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"Menschen im BR": Michael Rieser in der Untertitel-Redaktion "In einer Sekunde kann man wahnsinnig viel machen"

Unter großem zeitlichen Druck die Nerven zu behalten, ist eine Voraussetzung für die Arbeit in der Untertitel-Redaktion. Bei der Live-Untertitelung ist außerdem Multitasking nötig - beide Fähigkeiten beweist Michael Rieser bei seiner Arbeit jeden Tag aufs Neue.

Von: Petra Kilgenstein, Unternehmenskommunikation

Stand: 02.06.2021

Michael Rieser in der Untertitel-Redaktion | Bild: BR / Lisa Berchtold

Fast jeder nutzt beim Fernsehen, in Mediatheken oder bei Videos auf Social Media-Plattformen von Zeit zu Zeit die Möglichkeit, Untertitel zuzuschalten. Zum Beispiel, wenn man besonders leise sein muss oder zum Mitlesen bei fremdsprachigen Filmen. Für schwerhörige oder gehörlose Menschen sind Untertitel unverzichtbar. Doch wie entstehen Untertitel eigentlich?

Die Untertitel-Redaktion des BR

Michael Rieser arbeitet seit 2008 in der Untertitel-Redaktion des Bayerischen Rundfunks in München-Freimann. Damals war es noch eine kleine Redaktion mit nur einem Produktionsraum. Heute hat die Redaktion elf Arbeitsplätze in fünf Räumen. Bis zu zwölf Teammitglieder arbeiten täglich in verschiedenen Schichten, um die vielen BR-Sendungen, die im BR Fernsehen, ARD-alpha, im Ersten oder in den Gemeinschaftsprogrammen zu sehen sind, mit Untertiteln zu versehen.

Untertitel

Die Untertitel geben den gesprochenen Text wieder bzw. beschreiben Geräusche so, dass der Zuschauer die Originalfassung möglichst authentisch nacherleben kann. Sie lassen sich auf verschiedene Weise zum Programm zuschalten: im Livestream, in der Mediathek oder bei klassischem Fernsehen über den Videotext, als digitale DVB-Untertitel oder via HbbTV.

Untertitel gibt es seit 1984 beim BR. Zu dieser Zeit haben nur sehr wenige, ausgewählte Sendungen diesen Service angeboten. Doch der Anteil der untertitelten Sendungen ist seither stetig angewachsen. Vor zehn Jahren lag er im BR Fernsehen knapp unter 40 Prozent, inzwischen ist er auf heute rund 85 Prozent geklettert.

Stressresistenz von Vorteil

Hintergrund

Der Mensch ist in der Lage, rund 220 Wörter pro Minute aufzunehmen, wenn sie gesprochen sind. Beim Lesen sinkt die durchschnittliche Aufnahmefähigkeit auf etwa 180 Wörter. Somit müssen die Texte zum Teil umformuliert und gekürzt werden.

Im Idealfall sind die fertigen Untertitel jeweils maximal zwei Zeilen lang und sachlich in sich abgeschlossen. Für die Dauer der Einblendung gilt die Formel: Pro 15 Zeichen sollten sie mindestens eine Sekunde zu sehen sein.

Während beim BR in den frühen Jahren der Untertitelung (bis etwa 2000) ausschließlich vorproduzierte Sendungen mit längerer Vorlaufzeit bis zur Ausstrahlung bearbeitet wurden, muss nunmehr etwa die Hälfte der Sendungen unter großem Zeitdruck oder gar live untertitelt werden.

Daher sollte man unbedingt stressresistent sein, um in der Untertitel-Redaktion mitzuarbeiten, sagt Michael Rieser. Magazinsendungen und aktuelle Beiträge werden zum Teil immer kurzfristiger angeliefert, erklärt er weiter. Die Kolleginnen und Kollegen untertiteln dann im Team und manchmal werden noch während der Ausstrahlung die letzten Teile der laufenden Sendung fertiggestellt.

Re-Speaking - Multitasking par excellence!

Die Königsdisziplin ist die Untertitelung von Live-Sendungen: Michael Rieser hört den gesprochenen Text und wiederholt ihn in der Funktion als Re-Speaker - ähnlich wie beim Simultandolmetschen -, damit die Texterkennungssoftware ihn verschriftlichen kann. Dabei müssen zusätzlich die Satzzeichen gesprochen und der Text in sinnvolle Einheiten zusammengefasst werden.

Doch das ist nicht alles. Michael Rieser muss auch den verschriftlichten Text zeitgleich mit der Tastatur korrigieren und auf Sendung schicken. Zusätzlich kann er den Untertitel-Text farbig gestalten (z. B. in Diskussionssendungen bekommen die Teilnehmer unterschiedliche Farben zugeordnet).

Die Position der Untertitel auf dem Bildschirm muss er verändern, wenn zum Beispiel Bauchbinden eingeblendet werden, da sonst Untertitel und Bauchbinden übereinanderliegen. Dabei läuft aber ständig die Live-Sendung weiter und die nächsten Untertitel müssen schnellstens diktiert werden.

Die Untertitel sollen außerdem möglichst zeitgleich zum gesprochenen Wort zu sehen sein. Dazu greift das System auf den BR-internen Hauskanal zu, der etwa ein bis zwei Sekunden vor dem Fernsehbild in den bayerischen Wohnzimmern läuft.

"In einer Sekunde kann man wahnsinnig viel machen."

Michael Rieser

Für Michael Rieser ist diese Sekunde eine lange Zeit, die es ihm ermöglicht, nahezu synchrone Untertitel zu erstellen.

BR-Sendungen mit Live-Untertiteln

Live untertitelt werden im BR Fernsehen unter anderem die Rundschau-Ausgaben, das Rundschau-Magazin, die Abendschau, Wir in Bayern, die BR extra-Sendungen sowie Gottesdienste. Landtagsdebatten sowie Diskussionssendungen wie die "Münchner Runde" oder "Jetzt red I" sind die größte Herausforderung bei der Live-Untertitelung.

Teamarbeit mit der Spracherkennungssoftware

Live-Untertitel gibt es beim BR seit 2009. Michael Rieser ist von Anfang an dabei und deshalb einer der erfahrensten Redakteure in diesem Bereich. In den ersten Jahren war die Spracherkennungssoftware noch so schlecht, dass alle Live-Abschnitte doch lieber händisch eingetippt wurden - dafür arbeiteten bis zu vier Kolleginnen und Kollegen zusammen.

Doch nach und nach haben beide Seiten dazugelernt - die Software wird mit jedem Update besser. Auf der anderen Seite können die Re-Speakerinnen und Re-Speaker durch jahrelange Erfahrung auch besser mit dem Programm umgehen. Sie wissen inzwischen, dass bestimmte Wörter von dem Programm nicht "gelernt" werden und vermeiden diese. Andere Wörter wie beispielsweise "groß" dürfen sie nicht verwenden und müssen sie umschreiben, da sie einen Befehl bedeuten (Großschreibung).

Konzentration auf hohem Niveau

Lisa Berchtold ist diesmal die Kollegin von Michael Rieser bei der Live-Untertitelung.

Live untertitelt wird meist in einem Zweier-Team. Zum Beispiel bei "Wir in Bayern": Michael Rieser arbeitet diesmal mit Lisa Berchtold zusammen. Gegen Mittag rufen die beiden in der Planungssoftware Open Media den Ablaufplan der Sendung auf und bereiten die eingespielten Beiträge - soweit vorhanden - vor.

Diesmal wird in der Sendung mit Morcheln gekocht. Das Wort "Morchel" ist der Spracherkennungssoftware noch nicht bekannt und muss daher erst eingesprochen werden, das bedeutet, die Software muss das Wort erst "lernen". Dann teilen Rieser und Berchtold die Sendung in einzelne Abschnitte, um sich regelmäßig abzuwechseln. Alleine die Konzentration über die ganze Sendung so hoch zu halten, ist für eine einzelne Person enorm schwierig und sollte nicht die Regel sein. Einer im Team ist immer der Re-Speaker, der andere sucht die vorbereiteten Beiträge und startet sie auf Zuruf.

Kurz vor der Sendung sind meist auch die Moderationstexte in der Planungssoftware zu finden, die ebenfalls zur Vorbereitung der Live-Untertitel dienen - obwohl manche Moderatorinnen und Moderatoren viel improvisieren. Doch da hilft Michael Rieser seine jahrelange Erfahrung:

"Ich errate häufig schon am Gesicht von Wir in Bayern-Moderator Michael Sporer, was er als Nächstes sagen wird."

Michael Rieser

Im Dauereinsatz in Zeiten der Pandemie

Seit Beginn der Corona-Pandemie werden auch die zahlreichen Pressekonferenzen und BR extra-Sendungen untertitelt - das macht sich im Dienstplan von Michael Rieser bemerkbar. Da in der Redaktion nicht alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für das Re-Speaking bei der Live-Untertitelung eingesetzt werden können, arbeitet er jetzt mehr als vor der Pandemie.

Die Arbeitsplätze sind Corona-konform mit Plexiglas-Trennwänden ausgestattet.

Doch er ist einen engen Zeitplan gewohnt: Neben seiner Beschäftigung als freier Mitarbeiter in der Untertitel-Redaktion hat er sein Studium der vergleichenden Literaturwissenschaften und der französischen Sprache mit einer Promotion gekrönt, lehrt an der LMU und ist auch im BR nicht nur in dieser Redaktion anzutreffen.

Blick in die Zukunft

Michael Rieser ist sich sicher, dass sich die Arbeit in der Untertitelung in den kommenden Jahren stark verändern wird. So werden mittels KI automatisch erstellte Transkriptionen verstärkt zum Einsatz kommen - auch wenn es noch ein weiter und durchaus holpriger Weg sein wird, bis daraus eine qualitativ hochwertige Untertitelung generiert werden kann.

Automatische Spracherkennung vermag derzeit maximal 85 Prozent, häufig weniger, richtig zu erkennen - diese Texte sind ohne aufwendige Nachbearbeitung allerdings meist kaum verständlich und daher nicht sendbar.  Erst ab einer Erkennungsrate von zuverlässig mehr als 95 Prozent können automatisch erstellte Transkripte für die Untertitelung wirklich gewinnbringend genutzt werden. Zudem müsste die Software fähig sein, selbständig zu kürzen, verlässlich die Interpunktion zu setzen und sinnvolle Untertitel-Einheiten zu bilden.

Gerade mit Blick auf die bayerischen Regionen und ihre Mundarten, an deren Wiedergabe die automatische Spracherkennung bisher vollständig scheitert, wird den Kolleginnen und Kollegen in der Untertitel-Redaktion auch in den nächsten Jahren die Arbeit sicherlich nicht ausgehen.