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Istanbul-Korrespondent Oliver Mayer-Rüth Hoffen auf Touristen

Anhaltende Ausgangssperren, langsam arbeitende Behörden und eine schlechte Wirtschaftslage, aber auch Bilder der Hoffnung - Oliver Mayer-Rüth erzählt von seinem Alltag als Leiter des Studio Istanbul.

Von: Oliver Mayer-Rüth

Stand: 29.05.2020

Oliver Mayer-Rüth berichtet über das Flüchtlingslager im syrischen Idlib | Bild: privat

Wie sind in Ihrem Land derzeit die Einschränkungen des öffentlichen Lebens verglichen mit Deutschland? Wie ist die Stimmung?

Restaurants, Kaffees und sonstige Gastronomie ist noch immer geschlossen. Kinder und Jugendliche bis 21 Jahre und Seniorinnen und Senioren ab 65 Jahren dürfen das Haus seit etwa zwei Monaten grundsätzlich nicht verlassen. Auch nicht für einen Spaziergang oder ähnliches. Das betrifft auch unsere drei Kinder. Bisher gab es zwei Tage, an denen diese Regelung für jeweils vier Stunden aufgehoben wurde. An den letzten sieben Wochenenden fanden umfassende Ausgangssperren für alle statt.

Hundebesitzer dürfen vor die Türe, um Gassi zu gehen. Man darf Brot vom nächsten Bäcker kaufen. Das war es. Bewohner von 15 Provinzen (81 Provinzen gibt es in der gesamten Türkei) dürfen die Provinz nicht verlassen.

Auch Istanbul und Ankara sind betroffen. Zwar sind die Zahlen der täglichen Neuinfektionen gefallen und jetzt auf gleichbleibendem Niveau von etwa 1000 am Tag. Doch die Stimmung im Land wird von Tag zu Tag schlechter. Das liegt vor allem an den wirtschaftlichen Konsequenzen durch das Virus. Arbeitslosigkeit und Inflation steigen. Die Türkei hofft auf Devisen durch Tourismus. Die Entscheidung Deutschlands, die Reisewarnung für die Türkei vorerst nicht aufzuheben, hat für Enttäuschung gesorgt.

Wie geht die Bevölkerung mit der Krise um?

Im historischen Zentrum der Stadt sind viele Istanbuler mit Masken zu sehen. Auf dem zentralen Taksimplatz und in der Haupteinkaufsstraße herrscht Maskenpflicht.

Unser Korrespondent in Istanbul

Oliver Mayer-Rüth ist Leiter des Studios in Istanbul und zuständig für folgende Länder: Türkei, Iran und Zypern. Mehr Infos gibt es hier.

Die Straßen sind auch unter der Woche sehr leer. In sozioökonomisch schwächeren Vierteln sieht man hingegen viele Menschen ohne Maske. Dort verlassen auch Kinder und Alte trotz Verbots die Häuser. Die Polizei geht dort weniger gegen Verstöße vor. Wohl auch, weil die Menschen dort Strafen sowieso nicht bezahlen könnten. In türkischen Großstädten leben viele ärmere Familien (vier oder fünf Kinder) unter sehr beengten Umständen in kleinen Wohnungen. Gerade für solche Familien ist die anhaltende Ausgangssperre eine große Herausforderung.

Wie hat sich Ihre Arbeit verändert? Was ist derzeit die größte Herausforderung?

Die Türkei ist ein geographisch sehr großes Land. Es gibt derzeit aber keine Flüge. Folglich können wir aus dem Südosten des Landes kaum berichten. Wir haben einen Kameramann in der kurdisch geprägten Stadt Diyarbakir. Er kann uns zumindest von dort Bilder und Interviews zuliefern.

Eine Zeit lang war es untersagt, die Provinz, in der man lebt, zu verlassen. Inzwischen ist es mit der Pressekarte, also der vom Staat erteilten Akkreditierung, möglich, in andere Provinzen mit dem Auto zu fahren. Im Moment ist ein Team in der Küstenstadt Antalya und filmt dort für einen Bericht zu den Vorbereitungen für den Tourismus in diesem Jahr. Bei umfassenden Ausgangssperren an den vergangenen Wochenenden konnten wir mit der Pressekarte trotzdem auf der Straße filmen.

Oliver Mayer-Rüth mit Kameramann Volker Adam im syrischen Idlib

Ich habe als Studioleiter bereits Anfang Februar Desinfektionsmittel, Masken und Handschuhe organisieren lassen, um die Mitarbeiter, aber auch vor allem unsere Protagonisten bei Drehs zu schützen. Im März haben wir in Absprache mit der Chefredaktion auf Homeoffice umgestellt. Diese Regelung versuchen wir vorerst aufrecht zu erhalten, da in den nächsten Wochen Lockerungen der staatlichen Maßnahmen offenbar entschieden werden und türkische Ärzte diese Phase als riskant einschätzen. Reisen in den Iran oder nach Zypern, beide Länder gehören zum Berichtsgebiet des Studios Istanbul, sind derzeit nicht möglich.

Unsere Arbeit erschwert etwas, dass die Behörden derzeit langsamer oder gar nicht arbeiten. Insbesondere das Presseamt scheint seine Arbeit vorübergehend eingestellt zu haben. Einer unserer entsandten Kollegen hat immer noch keine Pressekarte. Der Grund ist offenbar ein Versäumnis der Behörde. Doch das Interesse auf Behördenseite, diesen Fehler auszuräumen, geht gegen Null.

Corona wird uns wohl noch länger beschäftigen. Was wünschen Sie sich für die kommenden Monate für Ihre Arbeit oder auch im Blick auf Ihre Region?

Ich wünsche mir, dass wir unsere Zuschauerinnen und Zuschauer wieder umfassend aus unserem Berichtsgebiet mit Informationen versorgen können. Das ist unser Auftrag. Dem wollen wir gerecht werden.

Was war der bewegendste Moment in den letzten Wochen?

Immer wieder bewegend war es, Fotos und Filmaufnahmen unseres Kollegen Johannes Moths ansehen zu dürfen. In den letzten zwei Monaten sind im Bosporus, insbesondere an Tagen der Ausgangssperre, viele Delfine zu sehen. Johannes fotografiert und filmt die Meeressäuger. Er macht das in seiner Freizeit. Seine Fotos teilt er auf Instagram. Weltspiegel übernimmt sie immer wieder auf seinem Instagram-Account. Wir konnten seine Filmaufnahmen für einen Bericht im Morgenmagazin verwenden. Ich habe den Bericht auf meinem Twitter-Account geteilt. Dort wurde er über 10.000 mal angesehen. Dann hat "Deutsche Welle Türkce" den Bericht auf deren Twitter-Account auch noch mal geteilt.

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oliver mayer-rüth 28.04.2020 | 06:44 Uhr Delfine im Bosporus. Mein Kollege Johannes Moths hat geniale Bilder gefilmt, die heute morgen auch im ⁦@ardmoma⁩ laufen. #Türkei #COVID19 #coronavirus https://t.co/zmBXRO8xDV

Insgesamt haben allein auf den beiden Kanälen mehr als 50.000 Menschen Johannes' Delfin Bilder gesehen. Es waren Bilder, die in diesen unschönen Corona-Zeiten Hoffnung machen. Inzwischen übernehmen zahlreiche türkische Zeitungen Johannes' Fotos.

Berührend war es auch, als die Seniorinnen und Senioren und die Kinder zum ersten Mal für ein paar Stunden auf die Straße durften.  


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