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Corona-Spätfolgen Post-Covid - Wenn die Funktion von Nerven und Gehirn gestört ist

Das Coronavirus SARS-CoV-2 kann für Störungen im Gehirn sorgen. Die Auslöser sind vielfältig, zum Beispiel können Entzündungen, Dysfunktionen bei Zellen und Blutgefäßen oder Reaktionen des Immunsystems zu Ausfallerscheinungen führen.

Stand: 19.07.2021

Als Spätfolge nach einer Corona-Infektion können Gedächtnislücken auftreten. Patienten sprechen sogar von alzheimerartigen Demenz-Erscheinungen. | Bild: picture alliance

Eine Covid-19-Erkrankung kann mit neurologischen und kognitiven Problemen einhergehen. Diese treten meist bei zwei Gruppen von Genesenen auf: Bei Patienten, die einen schweren Krankheitsverlauf hatten und intensivmedizinisch behandelt werden mussten. Und bei einer Gruppe von Patienten, die nach einem leichten bis mittelschweren Verlauf erst scheinbar von Covid-19 genesen sind und nach einer Latenzzeit von ein bis vier Monaten plötzlich eine sogenannte Rebound-Symptomatik bekommen, sagt Dr. Jördis Frommhold im Podcast der Ärztezeitung (19.4.21). Frommhold ist Chefärztin in der Median Klinik Heiligendamm und auf die Rehabilitation von Post-Covid-Erkrankten spezialisiert.

Neurologische oder kognitive Störungen - welche Patienten besonders betroffen sind

Bei Patienten mit Rebound-Effekt zeigt sich ein massiver Leistungseinbruch, eine bleierne Erschöpfung ("Fatigue"), neurologische oder kognitive Einschränkungen wie Gedächtnis-, Konzentrations- oder Empfindungsstörungen ("Brain Fog"), Schwindel, Gangunsicherheiten oder demenzielle Symptome. Oft kommen bei dieser Gruppe Haarausfall oder Muskel- sowie Gelenkschmerzen hinzu. Bei dieser Gruppe von Covid-19-Genesenen besteht die Gefahr, dass die Symptome chronisch werden und die Leistung eingeschränkt bleibt, was Auswirkungen auf das Berufs- und Alltagsleben haben kann.

Laut Frommhold sind davon mehr Frauen als Männer betroffen. Die Ärztin hält eine Beteiligung des Immunsystems - also Störungen durch autoimmunologische Prozesse im Körper - für wahrscheinlich. Die insgesamt häufigsten Symptome von Post-Covid waren bei der bisher größten internationalen Studie: "Fatigue", Krankheitsgefühl nach körperlicher oder geistiger Tätigkeit und "Brain Fog".

Long-Covid - neurologische Probleme häufiger als bei Grippe

Es ist bekannt, dass neurologische Störungen nach Virusinfektionen auftreten können, zum Beispiel nach einer Grippe. Bei Covid-19-Infektionen zeigten sich diese allerdings häufiger sowie im selben Zeitraum und scheinen demnach direkt mit einer Infektion mit dem Sars-CoV-2-Erreger zusammenzuhängen.

So konnten Forscherinnen und Forscher der Universität Oxford in einer Lancet-Veröffentlichung im April 2021 zeigen, dass ein Drittel der Covid-19-Langzeitpatienten ihrer Studie neurologische Beeinträchtigungen zurück behält. Darunter sind Angst- und Gemütsstörungen am häufigsten (17 bzw. 14 Prozent), aber auch Schlaganfälle und Demenz wurden beobachtet, vor allem bei Menschen, die einen schweren Verlauf hatten. Insgesamt wurden die Daten von über 230.000 Menschen ausgewertet.

Verlust von Geschmacks-und Geruchssinn bei Post Covid

Neben Husten und Fieber zählte beim Wildtyp - also dem ersten aufgetretenen neuen Coronavirus zu Beginn der Pandemie - außerdem der Verlust des Geschmacks- und Geruchssinns zu den ersten Anzeichen einer Ansteckung mit SARS-CoV-2. Die Corona-Mutante Delta äußert sich dagegen eher wie eine Erkältung. Bei den meisten Patienten gehen die neurologischen Symptome wieder vorbei. Doch es gibt auch Covid-19-Erkrankte die noch nach Monaten darüber klagen, wenig zu schmecken und/oder zu riechen.

Marc Brunner war im März 2020 an Sars-CoV-2 erkrankt und leidet seither an Post-Covid-Symptomen. | Bild: Marc Brunner

Er gilt als genesen, doch Marc Brunner aus Odelzhausen leidet an Post-Covid, den Spätfolgen einer Covid-19-Erkrankung.

"Ich war Mitte März 2020 akut an Covid-19 erkrankt. Ein Dreivierteljahr später ist mein Geschmacks- und Geruchssinn mal da und dann wieder weg. Ich habe bestimmte Gerüche, die ich vor ein paar Wochen noch gar nicht wahrgenommen habe - die merke ich jetzt in Nuancen. Was ich immer noch nicht rieche, das ist Rauch. Das ist ganz komisch. Aber ich schmecke relativ viel, auch unterschiedliche Dinge. Was extrem nervt ist dieser seltsame, metallische Geschmack auf der Zunge, der nicht mehr weggeht."

Marc Brunner

Post Covid - Lähmungen durch Coronaviren?

Bei Covid-19-Patienten beobachten Mediziner entzündliche Erkrankungen der Nerven. Es kann zu vorübergehenden Lähmungen kommen.

"Selten gibt es Krampfanfälle oder auch Lähmungen transienter Art, also nur ganz kurzfristige Lähmungen, die nicht für immer bleiben, sondern wieder weggehen."

Markus Glatzel, ärztlicher Leiter des Instituts für Neuropathologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

Lähmungen durch das Guillain-Barré-Syndrom?

In einer Studie, die am 8. Juli 2020 im Fachblatt Brain veröffentlicht wurde, beobachten Mediziner das Guillain-Barré-Syndrom bei Covid-19-Patienten. Bei dieser Erkrankung entzündet sich das Nervensystem aufgrund einer Autoimmun-Reaktion. Das führt zu Gefühlsstörungen, Muskelschwäche und Lähmungen. Meist verschwinden die Störungen wieder. Das Syndrom beginnt damit, dass anfangs Hände und Füße nicht mehr reagieren. Dann breiten sich die Lähmungen von den Extremitäten zur Körpermitte hin aus und können lebensbedrohlich werden, wenn die Atemmuskulatur betroffen ist.

"Sieben Patienten mit Guillain-Barré-Syndrom wurden gesehen (im Alter von 20 bis 63 Jahren, alle männlich) mit Beginn der neurologischen Symptome von einem Tag vor bis 21 Tage nach den typischen Covid-19-Symptomen."

Paterson W. Ross, Neurologe am University College London

Eine epidemiologische und Kohortenstudie britischer Wissenschaftler vom 14. Dezember 2020, ebenfalls in Brain veröffentlicht, kommt zu dem Ergebnis, dass sich kein eindeutiger Zusammenhang zwischen dem Guillain-Barré-Syndrom und Covid-19 feststellen lässt. Es muss also nicht zwangsläufig Covid-19 der Auslöser für diese Krankheit sein.

"Obwohl es nicht möglich ist, die Möglichkeit eines Zusammenhangs vollständig auszuschließen, findet diese Studie keine epidemiologischen oder phänotypischen Hinweise darauf, dass SARS-CoV-2 für das Guillain-Barré-Syndrom ursächlich ist."

Stephen Keddie, Neurologe am University College London

Guillain-Barré-Syndrom als seltene Nebenwirkung bei Astrazeneca- und Johnson & Johnson-Impfstoffen?

Im Gespräch ist übrigens auch, ob Impfungen und auch Corona-Impfungen mit den Impfstoffen von Astrazeneca und Johnson & Johnson das Syndrom als seltene Nebenwirkung auslösen können. Einen eindeutigen Beleg dafür gibt es aber (noch) nicht.

Post-Covid - Gedächtnislücken und Konzentrationsstörungen

Covid-19-Erkrankte berichten, dass sie auch nach der akuten Erkrankung noch das Gefühl haben, ihr Gehirn sei in Watte gepackt. Die Denkfähigkeit kann in der Folge dieser Viruserkrankung über eine gewisse Zeit eingeschränkt sein. Auch Gedächtnislücken können bei Betroffenen auftreten. Diese Störungen, die oft unter dem unscharfen Begriff "Brain Fog" subsummiert werden, können auch nach einer Phase der Erholung - nach ein bis vier Monaten - auftreten und sogar chronisch werden.

"Ich war - ohne arrogant wirken zu wollen - immer ein Einser-Schüler, was Grammatik und Rechtschreibung angeht. Aber jetzt ist das anders geworden. Wenn ich E-Mails schreibe, muss ich im Anschluss immer ein- bis zweimal darüber lesen, weil ich so viele Fehler mache. Das ist mir vor meiner Covid-19-Erkrankung nicht passiert."

Marc Brunner, ehemaliger Covid-19-Patient

Entzündungen im Gehirn bei Covid-19

Eine Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus kann im Gehirn zu einer Entzündung führen. Pathologen konnten im Hirnstamm Entzündungsherde erkennen, die neurologische Probleme erklären.

"Wir haben milde Entzündungen gesehen. Wichtig ist auch, was wir nicht gesehen haben: nämlich eine massive Entzündung des Gehirns und der Gefäße, eine nekrotisierende Entzündung. Das heißt eine Entzündung, wo Hirngewebe auch abstirbt - das haben wir erfreulicherweise alles nicht festgestellt."

Markus Glatzel, ärztlicher Leiter des Instituts für Neuropathologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

Eine Studie, die im Februar 2021 im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde, sieht einen Zusammenhang zwischen Entzündungen in den kleinen Blutgefäßen des Gehirns und den neurologischen Symptomen wie dem "Brain Fog", der oft beschrieben wird, oder Kopfschmerzen. Aber auch Veränderungen oder Fehlfunktionen verschiedener Nervenzellen-Typen im Gehirn können zu neurologischen Störungen führen.

Schlaganfall nach Covid-19-Infektion?

Schlaganfälle erleiden Menschen dann, wenn sich Blutgerinnsel bilden. Diese können im Gehirn oder auch in anderen Organen entstehen. Untersucht wird derzeit auch, ob SARS-CoV-2 die Form der roten Blutkörperchen verändert und dadurch oft zu Blutgerinnseln und Thrombosen führt.

Manche Covid-19-Patienten erleiden einen Schlaganfall, ein Post-Covid-Syndrom.

"Die Blutgerinnsel, die Schlaganfälle bei Covid-19-Patienten verursachen, entstehen nicht im Gehirn, sondern vielleicht in den Beinen oder in der Lunge und werden dann fortgetragen ins Gehirn, wo sie die Gefäße verstopfen und einen Schlaganfall auslösen."

Markus Glatzel, ärztlicher Leiter des Instituts für Neuropathologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

Parkinson als mögliche Spätfolge von Covid-19?

Drei Fallbeispiele, die am 1. Dezember 2020 im Cell-Press Journal "Trends in Neuroscience" veröffentlicht wurden, legen nahe, dass neuartige Coronaviren eine Parkinson-Erkrankung auslösen oder zumindest fördern könnten. Die drei Patienten entwickelten zwei bis fünf Wochen nach Entlassung aus dem Krankenhaus neurologische Symptome und motorische Störungen, die für Parkinson typisch sind.

"Zwei der drei Patienten reagierten nach Verabreichung traditioneller Dopamin- Medikamente mit reduzierten Parkinson-Symptomen und der dritte Patient erholte sich spontan. In allen Fällen zeigte die Bildgebung des Gehirns eine verminderte Funktion des nigrostriatalen Dopaminsystems, ähnlich wie bei der Parkinson-Krankheit."

Patrik Brundin, Zentrum für neurodegenerative Wissenschaft am Van Andel Research Intitute in Michigan, USA

Endgültig bewiesen ist das aber noch nicht. Die Fallzahl der Betroffenen ist noch zu klein.

Post-Covid - Wie das Coronavirus ins Gehirn kommt

Eine Studie vom Februar 2021 zeigt, dass SARS-CoV-2 wohl meist an der Blut-Hirn-Schranke abgefangen wird. Das Virus muss aber Neuronen nicht direkt angreifen, um Schaden im Gehirn anzurichten. Es kann auch andere Zelltypen angreifen, die auf Neuronen einwirken. Ein anderer Weg führt das Virus vermutlich über die Nervenzellen der Riechschleimhaut, also direkt von der Nase zum Gehirn. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die am 30. November 2020 im Fachblatt Nature Neuroscience veröffentlicht wurde. Dem Forschungsteam der Charité ist es gelungen, im Elektronenmikroskop intakte Coronavirusteilchen in der Riechschleimhaut sichtbar zu machen.

"Auf Basis dieser Daten gehen wir davon aus, dass SARS-CoV-2 die Riechschleimhaut als Eintrittspforte ins Gehirn benutzen kann. Von der Riechschleimhaut aus nutzt das Virus offenbar neuroanatomische Verbindungen wie beispielsweise den Riechnerv, um das Gehirn zu erreichen."

Frank Heppner, Direktor des Instituts für Neuropathologie an der Berliner Charité

Long Covid - Wenn sich das Immunsystem einschaltet

Experten gehen davon aus, dass der SARS-CoV-2-Erreger nicht direkt auf die Nervenzellen im Gehirn einwirkt. Vielmehr scheint das Immunsystem gegen den Eindringling vorzugehen, was dann zu gesundheitlichen Problemen führen kann. Patienten erholen sich dann deutlich langsamer.

"Das Coronavirus bringt keine Nervenzellen um, sondern es ist wohl eher so, dass das Immunsystem auf das Virus reagiert und deswegen das Gehirn wahrscheinlich leichte Schäden nimmt."

Markus Glatzel, ärztlicher Leiter des Instituts für Neuropathologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

Spätfolgen - Pathologen blicken ins Gehirn verstorbener Covid-19-Patienten

In China ist es Medizinern aus kulturellen Gründen untersagt, die Gehirne Verstorbener zu untersuchen. Deutsche Mediziner haben in diesem Bereich eine Vorreiterrolle übernommen.

"In China, wo die Corona-Pandemie begann, wurde gar nicht seziert. Die chinesischen Wissenschaftler haben zwar die Krankheit beschrieben, charakterisiert und sie wussten genau, was neurologisch auftritt, schauten aber kein einziges Gehirn komplett an. Das heißt, wir waren in Hamburg mit die Ersten, die diese Gehirne seziert haben. Natürlich waren wir alle gespannt, was wir finden werden. Covid-19 ist eine neue Erkrankung - es kommt ja im Leben nicht so oft vor, dass man etwas komplett Neues erstmalig sieht."

Markus Glatzel, ärztlicher Leiter des Instituts für Neuropathologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

SARS und MERS sind gefährlicher als neuartige Coronaviren für das Gehirn

Das schwere akute Atemwegssyndrom SARS, das im Jahr 2002 zum ersten Mal aufgetreten ist und das Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus MERS, das 2012 zum ersten Mal nachgewiesen wurde, gelten als gefährlicher für das Gehirn als das neuartige Coronavirus. Die Veränderungen im Gehirn sind bei Covid-19 geringer und somit die Chancen auf vollständige Heilung größer.  

"MERS und SARS haben großen Schaden angerichtet, aber nicht weltweit, sondern regional eher begrenzt. Und von diesen Krankheiten wissen wir, dass die Veränderungen im Gehirn ausgeprägter waren als wir es jetzt bei SARS-CoV-2 sehen. Ich denke, dass Covid-19-Patienten keine längerfristigen Folgen davontragen. Die Chance, dass die Erkrankung bei den meisten Patienten gut ausgeht, ist relativ hoch."

Markus Glatzel, ärztlicher Leiter des Instituts für Neuropathologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)


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