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Europäischer Antibiotika-Tag Die Gefahr von Antibiotika-Resistenzen

Für viele Krankheiten sind Antibiotika überlebenswichtig. Doch die einstigen Wunderwaffen gegen Entzündungen und Infekte drohen aufgrund multiresistenter Keime immer unwirksamer zu werden, wie Beispiele zeigen. Mit fatalen Folgen.

Stand: 18.11.2020

Ob bei Lungenentzündungen, schweren Blaseninfekten, bei Mandel- oder sogar bei Zahnentzündungen - jahrzehntelang waren dafür Antibiotika verlässliche Heilmittel. Doch weil sich gegen die bekannten Antibiotika immer häufiger Resistenzen bilden, drohen die nicht selten überlebenswichtigen Medikamente immer unwirksamer zu werden. Mit verheerenden Auswirkungen.

Antiobiotikaresistenzen könnten bald häufigste Todesursache sein

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) könnten sich Antibiotika-Resistenzen in den kommenden 30 Jahren gar zur weltweit häufigsten Todesursache entwickeln. Schon heute sterben EU-weit jedes Jahr 30.000 Menschen, weil sie sich mit Antibiotika-resistenten Bakterien angesteckt haben, sagt das Europäische Zentrum zur Vorbeugung und Kontrolle von Krankheiten. Anlässlich des Europäischen Antibiotika-Tages am 18. November warnt es vor einer "Zukunft ohne wirksame Mittel gegen bakterielle Infektionen".

Neue Antibiotika sind oft die letzte Rettung

Ein multiresistenter Keim kann jeden treffen, das weiß auch Bernd Salzberger, Infektiologe am Uniklinikum Regensburg. Zuletzt hatte er einen Patienten mit schwerer Lungenentzündung, ausgelöst durch ein Bakterium, gegen das kein herkömmliches Antibiotikum mehr wirkte. Nur noch das neueste zugelassene Medikament konnte gegen den Erreger helfen und letztlich das Leben des Patienten retten.

Wenn erst das achte Antibiotikum wirkt

Welche Folgen eine Antibiotika-Resistenz haben kann, hat auch Daphne Deckers ganz persönlich erlebt. Die niederländische TV-Moderatorin bekam wegen eines Verdachts auf eine Blasenentzündung und weil sie sich krank fühlte, ein Antibiotikum, erzählt sie in einem Videoclip. Als das nicht wirkte, probierte ihr Arzt das nächste aus.

"Nach einer Live-Show im Fernsehen bin ich dann zusammengebrochen und hab' vor Schmerzen gezittert. Es hat ein Jahr gedauert, bis ich mich erholt habe, weil die Infektion immer wieder gekommen ist. Die Ärztin sagte: Das Bakterium kann normalerweise mit acht verschiedenen Antibiotika behandelt werden. In meinem Fall haben sieben davon nicht mehr funktioniert. Nummer acht war meine letzte Chance. Zu meinem Glück hat es gewirkt."

Daphne Deckers, TV-Moderatorin aus den Niederlanden

Resistenzen: Welche Erreger besonders Probleme bereiten

Gerade in Krankenhäusern ist eine Infektion mit sogenannten multiresistenten Keimen, gegen die kein Antibiotikum mehr wirkt, nicht unwahrscheinlich - auch wenn die Hygiene gut ist. Manche der Antibiotika-resistenten Keime seien zum Glück nicht mehr so häufig. So etwa der bekannte Erreger MRSA, stellt Petra Gastmeier fest. Die Medizinerin, die das Nationale Referenzzentrum für im Krankenhaus erworbene Infektionen an der Berliner Charité leitet, warnt trotzdem vor anderen multiresistenten Bakterien, die zunehmen.

"International das größte Problem sind die gramnegativen multiresistenten Erreger. Das sind Bakterien, die zum Beispiel Atemwegsinfektionen oder auch Wundinfektionen hervorrufen."

Petra Gastmeier, Direktorin des Nationalen Referenzzentrums für im Krankenhaus erworbene Infektionen an der Berliner Charité

Besonders für Patienten auf der Intensivstation verringere eine Infektion mit diesen multiresistenten Keimen die Überlebenschance, sagt Gastmeier.

Was zu den Resistenzen führt - die Ursachen

Dass immer weniger Antibiotika wirken, liegt zum einen am allzu sorglosen Umgang mit dem Medikament. So verschreiben immer noch viele Ärzte auch bei einer Virusinfektion ein Antibiotikum, obwohl es dagegen gar nicht hilft. Antibiotika wirken nur bei bakteriellen Infekten und eben nicht bei Virusinfektionen.

Immerhin zeigt eine aktuelle Analyse, dass in Arztpraxen im Jahr 2018 ein Fünftel (21 Prozent) weniger Antibiotika verschrieben wurden als noch im Jahr 2010. Eine neue Studie, die am 13. November 2020 im "British Dental Journal" veröffentlicht worden ist, zeigt allerdings auch: Während des coronabedingten Lockdowns im Frühjahr stiegen in England die Verschreibungen von Antibiotika im Rahmen zahnärztlicher Behandlungen um 25 Prozent.

Ein weiterer Grund für den Anstieg von Resistenzen ist der breite Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung. Er ist inzwischen zumindest EU-weit in der Regel verboten.

Antibiotika-Forschung: teuer und wenig profitabel

Ein zusätzliches Dilemma ist: Die so dringend benötigten neuen Antibiotika, die für viele Patienten die letzte Hoffnung sind, gibt es kaum. Die Forschung dafür ist teuer und für die Pharmakonzerne wenig profitabel.

Dass Antibiotika-Resistenzen ein weltweites Problem darstellen, das mit höchster Dringlichkeit angegangen werden muss, machte die WHO auch angesichts der "World Antimicrobial Awareness Week", die jedes Jahr vom 18. bis 24. November stattfindet, noch einmal deutlich: Sie hat Antibiotika-Resistenzen zu einem Teil ihrer fünf Plattformen für die Gesundheit und das allgemeine Wohlergehen der Weltbevölkerung gemacht.


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