein Chef, der berühmte Chirurg Ferdinand Sauerbruch hinaus.

"Mit solchen Kunststückchen habilitiert man sich in einem Zirkus und nicht an einer anständigen deutschen Klinik!"

Ferdinand Sauerbruch, Chirurg Berliner Charité

Wiederholung mit Kontrastmittel

Kontrastmittel macht die Gefäße des Herzens sichtbar.

Forßmann kehrt enttäuscht zurück nach Eberswalde und experimentiert weiter. Er untersucht, ob man über den Katheter Kontrastmittel in das Herz pumpen kann, um dann von den Gefäßen Röntgenaufnahmen zu machen. Dazu führt er erst Tierversuche durch, testet aber bald wieder an sich selbst. 1931 stellt Forßmann auf dem 55. Deutschen Chirurgenkongress in Berlin seine neuen Ergebnisse vor. Schon mit seiner Anwesenheit erbringt er den Beweis: Kontrastmittelinjektionen in das Herz des Menschen können durchaus verträglich sein. Doch auch auf diesem Kongress interessiert sich niemand für ihn.

Schluss mit dem Unfug!

Werner Forßmann und seine Frau Elsbeth in der Klinik in Bad Kreuznach.

Im Jahr 1934 unternimmt Forßmann seinen letzten Selbstversuch. Er will die Verträglichkeit eines Kontrastmittels testen, mit dem er die Gefäße der Nieren darstellen will. Als erst nach drei Tagen Kopfschmerzen und andere Nebenwirkungen abklingen, hat seine Frau, ebenfalls Ärztin, genug.

"Jetzt ist aber endgültig Schluss mit deinen verrückten Versuchen! Du hast jetzt eine Familie und kein Recht zu einem solchen Unfug!"

Elsbeth Forßmann

Aufstieg ...

Forßmann macht künftig keine Selbstversuche mehr, sondern kümmert sich um seine Karriere. Nach einem kurzen zweiten Intermezzo an der Charité wird er im Laufe der 30er-Jahre Assistent am Städtischen Krankenhaus Mainz, absolviert anschließend eine Spezialausbildung in Urologie an der Rudolf-Virchow-Klinik und wird dann Chef der Chirurgischen Klinik in Dresden-Friedrichstadt und des Robert-Koch-Krankenhauses in Berlin. Unklar ist, inwiefern dem Ex-Jungforscher bei seinem Aufstieg hilft, dass er seit 1932 Mitglied der NSDAP ist.

... und Fall

Während des Krieges ist er zunächst Sanitätsoffizier, ab 1942 Lazarett-Arzt in Berlin. Nach dem Ende des Kriegs schlägt er sich in den Schwarzwald durch, wohin seine Familie nach der Bombardierung Berlins geflüchtet ist. Wegen seiner Parteimitgliedschaft bekommt er ein dreijähriges Berufsverbot. Erst arbeitet Forßmann in der Kleinpraxis seiner Frau mit. Ab 1950 ist er als Urologe in Bad Kreuznach tätig.

Entdeckung in Amerika

Zwei Amerikaner, André Frederic Cournand und Dickinson W. Richards, bringen Forßmann doch noch späte Anerkennung. 1941 führen die beiden die Herzkatheteruntersuchung in die klinische Praxis ein. Zehn Jahre später gehört sie in Amerika bereits zu den Routinemethoden bei Herz- und Lungenerkrankungen. Cournand hatte seine maßgebliche Arbeit mit der Feststellung begonnen: "The German Forssman was the first."

Überraschung aus Stockholm

Der Nobelpreis kam völlig überraschend für Werner Forßmann.

Am Donnerstag, den 18. Oktober 1956 stehen für den inzwischen 52-Jährigen drei größere Nierenoperationen in einem Krankenhaus in Bad Dürkheim auf dem Programm. Was danach geschieht, schildert Forßmann in seinen Memoiren so:

"Kaum aber hatte ich den letzten Eingriff beendet und war gerade dabei, meine Gummihandschuhe abzustreifen, als unser ärztlicher Direktor eintrat und mich mit todernster Miene in eine Ecke zog. Wie jeder alte Soldat überprüfte ich blitzschnell mein Sündenregister und konnte ausnahmsweise wirklich keinen Fehl an mir finden. Überraschenderweise sagte er leise und gerührt: 'Herr Forßmann, ich möchte Ihnen und Ihrer Frau als erster die Hand drücken. Sie haben mit zwei Amerikanern zusammen den diesjährigen Nobelpreis für Medizin gewonnen'."

Werner Forßmann

Späte Ehren für frühe Forschung

Als Nobelpreisträger wird er später von den Universitäten in Mainz, Düsseldorf, Berlin und Cordoba in Argentinien zum Honorarprofessor ernannt. Von 1958 bis 1970 arbeitet er als Chefarzt der Chirurgischen Abteilung des Evangelischen Krankenhauses in Düsseldorf. An der aktuellen Herzforschung beteiligt er sich nicht mehr. Die letzten Jahre seines Ruhms genießt er im Schwarzwald, wo er 1979 im Alter von 75 Jahren stirbt - an Herzversagen.


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