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Seelenkammern, Fluchttunnel, Durchschlupfe Was hat es mit den Erdställen auf sich?

Sie heißen Schrazellöcher, Alraunenhöhlen, Erdweibschlupf oder Seelengänge und gehören zu den großen Geheimnissen der Archäologie. Erdställe sind unterirdische Höhlen- und Gangsysteme, von Menschen angelegt. Warum - das weiß niemand.

Stand: 19.07.2018

Höhle mit Grundriss eines Erdstalls | Bild: colourbox.com, Arbeitskreis für Erdstallforschung; Montage: BR

Es sind rätselhafte, unterirdische Gangsysteme, die sich in Süddeutschland, Österreich, Polen, Ungarn, Tschechien, Frankreich und Spanien finden. Wie kleine Labyrinthe durchziehen sie Kirchberge, Friedhöfe oder den Untergrund alter Siedlungsplätze. Bis zu sechs Meter tief können diese sogenannten "Erdställe" liegen.

Angelegte Gänge

Erstmals wurden die Erdställe im 19. Jahrhundert fotografiert - von einem Benediktinerpater. Heute erforschen vor allem ehrenamtliche Mitarbeiter der Interessengemeinschaft Erdstallforschung die Labyrinthe der Unterwelt.

Was ist ein Erdstall?

Der Begriff

Schlusskammer | Bild: Arbeitskreis für Erdstallforschung

"Erdstall" bedeutet eigentlich "Stelle in der Erde" oder "Erd-Stollen". Mit dem Stall, wie man ihn bei Tieren kennt, hat er nichts zu tun.

Andere Namen für den Erdstall

In Bayern wird auch der Begriff Schrazelloch verwendet. Schratzl, Schrazel oder Schranzen bedeutet nämlich "Zwerg", also Löcher für die Zwerge. Früher hat man vermutet, dass Zwerge diese Höhlen gegraben haben. Darüber hinaus sind die Gänge oft sehr niedrig - nur "Zwerge" können hier aufrecht gehen. Es gibt auch den Begriff der Seelengänge für die Erdställe. Archäologen vermuten, dass die Menschen im Mittelalter geglaubt haben könnten, dass in den Erdställen die Seelen auf das Jüngste Gericht gewartet haben.

Grunddaten

Alle Erdställe sind unterschiedlich, doch der grundsätzliche Aufbau ist immer gleich: In der Regel gibt es einen Hauptgang, von diesem zweigen Seitengänge ab. Oft gibt es eine Verbindung zu einer unteren Etage - die ist meistens eine Engstelle, ein sogenannter Schlupf. Das wichtigste: Jeder Erdstall hat nur einen Ein- und Ausgang. Man schätzt, dass die Erdställe zwischen 950 und 1050 nach Christus entstanden sind. Nach dem 13. Jahrhundert sind keine neuen Erdställe mehr gebaut worden.

Wo sind die?

In Bayern gibt es rund 700 Erdställe. Die meisten von ihnen wurden im Bayerischen Wald, in der südlichen Oberpfalz und im Landkreis Passau entdeckt. Manche von ihnen kann man sogar besichtigen.

Das Spannende an den Erdställen ist, dass man bis heute noch kaum etwas über sie weiß. Dieter Ahlborn hat schon zahlreiche dieser engen Gänge durchkrochen.

"Die Erdställe sind immer fundleer und dadurch sehr schwer zu datieren. Es gibt in Bayern einen einzigen archäologisch untersuchten Erdstall, in dem man ein Stück Holzkohle gefunden hat. Die wurde mit Hilfe der C14-Methode in die Zeit um 950 bis 1050 nach Christus datiert."

Dieter Ahlborn, Interessengemeinschaft Erdstallforschung (IGEF)

Archäologen lange außen vor

Die Wissenschaft hat sich bei der Erforschung der Erdställe lange zurückgehalten. Das liegt vor allem daran, dass die Quellen, mit denen Historiker und Archäologen normalerweise arbeiten, hier nicht oder nicht mehr erhalten sind.

"Es gibt keine Quelle aus dem Mittelalter, die uns sagt, was die Erdställe waren. Erdstallforschung kommt aus dem Bereich der Heimatforschung. Hier gibt es die Sagenwelt, man berichtet von Schrazellöchern und es hat etwas gedauert, bis auch die amtliche, archäologische Forschung sich diesen Bodendenkmälern angenommen hat."

Professor Bernd Paeffgen, Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie, Ludwig-Maximilians Universität München

Fluchttunnel oder Verstecke

Oft sind die Eingänge nicht mehr als ein Loch im Boden.

Doch wozu sind Erdställe eigentlich angelegt worden? Eine Theorie: Es sind Fluchttunnel, in denen man in Zeiten der Krise Personen oder Hab und Gut in Sicherheit gebracht hat. Klingt plausibel, war doch das Mittelalter alles andere als eine friedliche Zeit. Bauern könnten die Gänge gegraben haben, um sich vor einem Überfall zu verstecken.

Dieter Ahlborn von der Interessengemeinschaft Erdstallforschung (IGEF) ist sich da aber nicht so sicher:

"Die Erdställe haben nur einen Eingang und keinen separaten Ausgang. Es ist eng, es ist kein Sauerstoff vorhanden. Versuche zeigen, dass der Sauerstoff im Falle eines Brandes im Nu einem Erdstall entzogen wäre und zudem gibt es diese Schlupfe, durch die keine Schwangeren und ältere Personen durchkämen. Als Versteck würde ich die Erdställe ausschließen."

Dieter Ahlborn, Interessengemeinschaft Erdstallforschung (IGEF)

Darüber hinaus sind die Erdställe wohl kaum von Laien erbaut worden: Die Decken sind speziell gewölbt, um den enormen Druck des Erdreichs aufzufangen. Die Gänge sind in S-Form angelegt - Experten gehen heute davon aus, dass für diese Bauleistung bergmännisches Wissen notwendig ist.

Rituelle und kultische Deutung

Gang mit Spitzbogen | Bild: Arbeitskreis für Erdstallforschung

Ausgeklügelte Spitzbogen deuten darauf hin, dass beim Bau bergmännisches Wissen im Spiel war.

Die engen Schlupfe, die verschiedene Ebenen miteinander verbinden, geben einen Hinweis auf eine andere Deutung der Erdställe. Sie sind zum Teil derartig eng, dass man sich auf allen Vieren, oder mit dem Kopf voraus in sie hineinschieben muss. Oft muss man sich verdrehen, um die Schultern durch die Engstelle zu bekommen. Erst dann kann man auf die höhere Ebene kommen. Im Mittelalter geschah dieses Manöver wahrscheinlich im Dunkeln.

"Für eine kultische Deutung der Erdställe spricht die irrationale Architektur der Anlagen. Man könnte sich vorstellen, dass die Erdställe als Aufenthaltsräume für Seelen errichtet worden sind, quasi als Aufenthaltsraum bis zum jüngsten Gericht. Oder aber im Zusammenhang mit einem Durchschlupf-Brauchtum, in dem Sinn, dass man Gebrechen an die Mutter Erde oder Sünden an die Mutter Erde abgestreift hat."

Dieter Ahlborn, Interessengemeinschaft Erdstallforschung, IGEF

Experten können sich vorstellen, dass die Gänge vielleicht vorchristlichen Ritualen dienten und sich darin die Lösung für das Rätsel findet, warum die Chronisten des Hochmittelalters die Erdställe verschwiegen haben könnten. Immerhin stellten sie dann eine spirituelle Parallelwelt und Konkurrenz zur Kirche dar. Interessanterweise hat die Kirche viele später gefundene Erdställe verchristlicht. Der Erdstall in Reichersdorf zum Beispiel wurde nach dem 30-Jährigen Krieg wiederentdeckt - und die Kirche ließ dort eine Kapelle über dem Eingang errichten. In einer der Kammern ließ sie Figuren der Heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute, aufstellen.

Das Rätsel bleibt ungelöst

Warum die Menschen in den Jahren zwischen 950 und 1050 tatsächlich Erdställe konstruierten - das weiß bis heute keiner. Aber mit jeder Kuh, die in einem mysteriösen Loch in der Weide steckenbleibt und mit jedem Bagger, der beim Kelleraushub auf einen neuen Erdstall trifft, hoffen Experten wie Dieter Ahlborn endlich den einen Erdstall zu entdecken, der Licht in eines der großen Geheimnisse des Mittelalters bringt.

  • "Erdställe und Schratzllöcher": BR Heimat - Habe die Ehre!, 16.12.2016, 10.05 Uhr
  • "Geheimnisvolle Unterwelt: Erdställe in Viechtach": Schwaben & Altbayern, 20.11.2016, 17.45 Uhr, BR Fernsehen
  • "Unterirdisches Geheimnis - Schratzllöcher und Erdställe in Bayern": Zeit für Bayern, 15.12.2013, 12.05 Uhr, Bayern 2
  • "Erdställe - Woher stammen die rätselhaften Tunnel?" IQ - Wissenschaft und Forschung, 23.07.2018, 18.05 Uhr, Bayern 2

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