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Clärenore Stinnes Mit dem Auto um die Welt

Auf die Idee, mit dem Auto einmal um die Welt zu fahren, kommt im Jahr 1927 eine Frau, die in dieser Zeit bereits als erfolgreichste Rennfahrerin in Europa auf sich aufmerksam gemacht hat. Die Reise dauert mehr als zwei Jahre.

Von: Lydia von Freyberg, Claudia Sarrazin

Stand: 07.08.2020

Im Jahr 1901 kommt eine besondere Frau in Mülheim an der Ruhr zur Welt: Clärenore Stinnes. Ihr Vater, Hugo Stinnes, ist ein einflussreicher Großindustrieller. Von klein auf hat Clärenore für ihr Leben anderes vorgesehen, als es für Frauen damals üblich war. Sie interessiert sich schon als Kind für Autos, dreht mit 15 erste Runden auf dem Werksgelände und ist mit 18 Jahren im Besitz des Führerscheins. Im Jahr 1919 sind Frauen am Steuer noch eine echte Rarität.

Autorennen statt Kochen

Im Unternehmen ihres Vaters ist sie außerdem aktiv. Als dieser unerwartet stirbt, ist Clärenore 24 Jahre alt und der festen Überzeugung, eine Rolle in der Firma zu übernehmen. Ihre Mutter ist da ganz anderer Meinung: Sie möchte Clärenore unter der Haube und am Herd sehen. Davon lässt sich Clärenore nicht beeindrucken: Sie geht nach Berlin und fängt unter anderem damit an, Autorennen zu fahren. Sie gewinnt bis 1927 ganze 17 Titel und ist damit die erfolgreichste Rennfahrerin in Europa.

Weltrundfahrt im Auto

Inspiriert von Charles Lindbergh, dem im Mai 1927 die erste Alleinüberquerung des Atlantiks gelingt, kommt Clärenore Stinnes auf die Idee, mit dem Auto um die Welt zu fahren. Der Chef der Film-Firma Fox überzeugt sie, neben Mechanikern unbedingt einen Fotografen bzw. Kameramann mitzunehmen. So kommt neben zwei Mechanikern und einem Lkw als Begleitfahrzeug auch der Schwede Carl-Axel Söderström mit auf die Reise. Mit von der Partie ist außerdem Clärenores Hund "Lord", ein schwarz-brauner Gordon Setter.

In gut zwei Jahren um die Welt

Start der Reise ist am 25. Mai 1927 in Frankfurt. Über den Balkan und Moskau geht es durch Sibirien und die Wüste Gobi nach Peking. Mit dem Schiff setzen sie nach Japan über, von dort über Hawaii nach Nordamerika, Los Angeles. Per Schiff geht es weiter nach Panama und Lima. Von dort mit dem Auto quer durch Peru, Bolivien, Argentinien, über die Anden nach Chile. Mit dem Schiff wieder zurück nach Los Angeles, danach quer durch die USA über Washington D.C. nach New York. Mit dem Schiff nach Le Havre, von dort fahren sie weiter: Ankunft ist am 24. Juni 1929 in Berlin.

Mit einer nagelneuen Limousine Adler Standard 6, 45 PS, beginnt die Fahrt am 25. Mai 1927 in Frankfurt. Die einzige Sonderausstattung sind Liegesitze, um im Auto schlafen zu können.

Keine Straßen und viele Pannen

Die Reise ist schon allein wegen der überwiegend noch nicht vorhandenen Straßen alles andere als eine Spazierfahrt. Nach 500 Kilometern, in der damaligen Tschechoslowakei, gibt die Kupplung den Geist auf. In Syrien geht der Benzintank des Lkw kaputt, zwei Reifen explodieren. Wenig später brechen alle Bolzen am Hinterrad. In Russland versinken die Autos im Dauerregen im Schlamm. Über den Baikalsee schaffen sie es nur mit Vollgas über eine Eisspalte.

Clärenore - die unerschrockene Abenteurerin

Clärenore ist diejenige, die die Gesellschaft immer antreibt. Zur Not streicht sie das Mittagessen, um vorwärts zu kommen. In Moskau kann einer der Mechaniker nicht weiter mitfahren, weil er am Blinddarm operiert werden muss. Dem anderen Mechaniker wird die Reise zu strapaziös, er steigt kurz darauf aus. Nur Carl-Axel Söderström hält durch und ist von Clärenore zusehends beeindruckt. Die Annäherung der beiden ist allerdings äußerst zaghaft - nach der waghalsigen Überquerung des Baikalsees bietet Clärenore Carl-Axel das "Du" an.

Nichts geht mehr in Peru

Das größte Abenteuer ist die Überquerung der Anden. Der Lkw wird angesichts der kommenden Strapazen in Los Angeles untergebracht, ebenso wie, schweren Herzens, der Hund. In Peru geht zeitweise gar nichts mehr. 42 Männer versuchen mit langen Seilen das Auto zu bewegen, das im Treibsand feststeckt. Felswüste verhindert das Weiterkommen - doch Clärenore hat Dynamit im Kofferraum.

"Die scharfen Gesteinssplitter zerschnitten unsere Autoreifen, mit Dynamit mussten wir uns die Wege ins Freie sprengen, mit Flaschenzügen die Gipfel nehmen. Bei der Überwindung der peruanischen Kordilleren vollführte Söderström einmal eine wahre Todesfahrt über einen steilen Abhang."

Clärenore im Originalfilm 'Im Auto durch zwei Welten - Die erste Autofahrt um die Erde' von 1931

Schließlich sind sie fast am Ende, das Wasser geht ihnen aus, sie trinken bereits aus dem Kühler. Sie müssen das Auto schließlich stehenlassen und zu Fuß weitergehen. Irgendwie schaffen sie es bis zum Titicacasee. Ein neues Getriebe muss aus Deutschland bestellt werden. Während sie warten, wird Carl-Axel Söderström sehr krank. Clärenore pflegt ihn.

Triumphzug durch Nordamerika und Heimkehr nach Berlin

Die letzte Etappe der Reise ist das genaue Gegenteil: In den USA genießen sie die Fahrt auf den Highways. In Los Angeles wird Hund "Lord" wieder eingesammelt. Und im Weißen Haus empfängt sie US-Präsident Herbert Hoover. Von New York geht es schließlich mit dem Schiff nach Le Havre.

Nach über zwei Jahren, am 24. Juni 1929, erreichen Clärenore Stinnes, Carl-Axel Söderström und "Lord" Berlin und drehen auf der Rennstrecke AVUS eine umjubelte Ehrenrunde. Der Tacho zeigt 46.758 Kilometer. Carl-Axel hat 10.000 Meter Film gedreht. Im Jahr 1931 kommt der fertige Film in die Kinos.

Zurückgezogenheit in Schweden

Clärenore Söderström-Stinnes 1983 im Alter von 82 Jahren.

Nach der Reise lässt sich Carl-Axel Söderström scheiden und aus Fräulein Stinnes wird im Dezember 1930 Frau Söderström. Um die beiden wird es ruhig. Sie ziehen nach Schweden auf ein Gut. Clärenore züchtet Pferde und widmet sich den Kindern, Carl-Axel betreibt Landwirtschaft. Am 7. September 1990 stirbt Clärenore Söderström mit 89 Jahren in Schweden.


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