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Historisches Archiv - Fundstücke Folge 1: Faschingsgaudi

Stand: 15.03.2012

Original-Artikel zum Faschingsgaudi aus der Bayerischen Radio-Zeitung | Bild: BR / Historisches Archiv

Im ersten Teil ging es um einen Faschingsscherz der ganz besonderen Art. Bereits ein knappes Jahr nach dem Sendestart der Deutschen Stunde in Bayern am 30. März 1924 machte sich die Bayerische Radiozeitung nämlich über die Bandbreite möglicher Hörerreaktionen lustig. Schon damals war den Programmmachern wohl klar, daß der Auftrag der "drahtlosen Unterhaltung und Belehrung" nicht ganz so einfach auszuführen war...

Faschingsgaudi

Am Faschingsdienstag sind unsere Büros zur Entgegennahme von Beschwerden über das Programm der Sendestelle geöffnet. Vor dem Eintritt muß sich der Beschwerdeführer einer Leibesvisitation auf etwa mitgeführte Pistolen, Messer von mehr als 1 Meter Länge, Handgranaten, Maschinengewehre und Minenwerfer unterziehen.

Beim Eintritt hat jeder Besucher eine Beschwerdekarte zu 4 M. zu lösen. Wird die Beschwerde als gerechtfertigt anerkannt, dann erhält der Beschwerdeführer den letzten Monats-Postbeitrag  von 2 M. zurückvergütet, die anderen 2 M. werden zur Verbesserung des Programmes einbehalten. Wird die Beschwerde als ungerechtfertigt abgewiesen, dann zahlt der Beschwerdeführer noch 1 M. Buße zur Anschaffung von Rundfunkgeräten für zufriedene Hörer.

Für folgende Arten von Beschwerden sind gesonderte Büros eingerichtet:

  • Beschwerden über zuviel klassische ( = traurige) Musik.
  • Beschwerden über zuviel seichte ( = lustige) Musik – Shimmy, Foxtrott, Straußwalzer usw.
  • Beschwerden über zu langes Senden am Abend.
  • Beschwerden über zu kurzes Senden.
  • Beschwerden über den Ansager.
  • Beschwerden über die „preußische“ Ansagerin. (In München)
  • Beschwerden über alle beide.
  • Beschwerden über zu lange Pausen.
  • Beschwerden über Störung des Auslandempfangs durch zu kurze Pausen.
  • Beschwerden über zu wenig Humor.
  • Beschwerden wegen Kränkung bestimmter Berufe, Altersklassen, Geschlechter, Konfessionen usw. durch humoristische Vorträge und Witze.
  • Beschwerden über den „Süddeutschen Rundfunk“, weil die Hamburger oder Wiener ihr Programm nicht so rechtzeitig senden, daß es in die Zeitung aufgenommen werden kann.
  • Beschwerden über Senderstörungen, weil der Detektor nicht funktioniert.
  • Beschwerden überhaupt, besonders über die unglaublichen Zustände bei der Sendegesellschaft, weil sie noch kein Ballett aus dem Staatstheater auf den Rundfunk übertragen und noch keinen Zahnarzt angestellt hat, der Zähne schmerzlos durch den Rundfunk zieht.Etwaige Ansammlungen vor unseren Geschäftsräumen verhindert die Feuerwehr, die in Stärke vom mehreren hundert Mann mit einer Schlauchlänge von 2 Kilometer ausrückt und bei Bedarf mit sehr dicken Wellenlängen senden wird!  Ahoi.

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