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BR24 zeigt "Europäische Perspektiven" Digitaler Blick über den Tellerrand

Wie diskutieren die Menschen in Italien oder Finnland über Corona-Maßnahmen oder den Klimawandel? Und wie lässt sich die Sprachbarriere beim Erschließen von fremdsprachigem Content zu Themen wie diesen überwinden? BR24 ist für die ARD bei einem Pilotprojekt der Europäischen Rundfunkunion (EBU) dabei und sorgt für die Übersetzung. Im Interview mit BR-Intranet sprechen die Projektverantwortlichen Jonas Bedford-Strohm (ARD/BR) und Jana Heigl (BR24) über die Hintergründe des Projekts und die ersten Erfahrungen.

Von: Michael Peer (Unternehmenskommunikation)

Stand: 20.11.2021 | Archiv

Screenshot von Europäische Perspektiven | Bild: BR

So funktioniert das Projekt

Zur Weltklimakonferenz startete BR24 mit dem Projekt "Europäische Perspektiven". Das Ziel: Die Inhalte anderer öffentlich-rechtlicher Medien in Europa besser vernetzen und den Nutzerinnen und Nutzern einen europäischen Blick auf bestimmte Themen bieten. Ausgewählte Inhalte öffentlich-rechtlicher Anbieter können in einer Übersetzung in einer Artikel-Box angezeigt werden, die in bestimmten BR24-Artikeln eingebaut ist. Nutzerinnen und Nutzer, die einen Artikel lesen wollen, klicken einfach darauf und ein Pop-up-Fenster mit der deutschen Übersetzung des Artikels öffnet sich. Mit einem Klick auf das kleine Kreuz oben rechts kommt man wieder zurück zum BR24-Artikel. Wie das Projekt "Europäische Perspektiven" genau funktioniert, sehen Sie hier. Auf der BR24-Seite ist die Artikel-Box auch eingebaut.

BR-Unternehmenskommunikation: Das Projekt läuft jetzt schon ein paar Wochen. Wie lautet das erste Fazit?

Jonas Bedford-Strohm: So viele Partner-Anstalten aus ganz Europa um eine Vision herum zu versammeln und zu einem gemeinsamen Produkt zu kommen, ist ein ganz schön aufwändiges Unterfangen. Das Projekt läuft deshalb eigentlich schon seit zwei Jahren – jetzt werden nur die ersten Früchte auch für Nutzerinnen und Nutzer sichtbar. Das ist ein fantastisches Gefühl. Nach all der Aufbau-Arbeit mit der Finanzierung, viel konzeptioneller Arbeit, juristischen Klärungen, technischen Entwicklungen, strategischen Abstimmungen und redaktionellen Workflows ist es fast unglaublich, dass wir trotz all den Unwägbarkeiten jetzt mit der europäischen Artikel-Box ein funktionierendes Produkt auf BR24 live bekommen haben!

Warum engagiert sich BR24 bei diesem EBU-Projekt? Was ist daran für den BR so interessant?

Jonas Bedford-Strohm: Die öffentlich-rechtlichen Medien in Europa vernetzen sich ja schon lange über die EBU – doch die digitalen News-Inhalte haben wir untereinander bislang nicht ausgetauscht. Wir engagieren uns in dem Projekt, weil wir einen echten journalistischen Mehrwert für die Menschen darin sehen. Die Corona-Pandemie hat eindrucksvoll belegt: Die großen Herausforderungen machen nicht an den Landesgrenzen halt. Unser Diskurs tut das aufgrund der Sprachbarrieren allerdings viel zu häufig schon.

Dabei kann die Diskussion über Nachhaltigkeit oder die Corona-Maßnahmen in Italien, Frankreich, Finnland oder Irland ja auch für die Nutzerinnen und Nutzer von BR24 interessant sein und neue Denkanstöße liefern. Dafür haben wir jetzt mit diesem Content-Netzwerk eine Infrastruktur unter der Haube geschaffen und entwickeln BR24 damit auch bewusst zu einer Plattform für Partner-Inhalte weiter.

Und wir stärken natürlich unsere technologische Kooperation mit der EBU, mit der wir ja schon beim Empfehlungs-System PEACH für die BR Mediathek und die ARD Audiothek zusammenarbeiten. Genau wie das Übersetzungs-System EuroVOX wird jetzt auch PEACH in diesem Projekt genutzt. Das belegt: ein modularer, kollaborativer Entwicklungs-Ansatz taugt als Vorbild für technische Projekte.

Es stecken also gleich mehrere wichtige strategische Themen in diesem Projekt, die in Zukunft sicher noch wichtiger für uns werden.

Wie ist es zu dem Projekt gekommen?

"Europäische Perspektiven" ist ein Projekt der European Broadcasting Union EBU.

Jonas Bedford-Strohm: Der Impuls für dieses Projekt geht zurück auf das Engagement des Bayerischen Rundfunks für die Stärkung eines europäischen Plattform-Ökosystems im Medienbereich, das ja schon dem ehemaligen Intendanten des Bayerischen Rundfunks, Ulrich Wilhelm, sehr am Herzen lag. Die Europäische Kommission hat in der Folge einen Innovations-Topf für Pilotprojekte in diesem Bereich ausgelobt und eine Reihe von EBU-Mitglieds-Anstalten haben sich zusammengeschlossen, um dort Fördergelder einzuwerben. Das hat geklappt und der BR ist dem Konsortium formell beigetreten.

Über die Kooperation bei EBU PEACH gab es aber im technischen Bereich schon gute Kontakte und durch die Beteiligung von Kolleginnen und Kollegen aus der BR Next Community als Speakerinnen und Speaker bei Veranstaltungen der EBU sind auch redaktionelle Kontakte entstanden. Am Ende traf also der informelle Kontakt auf der Arbeitsebene mit einem formellen Engagement der Geschäftsleitung zusammen und der BR bot sich als idealer Pilotpartner für die ARD im Projekt an.

Von Anfang an dabei: das #Faktenfuchs-Team

Am Ende lebt das Projekt aber nur, weil sich die Kolleginnen und Kollegen in den Redaktionen bei BR24 für die Inhalte engagieren. Insbesondere das #Faktenfuchs-Team war gleich als Pilotredaktion an Bord. Deswegen freuen wir uns natürlich sehr über weitere Redaktionen, die sich mit für die gemeinsame Verbreitung der Artikel in anderen europäischen Sprachen einbringen wollen.

Neben künstlicher Intelligenz sind auch Redakteurinnen und Redakteure bei der Übersetzung gefragt. Wie sieht das ganz praktisch aus?

Jana Heigl: Wir kombinieren die automatisierte Übersetzung von EuroVOX mit zusätzlichen redaktionellen Qualitäts-Checks. Das Ziel ist, diesen Check so einfach und schnell wie möglich zu machen, damit wir nicht zu viel der kostbaren Zeit der redaktionellen Kolleginnen und Kollegen dafür beanspruchen müssen.

Das #Faktenfuchs-Team hat bei BR24 die Pilot-Rolle für das Projekt übernommen. Die Redakteurinnen und Redakteure sind jeweils dafür verantwortlich, dass ihre #Faktenfuchs-Artikel ins Englische korrekt übersetzt sind. Konkret bedeutet das, dass sie die automatische Übersetzung prüfen und wenn nötig Formulierungen anpassen.

BR24 stellt darüber hinaus aber auch weitere Inhalte zur Verfügung – darum kümmere ich mich und versuche dabei auch auf die Wünsche der anderen EBU-Partner einzugehen, also genau die Artikel zu übersetzen, die für ein europäisches Publikum interessant sind. Im Redaktions-System können alle Netzwerk-Partner den Wunsch äußern, dass bestimmte Artikel, die von den Kolleginnen und Kollegen in der Partner-Anstalt veröffentlicht werden, auch übersetzt und zur Veröffentlichung freigegeben werden sollen.

Braucht es für diese Arbeit gute Kenntnisse in allen relevanten Sprachen (Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Finnisch, Portugiesisch)? Wie wird das gelöst?

Jana Heigl: Es reicht völlig, gute Englisch-Kenntnisse zu haben, da jeder Artikel ja von der Originalsprache automatisch auf Englisch übersetzt wird und diese Übersetzung von den jeweiligen Autorinnen und Autoren geprüft und freigegeben werden muss, bevor andere sie verwenden können.

Finnisch, Portugiesisch oder Französisch muss man aber nicht können, um mit den Artikeln der EBU-Partner arbeiten zu können, denn die Kolleginnen und Kollegen aus den Partner-Anstalten haben uns ja entsprechend die englische Version als Basis-Dokument und Kontroll-Text freigegeben.

Das Übersetzungstool lässt es aber tatsächlich zu, die Artikel in all diese Sprachen zu übersetzen. Und man kann sich auch immer die Originalsprache anzeigen lassen. Bei einem Artikel von franceinfo beispielsweise kann ich mir also auch den französischen Text als Grundlage für die deutsche Übersetzung nehmen, wenn ich mir im Französischen sicherer bin als im Englischen.

Wenn die Artikel Audio- oder Video-Content haben, klappt die Transferleistung an dieser Stelle dann auch schon?

Jana Heigl: Auf der von der EBU entwickelten Plattform ist es tatsächlich schon möglich, Audio- und Video-Content zu übersetzen. Im Grunde funktioniert das genauso wie die Übersetzung eines Textes, bloß, dass hier noch ein Spracherkennungs-Programm zum Einsatz kommt. Es wird zuerst ein Transkript angefertigt und anschließend übersetzt. Bei der Freigabe der Übersetzung muss beides geprüft werden.

Will ich ein Video von Rai auf Deutsch übersetzen, reicht ein Knopfdruck. Ich kann auswählen, ob ich eine männliche oder weibliche Voice-Over-Stimme haben möchte. Diese wird über die Originaltonspur gelegt und es klingt am Ende fast so als wäre es auf Deutsch produziert worden. Die Qualität ist da in den letzten Jahren schon beeindruckend gut geworden.

Die Schwierigkeit bei Video-Material liegt weniger in der Übersetzung als im Bildmaterial, das verwendet wird. Es ist als Redakteurin und Redakteur, die mit der Produktion der Videos nichts zu tun hatte, erstmal nicht ersichtlich, woher die Bilder stammen. Das kann zu rechtlichen Konsequenzen führen, weshalb wir da vorsichtig sind und bisher selbst noch kaum Videos den anderen EBU-Partnern zur Verfügung gestellt haben.

Aber ARTE ist auch einer der Projektpartner und nutzt als reiner Bewegtbild-Anbieter vor allem Video-Material – dort hätten wir also einen tollen Ausspielweg. Das ist sicher eins der Entwicklungsfelder für die Zukunft des Projekts.

Wie werden die Themenschwerpunkte gesetzt? Entscheidet das jede Anstalt für sich oder braucht es immer ein gemeinsames Angebot?

Jana Heigl: Grundsätzlich hat jede Anstalt die Möglichkeit, eigene Themenschwerpunkte zu setzen und so das eigene Angebot durch die europäische Perspektive zu ergänzen. Es gibt jedoch wöchentlich eine Redaktions-Konferenz mit allen Partner-Anstalten, in der Themen besprochen werden, die für alle interessant sind. Die Klimakonferenz in Glasgow zum Beispiel war so ein Ereignis.

In diesen Redaktions-Konferenzen bekommt man auch einen guten Einblick, welche Schwerpunkte die anderen Anstalten setzen möchten und kann sich bei der Auswahl der übersetzten Artikel daran orientieren.


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