Sternstunden


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BR-Spendenaktion 25 Jahre Sternstunden - Wir helfen Kindern

Mit seiner Hilfsaktion Sternstunden setzt sich der Bayerische Rundfunk für Not leidende Kinder in Bayern, Deutschland und auf der ganzen Welt ein. Seit der Gründung vor 25 Jahren 1993 hat Sternstunden rund 235 Millionen Euro gesammelt und damit mehr als 2.950 Kinderhilfsprojekte gefördert. Einige Helfer blicken zurück auf die Anfänge der Aktion.

Von: Andrea Gartner

Stand: 08.11.2018

Spendenzentrale im Münchner Funkhaus | Bild: BR / Simon Heimbuchner

Kleine Zeitreise - vor 25 Jahren im Jahr ...

... 1993 – wurde der SV Werder Bremen deutscher Meister, sang Withney Houston im Radio "I will always love you“, löste Bill Clinton George Bush senior  als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ab, regierte in Deutschland Kanzler Helmut Kohl seit elf Jahren und der blutige Konflikt in Jugoslawien ging in das dritte Kriegsjahr.

Dieser Krieg, so nahe bei uns – nicht nur geografisch, sondern auch emotional –  war der Auslöser dafür, dass der Bayerische Rundfunk die Benefizaktion Sternstunden ins Leben rief. Thomas Jansing, damals Leiter der Programmkoordination Fernsehen beim BR, fand es schrecklich, dass dieser Krieg in Jugoslawien die Schwächsten der Gesellschaft, nämlich die Kinder, besonders traf. Deren Not plötzlich in so unmittelbarer Nähe zu erleben, weckte sein Mitgefühl und das Bedürfnis helfen zu wollen.

"Ich wollte es nicht bei der bloßen Berichterstattung bewenden lassen, sondern durch Hörfunk und Fernsehen konkrete Hilfe mobilisieren,"

erzählt Sternstunden-Gründer Thomas Jansing.

Deshalb gründete er die Aktion Sternstunden. Diese Benefizaktion setzt sich nun seit mehr als 25 Jahren für kranke, behinderte und Not leidende Kinder und Jugendliche ein. Gemeinsam mit dem Bayerischen Rundfunk engagieren sich die Partner - BayernLB, Sparkassenverband Bayern, Versicherungskammer Bayern und Bayerische Landesbausparkasse - das ganze Jahr über für Kinderhilfsprojekte in Bayern, in Deutschland und auf der ganzen Welt. Um Geld für die Hilfsprojekte zu sammeln, hat der Bayerische Rundfunk von Anfang an in verschiedenen Sendungen über die Aktion berichtet und zu Spenden aufgerufen.

Gespannte Stimmung in der Telefonzentrale

1993 - die Spendentelefone sind erstmals geschaltet.

1993 saßen am Heiligen Abend im Fernsehstudio in Unterföhring rund 30 Mitarbeiter an den Spendentelefonen und warteten gespannt, ob diese auch klingeln werden.

Und das taten sie – die Kollegen hatten bald alle Hände voll zu tun und notierten fleißig Namen und Adressen der Anrufer, gaben Tipps, wo die Anrufer ihre Kontonummer finden. "Schauen Sie mal auf Ihrer EC-Karte nach. Ich hab' Zeit, ich bleib so lange in der Leitung…". Mit diesen Angaben konnten dann die Abbuchungen gleich gemacht werden. In den ersten Jahren war zwischen den Anrufen der Spender schon mal Zeit, um mit den Sitz-Nachbarn zu quatschen und auch einen kleinen Wettbewerb auszutragen: "Wie viel hast Du heute schon zusammengetragen?"

Wer spendet wie viel?

Zwischen 3.000 und 5.000 DM kamen an diesen Tagen pro Mitarbeiter am Spendentelefon zusammen. Eine Anzeige auf den Bildschirmen an ihrem Platz zeigte ihnen immer den aktuellen Stand an.

SPENDENSUMME 1993: 5.085.619 DM

Sternstunden unterstützte 1993 57 Projekte davon 8 in Deutschland, 27 in Bayern und 22 im Ausland.

Und das obwohl anfangs überwiegend kleine Beträge gespendet wurden: mal eine Mark, mal fünf Mark. Ein Anrufer, der hundert Mark spenden wollte, war damals eher die Ausnahme.

"Meine Enkel waren dieses Jahr so böse, die haben mich nie besucht und deshalb bekommen die dieses Jahr an Weihnachten auch keine Geschenke! Dafür spende ich 2.000 DM an die Sternstunden,"

Erich Pronold, ehemaliger BR-Programmgeschäftsführer, der seit 1993 bei Sternstunden mithilft, erinnert sich an einen Anruf einer 80-jährigen Dame aus Köln

Doch es gab auch immer wieder Anrufer, die größere Summen spenden wollten. Da kam dann Ilse Schonath ins Spiel. Sie war die langjährige Assistentin von Thomas Jansing und bei Sternstunden zuständig dafür, bei diesen großzügigen Spendern zurückzurufen. Erst einmal, um sich zu bedanken. Aber auch um auszuschließen, dass da jemand aus einer Laune heraus angerufen hat und gar nicht ernsthaft eine solche Summe spenden wollte. „Das ist mir aber nie passiert, dass da jemand nur aus einem Jux heraus angerufen hat. Die wollten tatsächlich 1.000 DM und auch mehr spenden.“

Die besondere Stimmung an Heilig Abend

Die erste Fernsehsendung rund um Sternstunden

Sternstunden wurde schnell ein großer Erfolg. Sicher auch Dank des engagierten Einsatzes der vielen freiwilligen Helfer. Am Heiligen Abend hat bei Ilse Schonath der kleine Sohn zu Hause sehnsüchtig auf das Christkind und die Mama gewartet. Aber er hat es verstanden, dass die Mama anderen Menschen helfen will.                                                        

Hilfe für alle Fälle – das "Sorgentelefon"

Gerade an diesem doch emotional besonders aufgeladenen Tag riefen auch viele Menschen an, die nicht unbedingt bei Sternstunden etwas spenden wollten, sondern einen Ansprechpartner für Ihre Sorgen und Nöte suchten. Die kritischen Fälle unter den vielen Anrufern wurden bald an ein spezielles "Sorgentelefon" weitergeleitet. Ab 1996 war dafür Monsignore Erwin Albrecht zuständig. Im Unterschied zu den anderen Helfern in der Telefonzentrale war er mit einem schnurlosen Telefon ausgestattet und wenn bei den "normalen" Mitarbeitern am Spendentelefon ein Anrufer dran war, der eigentlich jemanden zum Reden suchte, kam er ins Spiel. Mit einem höflichen "Wir verbinden Sie weiter…" landeten diese Anrufer bei Monsignore Erwin Albrecht.

Der hatte sich sorgfältig vorbereitet auf seinen Dienst: Eine Liste mit allen Notrufnummern wie Polizei und Feuerwehr, aber auch die Nummern von Stellen, die bei Suizid-Absichten weiterhelfen würden, hatte er immer zur Hand – gebraucht hat er sie aber Gott sei Dank nie. "Ich hatte ja Zeit" erzählt er, "ich konnte mir das alles anhören." Dieses Zeithaben war sein großer Vorteil. Die Gespräche waren mal kurz – vielleicht nur zwei Minuten, mal länger, bis zu 20 Minuten, aber immer sehr eindringlich. Viele haben ihm ihre ganze Lebensgeschichte erzählt.

Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm eine Mutter von drei Kindern, die keinen Kontakt mehr hatten. Diese alte Frau hat sehr unter ihrer Einsamkeit gelitten, ihr Mann war schon vor langer Zeit gestorben. Die Kinder kamen weder vorbei, noch haben sie ihre Mutter angerufen. Noch nicht einmal an Heilig Abend. Allein, dass sie ihre Sorgen und Nöte ihm erzählen durfte, hat ihr geholfen. Diese Geschichte hat ihn sehr bewegt. Und hat ihn bestärkt unter allen Umständen auch weiterhin mit seinen Eltern Weihnachten zu feiern. Deswegen verbringt er an diesem Tag viele Stunden im Auto: Von Eichstätt nach Unterföhring in die Sternstunden-Spendenzentrale, zurück nach Hause zu seinen Eltern nach Hofstetten, dort Würstl essen und dann weiter zur Christmette um Mitternacht.

Monsignore Erwin Albrecht

"So frei ist die Autobahn sonst nie wie an Heilig Abend! Der Dienst machte mir immer eine ganz besondere Freude. Schon wenn der Pförtner mich in Unterföhring freundlich begrüßte, wurde mir bewusst, was für eine besondere Truppe sich an diesem Tag hier zusammen getan hat. Alles Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Motivationen beschlossen haben, ihre Zeit an Heilig Abend Sternstunden zu widmen,"

erinnert sich Monsignore Albrecht

Die bunte Truppe

Johanna Dilg in der Spendenzentrale

Auch Johanna Dilg empfindet das besonders schön, in diesem Team dabei zu sein.  Sie hat am 1. Januar 2000 beim BR angefangen und seit damals bei Sternstunden mitgeholfen. Die Freude darüber, dass ihre Kinder gesund sind und sie ohne Sorgen aufwachsen konnten, hat ihr Bedürfnis geweckt, anderen, die nicht dieses Glück hatten, zu helfen.

Neben den BR Mitarbeitern waren und sind auch Mitarbeiter von der Landesbank, vom Sparkassenverband Bayern, der Versicherungskammer Bayern und der Landesbausparkasse dabei. Diese bunte Mischung war eine tolle Truppe, und viele haben sich gefreut,  am Heiligen Abend im Kreise dieser Gruppe gemeinsam etwas Gutes zu tun.

Die Sternstunden liegen den Menschen am Herzen

Am Telefon wird Johanna Dilg oft gefragt, wo sie denn beim BR arbeitet (in der Verwaltung) – denn die Menschen, die bei Sternstunden anrufen, suchen nach einer persönlichen Verbindung. Und sie suchen sich auch die Aktion Sternstunden ganz gezielt für ihre Spende aus. Johanna Dilg erzählt, bei ihr rufen sehr viele Rentner an, die sagen, zu Sternstunden haben wir Vertrauen, an die spenden wir gerne. Auch wenn sie selbst nicht viel haben – aber eine Spende von 5 oder 10 Euro geben zu können, das ist ihnen wichtig.

Bettina Linden sitzt rechts hinten am Spendentelefon.

Bettina Linden, die bei der "Münchner Runde" im BR Fernsehen arbeitet, hat genau das auch bewogen, selbst mitzuhelfen bei Sternstunden. Sie war beeindruckt von den vielen tollen Projekten, die Sternstunden unterstützt: In Bayern, aber auch weltweit. Deshalb ist sie seit 2001 mit wenigen Unterbrechungen dabei, wenn fleißige Helfer für die Spendentelefone gesucht werden. Sie wollte mehr tun, als "nur" selbst zu spenden vor Weihnachten. Am schönsten findet sie, wenn Kinder anrufen und dann 5,85 Euro spenden wollen, den Inhalt ihres Sparschweines.

Veränderungen

Weil der Dienst am Telefon anstrengend ist, wird regelmäßig gewechselt.

Seit 2004 gibt es Mitte Dezember einen großen Sternstundentag beim Bayerischen Rundfunk, beim dem alle mitmachen: An diesem Tag sind ab sechs Uhr morgens die Telefone der Spendenhotline besetzt und bis zum Abend mit der großen Sternstunden-Gala laufen die Drähte heiß.

Insgesamt hat sich in den Jahren der Kontakt am Telefon ein wenig verändert; früher wurde mehr erzählt. Johanna Dilg berichtet, dass nun am Sternstundentag an den Vormittagen oft Geschäftsmänner anrufen. Die erzählen, sie hätten gerade im Auto von unserer Aktion gehört und seien jetzt kurz rausgefahren, um anrufen zu können. Und spenden dann relativ großzügig, meist um die 100 Euro. Immer mal wieder gibt es auch Anrufer, die sich daran stören, dass "nur" für Kinder gesammelt wird, oder dass viele Spenden ins Ausland gehen. Aber bei der Menge gibt es nur sehr wenige unangenehme Anrufe. Und alle freiwilligen Helfer werden auch vom Sternstunden-Team gebrieft für solche Situationen. Viel öfter kommt es aber vor, dass ein Anrufer Grüße an einen Schauspieler oder Moderator ausrichten möchte.

"Die Arbeit am Spendentelefon gibt mir so viel. Ich mache das auch für mich. Andere haben vielleicht einen Mädelsabend – ich hab‘ meine Sternstunden,"

sagt Johanna Dilg.

Erich Pronold erinnert sich

Einige Mitarbeiter von früher aber bedauern, dass es die Schicht am Heilig Abend in der Spendenzentrale nicht mehr gibt. Erich Pronold sagt, dass er sie regelrecht vemisse. "Das hat mir am meisten Freude gemacht - die Schicht am Heiligen Abend.“ Bis zu seinem 70. Geburtstag vor fünf Jahren hat er aber trotzdem noch an den Spendentelefonen mitgeholfen. Jetzt ist er nicht mehr dabei: "Alles hat seine Zeit. Und der Dienst ist schon anstrengend, körperlich und emotional. Das geht heute nicht mehr", sagt Erich Pronold.

Neue Aufgaben für Monsignore Albrecht

Auch Monsignore Albrecht vermisst die ganz besondere Atmosphäre, die an Heilig Abend sich bei den Mitarbeitern in der Spendenzentrale in Unterföhring bemerkbar machte. Aber er ist Sternstunden weiter verbunden: Da er für den Bayerischen Rundfunk bei den Papstmessen den Kommentar spricht und den Papst auch auf vielen seiner Auslandsreisen begleitet, hat er eine neue Aufgabe gefunden. Er besucht Kinderhilfsprojekte, die von Sternstunden unterstützt werden. Sozusagen als Sternstunden-Botschafter. "Ich gehe dann immer erst einmal dort einkaufen, meist einen ganzen Sack voller Lutscher. Den bring ich den Kindern mit!“.

So war er in Brasilien in einem Kinderheim in Sao Paulo oder zuletzt in Bethlehem, wo in der Arche Jugendliche mit Behinderung Taschen, Spielsachen und vieles mehr herstellen. Die Mitarbeiter und Kinder freuen sich riesig, wenn er kommt – nicht nur wegen der Süßigkeiten. Er ist ein Mensch, einer der sich kümmert und nachschaut, ob alles gut läuft, was die Projekte dort machen. Und er gibt der Aktion Sternstunden für die Menschen dort ein Gesicht und eine Stimme. "Am Telefon brauchen mich die Sternstunden heute nicht mehr. Da gibt es so viele, die mithelfen. Aber das ich die Entwicklung von Sternstunden noch weiter begleiten kann – das macht mich sehr froh!“

Ungeplante Aufmerksamkeit für Bettina Linden

Schauspielerin Uschi Glas

Die Zeitschrift "Bunte" druckte ein Foto aus der Spendenzentrale im BR-Funkhaus, bei der Bettina Linden im Hintergrund von Uschi Glas saß. Uschi Glas hat viele Jahre am Spendentelefon mitgeholfen.

Auf das Foto wurde Bettina Linden von sehr vielen Kollegen angesprochen. "Ich wusste gar nicht, wer alles so aufmerksam diese Zeitschrift liest…“

Überraschende Familienbeziehungen

Andreas Bönte, Programmbereichsleiter BR Fernsehen, ARD-alpha, 3sat

Monsignore Albrechts Mutter hat beim Spendentelefon angerufen und ist bei Andreas Bönte, Leiter Programmbereich BR Fernsehen, ARD-alpha und 3sat, herausgekommen. Und als Herr Bönte ihre Angaben aufgenommen hat und als Adresse Hofstetten hörte, sagte er: "Ach Hofstetten, von da kenne ich einen Pfarrer Albrecht. Kennen Sie den auch?“ Er war dann sehr überrascht als sie antwortete: "Das ist mein Sohn!"

Weiter Arbeitsweg der Telefonistin

In der Telefonzentrale bei Sternstunden | Bild: BR

Johanna Dilg in der Spendenzentrale

Johanna Dilg erinnert sich, dass sie in ihrem Umfeld so viel über die Freude, die man aus der Aktion mitnehmen kann, erzählt, dass im Jahr 2012 eine Freundin und frühere Arbeitskollegin auch Sternstunden am Spendentelefon unterstützen wollte. Die Freundin war zwischenzeitlich nach Amsterdam ausgewandert und reiste extra für diese Aufgabe nach München. Damit nahm sie einen rekordverdächtig langen Arbeitsweg in Kauf.


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