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Abwasserentsorgung Durch den Abfluss und dann?

Rund 125 Liter Abwasser spülen die Bayern pro Kopf und Tag in den Abfluss. Verschmutzt mit Klopapier, Fäkalien, Duschgel und anderem. Drinbleiben soll der Dreck im Wasser auf keinen Fall. Doch wie bekommt man ihn wieder heraus?

Stand: 08.03.2021 14:38 Uhr

Ein Mann spült dreckiges Geschirr ab. | Bild: BR/Julia Müller

Knapp 1,9 Billionen Liter Abwasser fließen jährlich durch Bayern, mehr als die Hälfte davon aus privaten Haushalten und aus Gewerbe. Klospülung, Waschmaschine, Geschirrspüler, da kommt einiges zusammen an Schmutz. Ab durch die Spülung - aus den Augen, aus dem Sinn.

Nach der Kläranlage kommt der Fluss

Ganz am Ende landet alles Wasser in Bayerns Seen und Flüssen. Dass Sie dort nicht dem wiederbegegnen, was Sie runtergespült haben, dafür sorgt die Abwasserentsorgung. Rund 104.000 Kilometer öffentliche Misch- und Schmutzwasserkanäle leiten in Bayern das Abwasser in die kommunalen Kläranlagen, wo es gereinigt wird. Dort arbeitet ein hungriges Heer kleinster Helfer:

Herausforderung Klärschlamm

Getrockneter Klärschlamm wird teilweise als Dünger auf Felder ausgebracht oder verbrannt.

Bei der Behandlung von Abwasser fallen in Deutschland ca. 2 Mio. Tonnen Klärschlamm (Trockensubstanz) an (Stand: 2017). Im Klärschlamm finden sich Nährstoffe (wie Phosphor und Nitrat) aber auch Schadstoffe wie Schwermetalle und Medikamentenrückstände, die bei der Abwasserbehandlung über den Klärschlamm abgetrennt werden.

Seit Inkrafttreten der neuen Klärschlammverordnung 2017 soll langfristig der wertvolle Dünger-Rohstoff Phosphor aus dem Klärschlamm beispielsweise mit Hilfe von Kohlensäure oder auch thermischen Verfahren zurückgewonnen werden. Nur Klärschlämme mit geringem Schadstoffgehalt dürfen noch als Dünger auf den Äckern ausgebracht werden. Der Rest muss verbrannt werden. Allerdings betrifft diese gesetzliche Regelung nur größere Kläranlagen.

Der Natur abgeschaut: Pflanzen-Kläranlagen

Eine Pflanzenkläranlage

Im Prinzip arbeiten Kläranlagen nicht anders als die Natur selbst: Auch bewachsener Boden filtert das Wasser, das ihn durchsickert, und reinigt es mithilfe von Kleinstlebewesen von Giftstoffen. Dadurch ist unser Grundwasser so sauber. Kleine, "naturnahe" Kläranlagen arbeiten nach dem gleichen Prinzip: In Pflanzen-Kläranlagen filtern Sumpfpflanzen das Abwasser und bieten mit ihren Wurzeln einen Lebensraum für die Bakterienkolonien, die sich auf die mikrobiologische Abwasserreinigung stürzen.

Mit der Menge an verschmutztem Wasser, die wir produzieren, wäre die Natur allerdings völlig überfordert. Und auch mit dem, was inzwischen in unserem Abwasser landet. Selbst Kläranlagen stoßen da an ihre Grenze.

Neue Methoden gegen Krankheitserreger im Abwasser

Abwasser ist ein idealer Lebensraum für Bakterien und Viren. Die biologische Stufe der Klärwerke kann ihnen nichts anhaben, denn gerade im Belebungsbecken sollen sich Mikroorganismen ja wohl fühlen. Das führte lange Zeit zu einer regelrechten Verseuchung von Flüssen und Seen, in die das geklärte Wasser eingeleitet wurde.

Ultraviolettes Licht gegen Keime

Heutzutage desinfizieren einzelne Klärwerke das Abwasser mit UV-Licht (ultraviolettem Licht), wodurch Keime in Sekunden effizient und umweltschonend abgetötet werden. Bad Tölz knipste als erstes Klärwerk in Bayern im Jahr 2000 die UV-Lampen an. Seither bestrahlen zahlreiche Kläranlagen an Isar und Loisach das Abwasser, zumindest in den Sommermonaten. Die Isar dankt's: Nach jahrelangem Badeverbot hat ihr Wasser jetzt wieder Badequalität.

Eine andere Methode effektiver Desinfektion wird am Klärwerk in Monheim genutzt: Dort filtert eine Membrankläranlage das Wasser quasi durch den Strohhalm. Bakterien und neunzig Prozent der Viren passen schlicht nicht durch die Hohlfasermembranen, durch die das Wasser muss. Was am anderen Ende der Halme ankommt, hat fast Trinkwasserqualität.

Noch ungeklärt im Wasser: Arznei & Co.

Bei Stoffen, die noch kleiner sind, nützen allerdings auch Hohlfasermembranen nichts. Und gerade solche Mikroverunreinigungen und Nanomaterialien finden sich immer häufiger im Abwasser: Viele Arzneimittel, Kosmetika, Reinigungsmitteln und anderen Haushalts- und Industriechemikalien können fast gar nicht herausgefiltert werden, da die konventionellen dreistufigen Kläranlagen dafür nicht ausgelegt sind.

Mikroverunreinigungen können von konventionellen Kläranlagen derzeit noch nicht in ausreichendem Maß herausgefiltert werden.

Abbhilfe könnte hier eine vierte Reinigungsstufe bieten, die beispielsweise Aktivkohlefilter, Oxidationsverfahren oder auch weitere Membranverfahren (Nanofiltration und Umkehrosmose) einsetzen. Für die Einführung der vierten Stufe besteht zwar nach Angaben des Bayerischen Umweltministeriums (StMUV) derzeit weder eine rechtliche Verpflichtung noch ein akuter Handlungszwang zur sogenannten "Spurenstoffelimination". Jedoch wurden in Bayern von den rund 2.500 bestehenden Kläranlagen inzwischen 90 anhand "fachlicher Kriterien", so das StMUV, ausgewählt, die für den Ausbau einer vierten Reinigungsstufe in Frage kommen. Freiwillige Ausbaumaßnahmen bei diesen Anlagen sollen staatlich gefördert werden.

Große Datenlücken bei Bayerns Kanalisation

Noch eine Schwachstelle gibt es in Bayerns Abwasserentsorgung: die Kanalisation. Denn die etwa 104.000 Kilometer öffentliche Kanäle, die all das verschmutzte Wasser zum Klären bringen sollen, sind eine ganze Weile völlig aus dem Blick geraten. So sehr, dass für die gesamte Kanalisation eine Erstinspektion angeordnet wurde, um überhaupt ihren Zustand festzustellen. Ende 2010 war diese bei einem Drittel der Kanäle noch nicht erfolgt. Im Juli 2018 gelten 14,5 Prozent der Abwasserkanäle als sanierungsbedürftig. Riskant, denn jeder undichte Abwasserkanal gefährdet unser Grundwasser.

Der private Kanalisationsanteil

Der eigentliche Knackpunkt in der Kanalisation ist da noch gar nicht mitgerechnet: der private Anteil. Zur öffentlichen Kanalisation kommen in Bayern noch Kanäle hinzu, für die Hauseigentümer verantwortlich sind. Die Summe dieser privaten bzw. nicht öffentlichen Kanäle wird auf etwa die zwei- bis dreifache Länge der öffentlichen Kanalisation geschätzt. Und für diese liegt bislang keine zentrale Zustandsbewertung vor.

Das bayerische Landesamt für Umweltschutz geht davon aus, dass bis zu 80 Prozent der privaten Abwasserleitungen undicht sind, denn häufig wurden sie weder von einer Fachfirma noch nach den Regeln der Technik gebaut. Und danach meist auch nur selten überprüft. Oft wissen Hauseigentümer noch nicht einmal, dass sie auch für die Kanalisation zuständig sind. Denn nicht nur die Abwasserrohre im Haus, auch alle Leitungen, die unter dem Haus und im Erdreich verlaufen, müssen vom Hauseigentümer selbst kontrolliert und dicht gehalten werden.


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