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Clearing and re-education

Radio München Clearing and re-education

Stand: 11.06.2020

Tontechnikerin im Funkhaus | Bild: BR/Historisches Archiv

Von Bettina Hasselbring, Historisches Archiv

1945 wurden bei Radio München grundlegende Weichenstellungen hinsichtlich Programm und Personal gelegt. Um den Sendebetrieb nach der Kapitulation gleich aufnehmen zu können, arbeitete zunächst nur das alte technische Personal weiter. Im Programmbereich fand fast ein kompletter Austausch statt. In den ersten Jahren stellte man vor allem junge, funkunerfahrene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein oder ältere, die mit dem Naziregime nichts zu tun gehabt hatten.

Zunächst mussten sich alle Bewerberinnen und Bewerber einem ausführlichen "clearing" durch das Intelligence-Office unterziehen, da sie unmittelbar bei der Militärregierung angestellt waren. Wie bei keinem anderen Medium wurde die Entnazifizierung im Rundfunk streng gehandhabt, besonders bei den Programmverantwortlichen.

Hier im Bild als Beispiel der Fragebogen von Karl Valentin

Das Clearing-Verfahren war langwierig, dauerte drei bis vier Wochen. Die Kandidatinnen und Kandidaten hatten zunächst einen kleinen Fragebogen auszufüllen. Darin wurden sie unter anderem gefragt, ob sie von 1933 bis 1945 in der Öffentlichkeit hervorgetreten seien. Anschließend fand ein Vorstellungsgespräch statt mit versteckten Fragen über die politische Einstellung.

Viele suchten im kriegszerstörten München neue Arbeit und klopften beim Funk an, wie zum Beispiel die Wirtschaftsreporterin Katja Flick. Andere wie Herbert Gessner, der erste innenpolitische Sprecher, oder Annemarie Schambeck, die langjährige Leiterin des Schulfunks, hatten sich über das Programm beschwert und wurden daraufhin von den Amerikanern eingeladen, es besser zu machen.

Auch Jimmy Jungermann wurde im September 1945 bei Radio München angestellt und prägte jahrzehntelang das Bild des Bayerischen Rundfunks als Abteilungsleiter der Tanz- und Unterhaltungsmusik. 1980 erinnerte er sich in einem Interview an seinen Berufsanfang.

"Durch das viele Radiohören bin ich aber darauf gekommen, daß Radio München, vielleicht haben sie es gut gemeint mit der re-education, vielleicht wollten sie die Leute umerziehen, von morgens bis abends Jazzplatten gespielt haben, für die die Leute halt überhaupt kein Verständnis hatten. Das war noch zu früh für so eine Musik, da waren sie überfordert… Da habe ich in einem Wutanfall einen langen Brief geschrieben. Damals habe ich noch gut Englisch gekonnt. Auf 12 oder 15 Seiten habe ich geschrieben, was für einen Sinn es denn habe, diese herrlichen Platten zu spielen, ohne den Leuten das nahezubringen und zu erklären, um was es ginge, mal ein bißchen erzählen, was die Geschichte vom Jazz ist, was dahinter steckt. Berichten über die Ursprünge, die ja auf Europa zurückgehen. Kurz und gut, ich habe mich nicht beworben. Ich habe einen Brief geschrieben und einem Journalisten mitgegeben. Damals gab es ja noch keine Post, im Juni, Juli 1945.
Im September 1945 kommt dann plötzlich ein Jeep angebraust mit zwei schwerbewaffneten GI's, Stahlhelm und Maschinenpistole. Meine Mutter ist ganz erschrocken. Was ist los? No comment, no comment… Und so sind wir in einem Wahnsinnstempo im offenen Jeep – es war ein kühler Herbsttag – nach München gebraust. Dort haben sie mich zu Mr. Brill gebracht."

äußerte sich Jimmy Jungermann 1980

Programmchef von Radio München

Klaus Brill war für einen Großteil der Personalpolitik verantwortlich. Als Programmchef von Radio München kontrollierte er jedes Manuskript vor der Sendung und stempelte sein "o.k.", wenn alles passte.

Aus der Biografie von Klaus Brill

Geboren am 29. Oktober 1913 in Königsberg (dem heutigen Kaliningrad) wuchs Klaus Brill in Hamburg und Berlin auf. In Berlin besuchte er in den 30er Jahren die Schauspielschule. Nachdem Juden in Deutschland nicht mehr auftreten durften, ging er nach Straßburg und emigrierte 1938 in die USA. Bis 1943 lebte er in New York.

Nach dem Selbstmord seiner Mutter in Deutschland, die damit der drohenden Deportation entgehen wollte, ging Brill zur Armee. 1945 kam er nach Deutschland und war als 30jähriger Offizier zuständig für die Personalpolitik von Radio München und das Clearing-Verfahren für neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In der Radiowelt aus dem Jahr 1946 schreibt Klaus Brill: "Wir wollen, dass Radio München am Aufbau Deutschlands arbeitet. Wir versuchen, den Hörern ein Bild zu geben vom Leben und Dichten und Musizieren und Denken in der Welt: in Hörspielen und Vorlesungen und Konzerten und Sendefolgen." 1948 wird der Sender in deutsche Verantwortung übergeben. Brill kehrt zurück nach Amerika.

Wie wichtig für ihn selbst die Arbeit beim Münchner Sender auch noch nach fast 60 Jahren war, zeigt, dass er eine Woche vor seinem Tod, seinen Stiefsohn gebeten hat, den Bayerischen Rundfunk im Falle seines Ablebens zu informieren. Klaus Brill ist im Alter von 93 Jahren am 3. Mai 2007 in Los Angeles gestorben.

Einsatz für den Wiederaufbau der Demokratie

Fritz Benscher in den 1950er Jahren

Einige der neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatten als Nazi-Gegner die Verfolgung des Dritten Reichs überlebt und setzten sich jetzt für den Wiederaufbau der Demokratie ein. Der Schauspieler Fritz Benscher avancierte bald zum einflussreichen Mitarbeiter, führte Regie, sprach Nachrichten, Kommentare und Glossen. Benscher moderierte auch die erste Autofahrersendung im Bayerischen Rundfunk, "Gute Fahrt", und später im Fernsehen das "Tick-Tack-Quiz".

"Nie wieder Krieg"

Manuskript der Sendereihe “Nie wieder Krieg” vom 11.12.1946 mit dem O.K.-Stempel der Militärregierung

Die Sendung "Nie wieder Krieg" war eine der spektakulärsten re-education- und Demokratisierungssendungen, die Benscher redaktionell betreute. Die pathetischen Hörszenen, Vorträge oder Kommentare liefen einmal wöchentlich zur besten Sendezeit – das war in einer Zeit, wo das Radio im Mittelpunkt der ganzen Familie stand, der Abend. Thematisiert wurden die Ursachen und Folgen von Krieg und Diktatur.

Berichte der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse

Der re-education, der Umerziehung, dienten in den ersten beiden Jahren auch die Berichte und Kommentare von den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen. Sie liefen bis zur Urteilsverkündung am 1. Oktober 1946 täglich außer samstags: von 20.15 bis 20.30 Uhr. Zur besten Sendezeit damals also – Fernsehen gab es ja noch nicht. Wie Hörerumfragen belegen, wurden diese Berichte von vielen Menschen am Radio verfolgt.

Der Kommentar etabliert sich

Freie Meinungsäußerungen waren nach 12 Jahren Diktatur so gut wie unbekannt. Selbst in der Weimarer Zeit hatten die Rundfunkanstalten peinlich darauf geachtet, kontroverse politische Stellungnahmen aus dem Programm herauszuhalten. Nach 1945 etablierte sich der Kommentar nun als amerikanische Importware im Radio.

Meinungsvielfalt

Bodo Ohly durfte in der "Weltpolitischen Umschau" als erster Deutscher wieder außenpolitische Themen behandeln. Alle Parteien und gesellschaftlichen Gruppen hatten jetzt die Möglichkeit, sich zu äußern: in Sendereihen wie "Der Bürgermeister spricht", "Die Gewerkschaft ruft" oder "Tribüne der Parteien". Das entsprach ganz den Richtlinien der amerikanischen Informationspolitik: demokratische Meinungsfreiheit demonstrieren und bei der politischen Meinungs- und Willensbildung unterstützen.

Für Meinungsvielfalt in den Medien setzte sich 1946 auch James E. Clark ein, der Leiter der "Information Control Division" der amerikanischen Militärregierung in Bayern.

"Ich glaube, daß es mit zu den wichtigsten Dingen für das deutsche Volk gehört, die Möglichkeit zu haben, viele und verschiedene Meinungen zu hören, um sich selbst ein Urteil bilden zu können. Dies bezieht sich auf beides, Presse und Radio. Nichts gefährlicheres gibt es für ein Volk, und dies hat das Naziregime wohl bewiesen, als wenn es nur einseitig informiert wird und nur einseitige Meinungen erhält, wenn es die Fähigkeit verliert, Dinge kritisch zu beurteilen und sich selbst sein Urteil zu bilden … Radio München wird sich bemühen, Ihnen gute Programme zu senden, Sie voll zu informieren und, vor allem, in aller Offenheit die Probleme Deutschlands und der Welt zu diskutieren."

so James E. Clark 1946