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Dr. Johannes Grotzky Fragen an den scheidenden Hörfunkdirektor

Zwölf Jahre war Dr. Johannes Grotzky als Hörfunkdirektor für alle Hörfunkprogramme und die Klangkörper des Bayerischen Rundfunks verantwortlich. In unserem Interview blickt er zurück und ein bisschen nach vorn.

Von: Ursula Zimmermann

Stand: 27.03.2014

Dr. Johannes Grotzky | Bild: Bayerischer Rundfunk

2001 stimmte der Rundfunkrat ihrer Berufung zum Hörfunkdirektor des BR zu. Seit 1. Januar 2002 sind sie im Amt, also mehr als zwölf Jahre. Welche Entscheidungen, die Sie als Hörfunkdirektor mit auf den Weg gebracht haben, sind Ihnen rückblickend wichtig?

Im Bereich Klassik war die wichtigste Entscheidung die Sanierung der Klangkörper, insbesondere des Symphonieorchesters. Es war eine komplette Umstrukturierung mit dem Ergebnis, dass sich das Orchester heute auf dem internationalen Markt so stark behauptet, dass wir viel Geld sparen. Das Rundfunkorchester konnten wir erhalten, mussten aber starke Schnitte machen. Der Chor hat sich international bewährt und ist jetzt auch mit eigenen Fernsehproduktionen erfolgreich. Zudem konnten wir ein CD-Label für Klassik stemmen, das sich selbst trägt.
Die wichtigste Entscheidung bei den Programmen war die Einführung des Wellenmodells: Bayern 1, Bayern 2, Bayern 3 und Bayern 4 (heute: BR Klassik) sowie B5 aktuell wurden als klare Marken positioniert, die aufeinander abgestimmt sind.
Der dritte große Schritt, die Digitalisierung, steht uns noch bevor. Ich habe von Anfang an für die Digitalisierung des Radios gekämpft, denn ich wusste, die Digitalisierung wird alle Lebensbereiche erfassen und Radio kann nicht als analoge Insel zurückbleiben. Da ist der entscheidende Schritt noch nicht gemacht, aber ich weiß, dass der jetzige Intendant diesen Weg ganz nachhaltig verfolgt.
Besonders wichtig ist mir, dass ich die Unabhängigkeit der Redaktionen gegenüber allen Einflüssen von außen verteidigt habe. Gegenüber den Programmen habe ich klare Positionen vertreten: Wir tragen zur Meinungsbildung bei, aber wir manipulieren keine Meinung. Wir prüfen unsere Quellen und legen sie offen. Wir verheimlichen nichts. Wir stehen für Fehler gerade und korrigieren sie. Und ganz wichtig: Wir belügen nicht unser Publikum.
Ich bin sehr stolz darauf, dass wir journalistisch ein extrem "sauberer Laden" sind, dass wir erfolgreich sind und dass sich das Radio während der letzten zwölf Jahre nicht nur behauptet hat, sondern auch gewachsen ist - ein irres Ergebnis. Jeden Tag an die sechs Millionen Menschen an die Programme zu binden, das ist eine grandiose Leistung, für die ich den Kollegen und Kolleginnen sehr dankbar bin.

Dann sehen Sie Hörfunk auch weiterhin als tragende Säule des trimedialen Modells?

Absolut, ohne Radio und Fernsehen wäre die ganze Trimedialität undenkbar. Unser Auftrag ist, auf allen Wegen die Menschen zu erreichen. Natürlich wächst im Zuge der Digitalisierung die Rolle des Internets. Ich merke das ja selbst an meinem eigenen Medienverhalten. Radio als Begleit- und Nebenbei-Medium ist allerdings allein durch das Autofahren in unserer mobilen Gesellschaft von großer Bedeutung. Die Frage ist allerdings, ob sich alle Genres im Radio so erhalten lassen oder manches nicht woanders hinwandert. Das lässt sich nur schwer sagen.
Ich glaube, dass wir mit der Digitalisierung und den Digitalprogrammen einen recht guten Weg gegangen sind.
Leider ist es mir während meiner Amtszeit nicht gelungen, durch eine Jugendwelle das Programm zu verjüngen. Dieses Vorhaben zu unterstützen, war meine Bitte, als ich mich beim Rundfunkrat um das Amt des Hörfunkdirektors beworben hatte. Ich wollte mit dieser Jugendwelle auf UKW starten, doch höhere Kräfte haben das verhindert. Warum, weiß ich bis heute nicht. Und dann kam ein neues Rundfunkgesetz, das nur ein zusätzliches Digitalradioangebot zugelassen hat. Und aus diesem Dilemma sind wir bis heute nicht wirklich herausgekommen. Da konnte ich mich leider nicht durchsetzen.

Sie gehen am 1. Mai als Hörfunkdirektor in Ruhestand. Was wünschen Sie dem BR?

Ich wünsche dem BR, dass unser Publikum das Programm weiterhin kritisch begleitet. Mir ist es lieber, das Publikum lädt seine Kritik bei uns ab, als dass es sich von uns abwendet. Außerdem wünsche ich dem BR, dass er die Kritik des Publikums weiterhin ernst nimmt und dort, wo es nötig ist, auch Konsequenzen daraus zieht.
Das Unternehmen muss so flexibel bleiben und sich so auf die Menschen einstellen, dass es von ihnen als ein echter Mehrwert für ihre mediale Nutzung gesehen wird.
Ich wünsche dem BR nicht – das wäre nämlich das Allerschlimmste – dass er überflüssig wird. Er muss auch zukünftig eine Rolle spielen – am liebsten würde ich weiterhin hören „das habe ich im Radio gehört“ - und man meint damit den BR.

Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger Martin Wagner?

Ich wünsche Martin Wagner, dass er die Freude, die wir alle am Radiomachen haben, und den wachsenden Radiomarkt (laut Media Analyse auch bei jungen Menschen) als Schubkraft nutzt, auch um die Digitalisierung im Radio voran zu bringen.
Ich hätte ihm gewünscht, dass die Markenführung aller Hörfunkprogramme in einer Hand verbleibt. Das ist allerdings im Angesicht des großen Umbruchs im Haus in dieser Zwischenübergangsphase nicht möglich. Es werden jetzt die Hörfunk-Programme auf drei Bereiche verteilt: B5 aktuell und B5 plus gehen in die Informationsdirektion, Bayern plus kommt zum Studio Nürnberg, das bei der Intendanz angesiedelt ist und die übrigen Hörfunkprogramme verbleiben bei Martin Wagner. Dies wird eine große Herausforderung der Koordination.
Ob über Kabel, Internet, Satellit oder digital – ich wünsche Martin Wagner, dass er diese Vielfalt von Radioverbreitung und Radioinhalten weiterführen kann.

Sie haben zahlreiche Bücher über Russland und Osteuropa verfasst, Artikel geschrieben, sind ein gefragter Redner auf diesem Gebiet. Sie gehen doch nicht wirklich in Ruhestand? Welche Funktionen oder Ämter werden Sie weiterhin ausüben?

Aufsichtsratsposten, Kuratoriumsposten, alles was mit meiner bisherigen Funktion zusammenhing, habe ich jetzt aufgegeben. Ich werde noch für eine kurze Zeit den Intendanten beim Petersburger Dialog begleiten, aber im Haus werde ich nichts mehr machen.
Ich nehme meine Honorarprofessur für Osteuropawissenschaften, Kultur und Medien am Institut für Slawistik der Universität Bamberg sehr ernst. Daneben unterrichte ich in München an der Hochschule für Philosophie und an der Ludwig-Maximilians-Universität, ich unterrichte auch in Moskau und Petersburg. Außerdem haben einige Universitäten in den Balkanregionen Interesse angemeldet: in Ungarn, Rumänien, Serbien, Albanien. Dort habe ich ein großes Netzwerk an wissenschaftlichen Kontakten.
Zudem werde ich weiterhin publizieren und nehme mir vor, viel zu reisen und vielleicht noch weitere Sprachen zu lernen.


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