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Allein in Ischgl "Nix is’ schiefgelaufen!"

35 Tage lang stand der Skiort Ischgl in Österreich unter strenger Quarantäne. Am ersten Tag nach deren Ende ist Christian Limpert, ARD-Korrespondent für Österreich und Südosteuropa als Videojournalist dorthin gefahren. Hier schildert er seine Erlebnisse.

Von: Christian Limpert, Studio Wien/Südosteuropa

Stand: 10.05.2020 | Archiv

ARD-Korrespondent Christian Limpert berichtet aus Ischgl | Bild: BR/Christian Limpert

"Schämen tät’ ich mich!", schreit mich die Frau aus dem Fenster eines Berghotels an. "Gleich am ersten Tag kommen's her und wollen uns durch den Schmutz ziehen!"
Fenster zu. Keine Chance auf ein Gespräch. Weder hier, noch im Ort selbst. Die wenigen Einheimischen, die mir an diesem Vormittag vor den geschlossen Hotels und Restaurants entgegenkommen, wechseln die Straßenseite, als sie mich und meine Kamera erblicken. Manche nuscheln irgendetwas in sich hinein. Ich zweifle: "Vielleicht war es doch keine gute Idee, so ganz alleine hierher zu kommen?" Um 17.00 Uhr soll der erste Beitrag in der Tagesschau laufen, die Rundschau will danach ein Livegespräch aufzeichnen, und für den nächsten Tag wünschen sich Mittagsmagazin und Brisant eine Reportage. Noch habe ich nichts.

"Grenz"-Erfahrungen

Drehort Ischgl

Gestartet bin ich um 5.00 Uhr in der Früh in Wien, 580 Kilometer sind es bis Ischgl, via Salzburg, Rosenheim, Innsbruck. Heißt: gleich zweimal über die Grenze. Im Normalfall ist das kein Problem. Jetzt aber ist zumindest unklar, ob das funktioniert. Dreharbeiten sind zwar ein triftiger Reisegrund, dennoch könnten die Grenzbeamten mich oder das Team in Quarantäne schicken. Entscheidung deshalb: Ich fahre alleine. Auf meinem Beifahrersitz, statt Kameramann, viele Papiere: Pendlerbescheinigung, Arbeitsbestätigung des BR, Auslandspresseausweis. Die Kontrolle geht schneller als gedacht, den Beamten reicht jeweils die Pendlerbescheinigung: "Gute Fahrt."

Nach fünfeinhalb Stunden Fahrzeit erreiche ich Ischgl. Vor kurzem noch ein Ski- und Partyparadies. Jetzt "Corona-Brutstätte Europas", sagt das Internet. Wie die Menschen damit umgehen, würde ich gerne wissen. Doch wen ich auf der Straße auch anspreche, niemand will mit mir reden. Also packe ich meine Kamera und drehe "Ischgl": Ortstotale, Hotels und Skilifte. Ich muss an die Bilder aus einer Dokumentation des ORF denken, gedreht im Februar 2020. Skifahrer, zusammengepfercht wie die Lemminge an der Talstation, in der Gondel, an der Bar. Ohne Maske.  

Distanz zum Bürgermeiser

Unser Korrespondent in Wien

Christian Limpert berichtet zusammen mit Michael Mandlik aus dem ARD-Fernsehstudio Wien. Mehr Infos zum Studio gibt es hier.

11.45 Uhr, Interview mit dem Bürgermeister Ischgls, Werner Kurz. Mein Funkmikro habe ich in Küchenfolie eingewickelt. Der Bürgermeister muss es, gegen die Regeln der guten alten Interviewtechnik, selbst halten. Verkabeln mit einem Mini-Mikro wäre zu viel Nähe. Seine Aussagen hat Werner Kurz sorgfältig einstudiert. Eine PR-Agentur für Krisenmanagement berät ihn, deren Mitarbeiter weicht nicht von seiner Seite. "Wir bedauern, dass sich so viele Menschen hier angesteckt haben", sagt Kurz. Fehler will er nicht eingestehen: "Nix is' schiefgelaufen." Man habe sich immer an die Vorgaben und Weisungen des Bezirks und des Landes Tirol gehalten.

"Im Nachhinein ist man immer schlauer"

Der Wirt in seiner geschlossenen Bar: Kitzloch-Chef Bernhard Zangerl

Um 12.30 Uhr bin ich zum Dreh im "Kitzloch" angemeldet. Einst berühmte, jetzt berüchtigte Aprés-Ski Bar Ischgls. Bernhard Zangerl ist der Chef. An der Bar stehen noch letzte Schnapsflaschen. Die Tanzfläche ist leer geräumt, Stühle und Tisch hochgeklappt. "Brauchst keine Angst haben", sagt Bernhard, "is' eh alles desinfiziert." Einer seiner Barkeeper war der erste, der sich mit Corona infiziert hatte. Zwei Tage nachdem das bekannt wurde, musste Bernhard Zangerl die Bar schließen. Andere Bars aber blieben offen, fast eine Woche lang, auch der Skibetrieb lief weiter. Anders als der Bürgermeister gibt Zangerl zu, man hätte früher aufhören müssen. "Im Nachhinein ist man immer schlauer", sagt Bernhard. Während des Interviews fällt mir ein, dass ich die Folie über dem Mikro nicht ausgewechselt habe: "Das ist noch die Bürgermeisterfolie." -  "Egal!", sagt Bernhard. "Wir waren hier alle bis gestern in Einzelisolation, uns fehlt nix."

Die Tücke mit der Übertragung

Schnitt im Restaurant

14.00 Uhr. Im leeren Hotelrestaurant von Zangerls Eltern darf ich meinen Schnittplatz aufbauen. Besser als Kofferraum, denke ich mir. Material einspielen, Schneiden, Texten, Voice-Over. Und dann den Beitrag irgendwie nach Hamburg schicken. Schief gehen darf jetzt nicht viel. Um 16.15 Uhr ist der Tagesschau-Beitrag fertig, abgenommen und vertont. Nur das hoteleigene WLAN ist zu schwach, um 850-Megabite Tagesschaubeitrag möglichst schnell hochzuladen. Geschätzte Dauer: 40 Minuten. Einzige Chance: das Datennetz meines Diensthandys. Ich denke zurück an meine Zeit als Videojournalist bei der Abendschau, dort haben wir das oft so gemacht. Und es funktioniert noch immer. Um 16.45 Uhr ruft die Tagesschau-Redakteurin aus Hamburg an, der Beitrag liegt vor. Sie würde noch eine kleine Textänderung vorschlagen. "Schaffen wir nicht mehr", sage ich.

Alleine mit der Technik

Drehen ohne Team

17.30 Uhr. Telefonat mit der Rundschau. Ich stehe vor der Gemeindeverwaltung und habe meine Kamera an die "LiveU" angeschlossen, ein kleines Gerät zur Übertragung von Videosignalen. Jetzt versuchen wir, irgendwie das Bild einzurichten. "Schärfe stimmt noch nicht ganz", sagt die Rundschau. "Zu viel Platz über dem Kopf."

Jedes Mal renne ich zwischen Kamera und der Position, an der ich stehe hin und her. "Gut, dass keiner auf der Straße ist und zuschaut", denke ich mir. Mir fehlt mein Team. Mehr Zeit, um mich auf den Inhalt konzentrieren zu können, wäre irgendwie gut. Fazit: "LiveU alleine, in Zukunft nur im absoluten Ausnahmefall."   

"Zwischenstation Ischgl"

Der Beitrag im Fernsehen

19.00 Uhr. Im Kuhstall von "Kitzloch"-Chef Bernhard Zangerl. Ein letztes Interview für die Beiträge des nächsten Tages. Noch einmal spreche ich ihn auf die tausenden Menschen in ganz Europa an, die sich sehr wahrscheinlich während ihres Skiurlaubs in Ischgl mit dem Virus infiziert haben. 25 von ihnen sind gestorben, zehn von ihnen befanden beziehungsweise befinden sich noch immer in intensivmedizinischer Behandlung. "Wir sehen uns nicht als Virenpool Europas", sagt Bernhard, "Ischgl war nur eine Zwischenstation, aber Corona gäbe es auch ohne Ischgl überall in Europa." Andere Einheimische habe ich nicht mehr vor die Kamera bekommen.

Der Beitrag in der Tagesschau

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Der Skiort Ischgl sieht sich in der Coronakrise zu Unrecht an den Pranger gestellt - Das Erste | Bild: Bayerischer Rundfunk (via YouTube)

Der Skiort Ischgl sieht sich in der Coronakrise zu Unrecht an den Pranger gestellt - Das Erste


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