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Bartgeier in Bayern Wally und Bavaria sind die ersten Bartgeier in Bayern

Der Bartgeier gehört zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt. Nach 100 Jahren soll der Aasfresser in Bayern wieder heimisch werden. Deshalb wurden im Juni 2021 die Bartgeier Wally und Bavaria im Nationalpark Berchtesgaden ausgewildert.

Stand: 23.07.2021

Seit 2021 gibt es den mächtigen Bartgeier wieder in Bayern. | Bild: picture-alliance/dpa/blickwinkel/R. Sturm

Mit fast drei Metern Spannweite gehört der Bartgeier (Gypaetus barbatus) zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt. 1913 wurde der letzte Bartgeier in den Alpen getötet, die mächtigsten Flieger in den Bergen waren ausgerottet. Und nicht nur hier: Da es die Aasfresser nur in alpiner Umgebung gibt, waren Bartgeier damit in ganz Deutschland ausgestorben.

Bartgeier sind für Menschen und Tiere ungefährlich

Der Bartgeier wurde ausgerottet, weil man ihm nachsagte, Lämmer oder sogar kleine Kinder zu packen. Für Menschen, Haus-, Nutz- und Wildtiere besteht jedoch keine Gefahr. Der Vogel gehört nicht zu den aktiven Beutegreifern, er ernährt sich von Aas und Knochen.

10. Juni 2021: Der Bartgeier kehrt nach Bayern zurück

In einem internationalen Projekt zur Wiederansiedlung haben der bayerische Naturschutzverband LBV (Landesbund für Vogelschutz) und der Nationalpark Berchtesgaden am 10. Juni 2021 zwei junge Bartgeier in den Alpen in die Freiheit entlassen. Die beiden Weibchen Wally und Bavaria, die aus spanischer Nachzucht stammen und zu diesem Zeitpunkt rund 100 Tage alt waren, bezogen ihre neue Heimat: eine Felsnische in 1.300 Metern Höhe am Knittelhorn im Klausbachtal. Die beiden sind die ersten Bartgeier, die in Bayern ausgewildert wurden. In den kommenden Jahren sollen weitere folgen. Als Aas- und Knochenverwerter sind Bartgeier ein wichtiges Endglied in der Nahrungskette in den Alpen.

Bartgeier: Gesundheitspolizei und Müllabfuhr

Magensäure löst Knochen auf

Bartgeier gelten als die "Gesundheitspolizei" und "Müllabfuhr" der Natur: Sie besitzen die stärkste Magensäure im Tierreich, sie ist vergleichbar mit Batteriesäure. Der Bartgeier ernährt sich von Aas und hauptsächlich von Knochen, die davon fast vollständig aufgelöst werden. "Das kennt man sonst nur von Hyänen", sagt Markus Erlwein.

Knochen werden verschluckt oder zertrümmert

Röhrenknochen von bis zu 30 Zentimetern Länge und einem Durchmesser von fünf Zentimetern kann ein Bartgeier am Stück verschlucken. Größere Skelettteile wirft der Bartgeier auf Felsen, um sie zu zertrümmern. Um aktiv große Beute zu schlagen, dafür sind weder sein Schnabel noch seine Krallen ausgelegt.

Weil seine Nahrung relativ trocken ist, muss ein Bartgeier im Gegensatz zu fleischfressenden Greifvögeln regelmäßig trinken. Er braucht also auch Quellen und Bäche in seinem Territorium.

"Mit dem Bartgeier-Projekt geht es uns darum, eine stabile Bartgeier-Population in Zentraleuropa zu schaffen, die sich natürlich und zuverlässig vermehrt. Und natürlich darum, die biologische Vielfalt zu erhalten. Der Bartgeier schließt außerdem eine ökologische Nische: Aasfresser gibt’s viele, aber Knochenaufräumer nicht."

Markus Erlwein, LBV-Pressesprecher

Bartgeier-Auswilderung in Berchtesgaden: Projekt über zehn Jahre

Für das Gesamtprojekt der Bartgeier-Auswilderung ist ein Zeitraum von zehn Jahren vorgesehen. Künftig sollen im Nationalpark Berchtesgaden jedes Jahr zwei bis drei junge Bartgeier ausgewildert werden. Die Dauerbewerbung des LBV im Zuchtprogramm läuft - nur, wie viele Bartgeier es letztlich tatsächlich werden, hängt davon ab, wie viele in den Zuchtstationen tatsächlich geboren werden. "Im Zuchtprogramm müssen ja trotzdem genügend Vögel für die Zucht behalten werden, man kann nicht alle auswildern", sagt Markus Erlwein, LBV-Pressesprecher. Und der LBV-Vorsitzende Norbert Schäffer erklärt: "Bei Projekten dieser Art muss man in langen Zeiträumen denken, um dauerhaft Erfolg zu haben. Das ist kein Sprint, sondern eher ein Marathon."

Bartgeier in den Alpen

Seit den 1980er-Jahren versucht man, Europas seltenste Geierart wieder in den Alpen anzusiedeln. Im Rahmen des alpenweiten Wiederansiedlungsprogramms wurden seit 1986 bereits rund 230 Bartgeier ausgewildert. Experten schätzen den Gesamtbestand in den Alpen auf gut 300 Tiere. Noch ist die genetische Vielfalt der Population aber sehr gering: "Die 300 Bartgeier, die es jetzt im Alpenraum gibt, haben alle die gleichen circa 15 Vorfahren", erläutert Bartgeier-Experte Toni Wegscheider. Ohne weitere Stützung der Population aus gezielten Nachzuchten wäre mit einem hohen Grad an Inzucht zu rechnen. Zielgröße für eine selbsterhaltende Population sind rund 1.000 Tiere.

Während sich die Greifvögel in den West- und Zentralalpen seit 1997 auch durch Freilandbruten wieder selbstständig vermehren, sind es in den Ostalpen immer noch zu wenige Tiere. "Daher möchten wir dem Geier hier ganz besonders unter die Flügel greifen mit dem Ziel, die Brücke von den Pyrenäen über die Alpen und den Balkan bis zu den Vorkommen in der Türkei zu schlagen", erklärt Roland Baier, Leiter der Nationalparkverwaltung Berchtesgaden.

Fünf faszinierende Fakten über Bartgeier

Zukunft der Bartgeier in Bayern ungewiss

Bartgeier in Bayern beobachten

Wer dabei zuschauen will, wie es den spanischen Bartgeiern Wally und Bavaria in Bayern ergeht, kann sie über die Webcam live beobachten und auf dem Bartgeier-Blog vom LBV mitlesen.

Die Überlebensquote ausgewilderter Bartgeier beträgt erfahrungsgemäß im ersten Jahr 88 Prozent, im zweiten sogar 96 Prozent. Für in der Wildnis geschlüpfte Vögel sind das unerreichbare Werte. Doch später geht es rapide abwärts: "Wir nehmen an, dass im Alpenraum 30 Prozent aller Bartgeier elendig an Bleivergiftung sterben", berichtet Bartgeier-Experte Wegscheider. In Österreich treffe es sogar rund die Hälfte. "Die ersticken bei lebendigem Leib, die verhungern bei lebendigem Leib", je nachdem, welches Organ das Nervengift, das die Bartgeier beim Aasfressen aufnehmen, beeinträchtigt.

Nationalpark Berchtesgaden gut für Bartgeier geeignet

Dass der Nationalpark Berchtesgaden ein geeignetes Zuhause ist, zeigte eine Machbarkeitsstudie, die der LBV 2019 durchgeführt hat. Sie lässt sich ganz einfach zusammenfassen: Der Bartgeier könnte sich im Nationalpark Berchtesgaden wohlfühlen, weil er in der Region auch früher schon zu Hause war. Die verkarsteten Bergregionen mit ihrer starken Thermikbildung, vielen Gämsen und Steinböcken und wenig Infrastruktur wie Seilbahnen kommen dem Bartgeier zugute. Die Jäger dort verzichten auf bleihaltige Munition, andernorts sterben viele Bartgeier an einer Bleivergiftung, weil sie damit erlegtes Wild fressen. Generell eignet sich die Lage auch gut dafür, einen ostalpinen Bestand aufzubauen. Und die Berchtesgadener Bevölkerung ist durch die Salzburger Gänsegeier-Kolonie schon vertraut mit Geiern.

Zum Brüten zurück in die eigene Kinderstube

Noch bis zum Herbst 2021 werden Wally und Bavaria häufig im Klausbachtal zu sehen sein, bevor sie sich aufmachen, den gesamten Alpenbogen zu erkunden. "In diesem Alter speichern sie die Landschaft, die Umgebung als ihre Heimat," erklärt Toni Wegscheider. "Das ist eine Prägung, sodass wir hoffen können, dass die beiden Jahre später, wenn sie sesshaft werden, wieder in dieses Revier zurückkommen." Wenn alles gut geht, erinnern sich die beiden Bartgeier-Weibchen spätestens mit Eintritt der Geschlechtsreife - etwa im Alter von fünf bis sieben Jahren - an ihre gute Kinderstube und kehren zum Brüten in die Berchtesgadener Alpen zurück. Ihr Revier werden sie jedoch auch dann jenseits der Grenze haben: 300 Quadratkilometer umfasst der Lebensraum eines Bartgeier-Paares. Der komplette Nationalpark Berchtesgaden ist etwa 210 Quadratkilometer groß. "Es ist Lebensraum ohne Ende da, es gibt ja noch keine Bartgeier bei uns", meint Bartgeier-Experte Toni Wegscheider.

An diesen Merkmalen erkennen Sie Bartgeier

  • Bartgeier gehören mit einer Flügelspannweite von 2,90 Metern zu den größten flugfähigen Vögeln.
  • Bartgeier fliegen oft sehr langsam in nur wenigen Metern Höhe.
  • Ihre Flügel laufen spitz zu, die Steuerfedern keilförmig.
  • Ihren Namen haben sie wohl von den dunklen Federn im Gesicht, die an einen Bart erinnern.
  • Das Federkleid junger Bartgeier ist noch dunkelbraun, der Kopf dunkel.
  • Auf dem Rücken befindet sich eine V-förmige Zeichnung, die ab dem dritten Jahr verschwindet.
  • Nach der Mauser werden Brust, Bauch und Kopf weiß.
  • Ältere Bartgeier färben sich die Federn: Die hellen Gefiederbereiche werden durch das Baden in eisenoxidhaltigem Schlamm orange. Warum der Bartgeier das macht, ist unklar. Experten vermuten, es könnte dabei helfen, die Federn vor Abnützung zu bewahren, die Körpertemperatur zu regeln, vor Parasiten zu schützen, oder ein Statussignal sein.

Bartgeier profitieren vom Schnee

Während die meisten Vögel im Frühling Eier legen, brütet der Bartgeier mitten im Winter, egal, wie kalt es ist und wie viel Schnee liegt. Rund 50 Tage werden die Eier bebrütet - und wenn die bis zu zwei Küken dann gegen Ende des Winters schlüpfen, gibt es in den Bergen ein reichhaltiges Aas-Angebot an verunglückten Wildtieren, die der Schnee freilegt. Gämsen und Steinböcke zum Beispiel, die in Lawinen verendet sind und dann im tauenden Schnee zum Vorschein kommen.

Schwächeres Bartgeier-Küken wird getötet

"Dank einer Synchronisierung des Schlupfzeitraums mit der Schneeschmelze ist sichergestellt, dass genügend Tierkadaver vorhanden sind, mit denen die Eltern ihre Küken füttern können", erklärt Wegscheider. Schlüpfen tatsächlich zwei Jungvögel, überlebt immer nur das stärkere Küken, das schwächere wird getötet. "Das ist nachvollziehbar, da bei insgesamt fast vier Monaten Nestlingszeit in der Natur und Unmengen von Futter, die solch ein heranwachsender Geier fressen muss, die Eltern niemals zwei Junge aufziehen könnten", erklärt LBV-Bartgeierexperte Wegscheider.

Bartgeier-Bestände wachsen nur langsam

Dass die Vögel erst so spät geschlechtsreif werden und in freier Wildbahn pro Brut nur ein Küken großgezogen wird, sind auch die Gründe, warum sich die Bestände nur so langsam ausbreiten. Auch in der Aufzuchtstation müssen zwei Küken sofort nach dem Schlüpfen voneinander getrennt werden. Bartgeier werden in Zoos bis zu fünfzig Jahre alt, in freier Wildbahn mehr als dreißig. Mit bayerischem Nachwuchs muss man sich noch einige Jahre gedulden. Der LBV hofft jedoch, dass die beiden ausgewilderten Bartgeier-Weibchen Wally und Bavaria andere Bartgeier animieren, Bayern für sich zu entdecken.

Das europäische Bartgeier-Zuchtnetzwerk

Das europäische Bartgeier-Zuchtnetzwerk wird von der Vulture Conservation Foundation (VCF) mit Sitz in Zürich geleitet. Die internationale Stiftung koordiniert die europaweiten Zuchtstationen und legt die Vergabe der Jungvögel auf die Auswilderungsorte seit 2013 fest. Mehr als 40 spezialisierte Zoos, darunter auch der Nürnberger Tiergarten, und Zuchtstationen haben sich zu einem internationalen Netzwerk, dem Erhaltungszuchtprogramm des Europäischen Zooverbands (EEP), zusammengeschlossen.
Von Berlin über Wien bis Nowosibirsk und Helsinki werden Bartgeier von erfahrenen Pflegern und anderen Spezialisten gezüchtet. Der Bartgeierbestand im Erhaltungszuchtprogramm liegt derzeit bei etwa 180 Vögeln, unter denen rund 40 Paare 2021 erfolgreich gebrütet haben.


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