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Opfer eines Amoklaufs Der lange Nachhall einer Katastrophe

Der Amoklauf ist zwar beendet, für Opfer und Hinterbliebene ist er häufig jedoch nie vorbei. Sie denken ständig daran und leiden an Schlafstörungen oder Panikattacken. Wie kann ihr Leben weitergehen?

Stand: 08.08.2019

Hinterbliebene trauern um die Opfer des Amoklaufs von Winnenden | Bild: picture-alliance/dpa

Hardy Schober geht es am 11. März nicht gut. "Der Jahrestag ist immer schlimm", sagt er. Am 11. März 2009 betrat Tim K. um 9.30 Uhr die Albertville-Realschule in Winnenden. Der ehemalige Schüler erschoss an diesem Tag insgesamt 15 Menschen und danach sich selbst. Eines seiner Opfer war die 15-jährige Jana, die Tochter von Hardy Schober.

Opfer leiden auch fünf Jahre danach

Wochenlang ist er wie gelähmt. Er bekommt Traumata, hat immer vor Augen, wie sein Kind stirbt. Dann beschließt er, seinen Beruf als Banker aufzugeben und eine Stiftung zu gründen. Er will sich für weniger Gewalt an Schulen und die Opfer einsetzen. Denn auch Jahre nach dem Amoklauf schicken die Opfer noch Briefe an die "Stiftung gegen Gewalt an Schulen". Darin stehen Sätze wie:  

"Ich habe sehr große Zukunftsangst. Meine Sicherheit ist verschwunden."

Aus dem Brief eines Opfers

Immer noch Angst und Panikattacken

Hardy Schober hat sich 2015 aus der Stiftung zurückgezogen. Gisela Mayer ist geblieben. Sie hat ebenfalls ihre Tochter bei dem Amoklauf verloren und arbeitet seither bei der "Stiftung gegen Gewalt an Schulen" mit. Mayer sagt, dass viele Opfer noch nicht wirklich ihr Leben selbst steuern könnten. Sie zeigten ein ambivalentes Verhalten. Einmal machten sie einen Schritt auf das Leben zu, dann wichen sie wieder einen Schritt zurück. "Viele fallen immer wieder in so Depressionslöcher, haben immer noch Angst und Panikattacken", erzählt Gisela Mayer.

Hilfe manchmal erst nach Jahren nötig

Professor Thomas Elbert, Traumaexperte von der Universität Konstanz

Kurz nach dem Amoklauf gab es viele psychologische Angebote für die Opfer. Allerdings gab es keinen konkreten Ansprechpartner, der sie auch über Jahre begleitete. Dieser wäre aber wichtig gewesen. Denn die Verdrängung ist groß. Häufig merken Opfer erst nach Jahren dass sie doch Hilfe brauchen, weiß Professor Thomas Elbert von der Universität Konstanz. Er hat sich auf Traumaforschung spezialisiert und arbeitet seit Jahrzehnten mit Traumapatienten.

Irgendwann wird die Belastung zu groß

Weil sie das Geschehene nicht loslässt, versuchen die Opfer krampfhaft nicht daran zu denken. "Sie haben Angst vor der Angst, dass das in irgendeiner Form wiederbelebt wird", erklärt Thomas Elbert. Und irgendwann werde die Belastung so stark, dass die Opfer psychisch nicht mehr funktionieren könnten.

"Sie können keine liebende Partnerschaft mehr führen, weil sie überhaupt keine starken Gefühle mehr ertragen können. Sie können in Ihrem Beruf nicht mehr arbeiten, weil sie sich nicht mehr konzentrieren können, weil sie nachts nicht schlafen können."

Thomas Elbert, Traumaexperte, Universität Konstanz

Aufarbeitung nicht garantiert

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Doch selbst wenn die Betroffenen bereit sind, sich Hilfe zu holen, bekommen sie oft nicht die, die sie bräuchten. Vor allem in der Kinder und Jugendtherapie sei dies der Fall, meint Thomas Elbert. Denn seiner Meinung nach finden sich kaum Psychologen, welche sich gemeinsam mit den Kindern oder Jugendlichen am Ort des Geschehens mit der Tat auseinandersetzen wollen. Langfristig könne eine traumatisierte Person aber nur so ins Leben zurückfinden.

Trauma nicht zwingend

Ob jemand überhaupt ein Trauma erleidet, hängt aber vor allem davon ab, ob er vorher schon schlimme Erfahrungen gemacht hat. Nicht jeder, der einen Amoklauf miterlebt hat, bekommt zwingend ein Trauma. Da dies aber möglich ist, empfiehlt Elbert, alle betroffenen Schüler direkt nach dem Amoklauf systematisch zu befragen. So kann sichergestellt werden, dass keiner durchs Raster fällt.

Immer wieder zurück an Schule

Harry Schober ging immer wieder zur Schule in Winnenden zurück. Dorthin, wo seine Tochter Jana die letzten Stunden ihres Lebens verbracht hat und nun Gedenktafeln an die Opfer erinnern. Ein Gedanke ließ ihn nie los: Dass seine Tochter in der Schule ermordet wurde. Einem Ort, an dem sie eigentlich sicher sein sollte.


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