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Von der re-education zu mehr Unterhaltung

"Hier ist Radio München…" Von der re-education zu mehr Unterhaltung

Stand: 15.07.2020 19:38 Uhr

Das Ensemble der "Brummlg’schichten" im Münchner Funkhaus. Vor dem linken Mikrophon von links: Rudolf Vogel, Michl Lang,  Barbara Gallauner, vor dem rechten Mikrophon: die   Isarspatzen, 1947
| Bild: BR/Grimm, Lindinger

Von Bettina Hasselbring, Historisches Archiv

1947 änderte sich die amerikanische Rundfunkpolitik in Deutschland Richtung Antikommunismus. Unter dem ersten amerikanischen Leiter, Field Horine, hatten politische Sendungen zur Vergangenheitsbewältigung noch einen hohen Stellenwert im Programm von Radio München.

Edmund Schechter

Nach dem Weggang von Field Horine 1947 übernahm Edmund Schechter die Leitung von Radio München. Der jüdische Wiener Emigrant hatte in den 1930er Jahren Europa verlassen und kehrte nach dem Krieg zurück. Bevor er nach München kam, leitete er in Berlin den RIAS, den Rundfunk im amerikanischen Sektor. Edmund Schechter passte besser in die neue "Containment-Policy".

Schon mit dem Amtsantritt Schechters 1947 verlagerte sich auch der Programmschwerpunkt von der re-education hin zu mehr Unterhaltung, zu Bunten Abenden, Volksmusik, Operette, Tanzmusik oder zu lustigen bayerischen Serien. Das verstärkte sich später noch nach der Gründung der Bundesrepublik 1949 und in den Wirtschaftswunderjahren.

Brummlg'schichten

Eine sehr erfolgreiche Unterhaltungssendung lief von 1947 bis 1953: die "Brummlg`schichten“ von Kurt Wilhelm. Jede Sendung wurde live im Studio 1 des Funkhauses aufgezeichnet. Die "Isarspatzen" sorgten für die musikalische Umrahmung. Das Publikum riss sich um die Plätze. Die "Brummlg`schichten" verdankten ihren Erfolg vor allem den Darstellerinnen und Darstellern: Michl Lang und Liesl Karlstadt spielten das Ehepaar Brumml, Barbara Gallauner die Hausgehilfin Zenzi, Rudolf Vogel den Hausfreund Wurmdobler.

Weiß Ferdl

Ein anderer bayerischer Volksmusiker und -schauspieler, Ferdinand Weisheitinger, besser bekannt als Weiß Ferdl, dagegen wurde immer beliebter. Zunächst zwar von der Clearingstelle noch als "Mitläufer" eingestuft, konnte er ab 1947/48 wieder im Rundfunk auftreten. Vor allem seine Lieder, wie "Ein Wagen von der Linie 8", seine berühmte Satire auf die Münchner Trambahn, hatten dauerhaft Erfolg.

Unterhaltung, volkstümliche bayerische Unterhaltung stand hoch im Kurs. Ein weiteres prominentes Beispiel ist der Roider Jackl. Der Förster aus Freising gilt als der wohl bekannteste bayerische Volkssänger der Nachkriegszeit. Er erfand das politisch-kritische Gstanzl und besang als Erster landes- und weltpolitische Ereignisse. Der Bayerische Rundfunk machte ihn zur "Stimme des Volkes". In Sendungen wie "Weißblaue Drehorgel", "Bairisch Herz", in Hörspielen oder im Landfunk stand sein Name über 40 Jahre lang auf dem Programm.

Bereits 1931 war Roider beim 1. Niederbayerischen Volkssingen in Landshut fürs Radio entdeckt worden. Zeit seines Lebens zog er durch ganz Bayern und trat bei Veranstaltungen aller Art auf. Berühmt wurde er durch seine Nockherberg-Reden beim Salvatoranstich. 20 Jahre lang der "dableckte" er die Politiker.

Ansprache und Gstanzl aus der Sendung "München wird aufbaut", 1950er Jahre:

Roider Jackl

Hochverehrte, sozialdemokratisierte bayerische Koalitionsregierung, liebe Abgeordnete des Bayerischen Landtags, verstärkt durch die Ehegattinnen, Künstler ohne festen Anhang, Wissenschaftler, Gewerkschaftler und bayerische Patrioten.

In keinem anderen Land der Bundesrepublik wäre es möglich, dass die Komödianten alles was im Staate Rang und Namen hat, zu sich eilodt. Ja wenn der Hitler nur oamoi zu den Komikern ganga war, dann hät er a oamoi d’Wahrheit erfahren. Vielleicht hät er sich dann nachher doch nimmer so a liang traut.

Es san ja auf dera Welt scho vui mehra soichane geköpft worn, die Wahrheit gsagt ham ois solchane de glong ham. I bin bestrebt heute vor der bayerischen Regierung die reine Wahrheit zu sagen. Bitte Sie aber, auch in Ihrem Interesse, manches verschweigen zu dürfen, was dem Ansehen unseres Vaterlandes schaden könnte. Mia alle kenna aber jetzt ned histeh und zuschaugn wia sie die Welt weiterdraht, sondern mia müssen mit dem neuen europäischen Haufa scho mitlaffa.

Der Oberbürgermeister unserer Landeshauptstadt, Thomas Wimmer, hod erst kürzlich gsagt: ich bin für den europäischen Markt, wenn dadurch der Münchner Viktualienmarkt nicht benachteiligt wird – und die europäische Marktbehörde den Doktor Seitz als Marktbeobachter mitübernimmt.

Man hat a ollawei gmoant, München müsst einen Stadtplaner ham, des ist wieder gar ned notwendig. Es werd in München auch ohne Stadtplaner sehr viel geplant und das manches ned baut wern ko, weil koa Geld do is, is hi und do sogar besser. Vielleicht hat dann in der nächsten Legislaturperiode ein Stadtrat einen guadn Bekannten … Planer auf da Seiten, der alle Stilarten von Barock über Münchner Renaissance Bürgerstil, den Späthitlerstil, und auch den neien Atomspaltstil beherrscht.

Ja in München werd aufbaut
ma ko scho sogn
ganz modern
und i hoff, das durch des viele Glas jetzt
die Bayern a heller wern.

Programmstatistiken und -zeitschriften belegen, dass der Anteil der Musiksendungen seit 1949 stetig anstieg. Über die Hälfte der Sendezeit der beiden Hörfunkprogramme füllte Musik: Volksmusik, klassische Musik, Gehobene Unterhaltungsmusik und Tanz- und Leichte Unterhaltungsmusik.

Beantworten von Hörerpost

Das Publikum begrüßte dieses Programm. Auch der 1949 eingeführte Werbefunk wurde sehr geschätzt, vor allem wegen seiner flotten Musik. Große Abneigung bestand gegen zu viel ernste Musik. Gewünscht wurde stattdessen "alte sentimentale deutsche Schlager" und generell leichte Unterhaltungsmusik.

Umstritten war eine andere Musikrichtung: der Jazz. Jazz war im gleichgeschalteten NS-Rundfunk jahrelang als sogenannte "Niggermusik" verunglimpft worden und verboten. Viele Deutsche hatten immer noch bis Ende der 1950er Jahre enorme Vorbehalte. Aber Tag für Tag gingen im Funkhaus auch Hunderte von begeisterten Briefen zur neuen Musikrichtung ein. Viele Hörerinnen und Hörer hingen zwischen 12 Uhr und 1 Uhr nachts an den Lautsprechern, wenn Jimmy Jungermann sein "Mitternacht in München" moderierte.

Radiokultur zwischen Umerziehung und Unterhaltungsmusik in 6 Teilen