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Corona-Spätfolgen Post-Covid - Wenn das Gehirn verrücktspielt

Das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 befällt auch das Gehirn. Dort sorgt es für Entzündungen, die sich auf das Gedächtnis auswirken können. Viele Covid-19-Patienten klagen auch darüber, wenig zu riechen und zu schmecken.

Stand: 16.12.2020

Als Spätfolge nach einer Corona-Infektion können Gedächtnislücken auftreten. Patienten sprechen sogar von alzheimerartigen Demenz-Erscheinungen. | Bild: picture alliance

Eine Covid-19-Erkrankung kann mit neurologischen Problemen einhergehen. Patienten klagen beispielsweise über Kopfschmerzen, die lange anhalten, oder über Gedächtnislücken. Auch große Müdigkeit, die Experten Fatigue nennen, kann eine Folge der Virusinfektion sein.

Spätfolge von Covid-19 - Verlust von Geschmacks-und Geruchssinn

Neben Husten und Fieber zählen außerdem der Verlust des Geschmacks- und Geruchssinns zu den ersten Anzeichen einer Ansteckung mit SARS-CoV-2. Bei den meisten Patienten gehen diese neurologischen Symptome bald wieder vorbei. Aber einzelne Covid-19-Erkrankte klagen auch nach Monaten noch darüber, wenig zu schmecken und zu riechen.

Marc Brunner war im März 2020 an Sars-CoV-2 erkrankt und leidet seither an Post-Covid-Symptomen. | Bild: Marc Brunner

Er gilt als genesen, doch Marc Brunner aus Odelzhausen leidet an Post-Covid, den Spätfolgen einer Covid-19-Erkrankung.

"Ich war Mitte März 2020 akut an Covid-19 erkrankt. Ein Dreivierteljahr später ist mein Geschmacks- und Geruchssinn mal da und dann wieder weg. Ich habe bestimmte Gerüche, die ich vor ein paar Wochen noch gar nicht wahrgenommen habe - die merke ich jetzt in Nuancen. Was ich immer noch nicht rieche, das ist Rauch. Das ist ganz komisch. Aber ich schmecke relativ viel, auch unterschiedliche Dinge. Was extrem nervt ist dieser seltsame, metallische Geschmack auf der Zunge, der nicht mehr weggeht."

Marc Brunner

Covid-19-Spätfolgen - Lähmungen durch Coronaviren?

Bei Covid-19-Patienten beobachten Mediziner entzündliche Erkrankungen der Nerven. Es kann zu vorübergehenden Lähmungen kommen.

"Selten gibt es Krampfanfälle oder auch Lähmungen transienter Art, also nur ganz kurzfristige Lähmungen, die nicht für immer bleiben, sondern wieder weggehen."

Markus Glatzel, ärztlicher Leiter des Instituts für Neuropathologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

Lähmungen - das Guillain-Barré-Syndrom ist noch nicht belegt

In einer Studie, die am 8. Juli 2020 im Fachblatt Brain veröffentlicht wurde, beobachten Mediziner das Guillain-Barré-Syndrom bei Covid-19-Patienten. Bei dieser Erkrankung zeigt sich zu Beginn, dass Hände und Füße nicht mehr reagieren. Die Lähmung breitet sich dann von den Extremitäten zur Körpermitte hin aus.

"Sieben Patienten mit Guillain-Barré-Syndrom wurden gesehen (im Alter von 20 bis 63 Jahren, alle männlich) mit Beginn der neurologischen Symptome von einem Tag vor bis 21 Tage nach den typischen Covid-19-Symptomen."

Paterson W. Ross, Neurologe am University College London

Eine epidemiologische und Kohortenstudie britischer Wissenschaftler vom 14. Dezember 2020, ebenfalls in Brain veröffentlicht, kommt zu dem Ergebnis, dass sich kein eindeutiger Zusammenhang zwischen dem Guillain-Barré-Syndrom und Covid-19 feststellen lässt. Es muss also nicht zwangsläufig Covid-19 der Auslöser für diese Krankheit sein.

"Obwohl es nicht möglich ist, die Möglichkeit eines Zusammenhangs vollständig auszuschließen, findet diese Studie keine epidemiologischen oder phänotypischen Hinweise darauf, dass SARS-CoV-2 für das Guillain-Barré-Syndrom ursächlich ist."

Stephen Keddie, Neurologe am University College London

Post-Covid - Wie das Coronavirus ins Gehirn kommt

Eine Möglichkeit, wie das Virus SARS-CoV-2 ins Gehirn kommt, ist über die Blutbahn. Ein anderer Weg geht vermutlich über die Nervenzellen der Riechschleimhaut, also direkt von der Nase zum Gehirn. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die am 30. November 2020 im Fachblatt Nature Neuroscience veröffentlicht wurde. Dem Forschungsteam der Charité ist es gelungen, im Elektronenmikroskop intakte Coronavirusteilchen in der Riechschleimhaut sichtbar zu machen.

"Auf Basis dieser Daten gehen wir davon aus, dass SARS-CoV-2 die Riechschleimhaut als Eintrittspforte ins Gehirn benutzen kann. Von der Riechschleimhaut aus nutzt das Virus offenbar neuroanatomische Verbindungen wie beispielsweise den Riechnerv, um das Gehirn zu erreichen."

Frank Heppner, Direktor des Instituts für Neuropathologie an der Berliner Charité

Spätfolgen - Pathologen untersuchen das Gehirn verstorbener Covid-19-Patienten

In China ist es Medizinern aus kulturellen Gründen untersagt, die Gehirne Verstorbener zu untersuchen. Deutsche Mediziner haben in diesem Bereich eine Vorreiterrolle übernommen.

"In China, wo die Corona-Pandemie begann, wurde gar nicht seziert. Die chinesischen Wissenschaftler haben zwar die Krankheit beschrieben, charakterisiert und sie wussten genau, was neurologisch auftritt, schauten aber kein einziges Gehirn komplett an. Das heißt, wir waren in Hamburg mit die Ersten, die diese Gehirne seziert haben. Natürlich waren wir alle gespannt, was wir finden werden. Covid-19 ist eine neue Erkrankung - es kommt ja im Leben nicht so oft vor, dass man etwas komplett Neues erstmalig sieht."

Markus Glatzel, ärztlicher Leiter des Instituts für Neuropathologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

Post-Covid - Das SARS-CoV-2-Virus kann das Denken und Erinnern erschweren

Covid-19-Erkrankte berichten, dass sie auch nach der akuten Erkrankung noch das Gefühl haben, ihr Gehirn sei in Watte gepackt. Die Denkfähigkeit kann in der Folge dieser Viruserkrankung über eine gewisse Zeit eingeschränkt sein. Auch Gedächtnislücken können bei Betroffenen auftreten.  

"Ich war - ohne arrogant wirken zu wollen - immer ein Einser-Schüler, was Grammatik und Rechtschreibung angeht. Aber jetzt ist das anders geworden. Wenn ich E-Mails schreibe, muss ich im Anschluss immer ein- bis zweimal darüber lesen, weil ich so viele Fehler mache. Das ist mir vor meiner Covid-19-Erkrankung nicht passiert."

Marc Brunner, ehemaliger Covid-19-Patient

Milde Entzündung im Gehirn bei Covid-19

Eine Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus kann im Gehirn zu einer Entzündung führen. Pathologen konnten im Hirnstamm Entzündungsherde erkennen, die neurologische Probleme erklären.

"Wir haben milde Entzündungen gesehen. Wichtig ist auch, was wir nicht gesehen haben, nämlich eine massive Entzündung des Gehirns und der Gefäße, eine nekrotisierende Entzündung. Das heißt eine Entzündung, wo Hirngewebe auch abstirbt - das haben wir erfreulicherweise alles nicht festgestellt."

Markus Glatzel, ärztlicher Leiter des Instituts für Neuropathologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

Manche Covid-19-Patienten erleiden Schlaganfälle

Schlaganfälle erleiden Menschen dann, wenn sich Blutgerinnsel bilden. Diese können im Gehirn oder auch in anderen Organen entstehen.

Manche Covid-19-Patienten erleiden einen Schlaganfall, ein Post-Covid-Syndrom.

"Die Blutgerinnsel, die Schlaganfälle bei Covid-19-Patienten verursachen, entstehen nicht im Gehirn, sondern vielleicht in den Beinen oder in der Lunge und werden dann fortgetragen ins Gehirn, wo sie die Gefäße verstopfen und einen Schlaganfall auslösen."

Markus Glatzel, ärztlicher Leiter des Instituts für Neuropathologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

Das Immunsystem wehrt sich gegen das Coronavirus

Experten gehen davon aus, dass das SARS-CoV-2-Virus nicht direkt auf die Nervenzellen im Gehirn einwirkt. Vielmehr scheint das Immunsystem gegen den Eindringling vorzugehen, was dann zu gesundheitlichen Problemen führen kann.

"Das Coronavirus bringt keine Nervenzellen um, sondern es ist wohl eher so, dass das Immunsystem auf das Virus reagiert und deswegen das Gehirn wahrscheinlich leichte Schäden nimmt."

Markus Glatzel, ärztlicher Leiter des Instituts für Neuropathologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

SARS und MERS sind gefährlicher als Covid-19 für das Gehirn

Das schwere akute Atemwegssyndrom SARS, das im Jahr 2002 zum ersten Mal aufgetreten ist und das Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus MERS, das 2012 zum ersten Mal nachgewiesen wurde, gelten als gefährlicher für das Gehirn als das neuartige Coronavirus. Die Veränderungen im Gehirn sind bei Covid-19 geringer und somit die Chancen auf vollständige Heilung größer.  

"MERS und SARS haben großen Schaden angerichtet, aber nicht weltweit, sondern regional eher begrenzt. Und von diesen Krankheiten wissen wir, dass die Veränderungen im Gehirn ausgeprägter waren als wir es jetzt bei SARS-CoV-2 sehen. Ich denke, dass Covid-19-Patienten keine längerfristigen Folgen davontragen. Die Chance, dass die Erkrankung bei den meisten Patienten gut ausgeht, ist relativ hoch."

Markus Glatzel, ärztlicher Leiter des Instituts für Neuropathologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)


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