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"Primamuslima" - Muslime in Deutschland "Wir reden mit!"

Etwa 4,7 Millionen Muslime leben in Deutschland, schätzungsweise gut 500.000 in Bayern – der Bayerische Rundfunk gibt ihnen eine Stimme und startet Ende Juli den Podcast "Primamuslima", in dem es um das geht, was Muslime in Deutschland bewegt. Wir haben dazu mit Merve Kayikci gesprochen. Sie hat das Format erfunden, sendete es ursprünglich auf dem Streemingdienst "Deezer" und betreut es nun für den BR.

Stand: 30.07.2020 | Archiv

Merve Kayikci | Bild: Maschallah/Natalia Kepesz

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem BR?

Merve Kayikci: Die BR-Redaktion Religion und Orientierung hat mich zu meinem Podcast bei "Deezer" interviewt. Die Idee hat ihnen sehr gut gefallen und es kam zur Sprache, dass der BR noch kein Format für oder über Muslime im Portfolio hat. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon auf der Suche nach einem neuen Host für meinen Podcast und unter anderem in Verhandlungen mit dem "Spiegel" und mit "BuzzFeed". Als der BR Interesse zeigte, kam es zu einem Pitch und einer Einigung.

Wie funktioniert so ein Wechsel von einer privaten Plattform zu einem öffentlich-rechtlichen Medium?

Ich habe den Podcast für eine private Plattform produziert, weil ich einen Wettbewerb gewonnen habe. Zu gewinnen gab es einen einjährigen Vertrag. Allerdings bin ich Journalistin und ein Streaming-Dienst ist keine journalistische Plattform. Deshalb wollte ich für die weitere Produktion des Podcast zu einem journalistischen Medium wechseln. Die öffentlich-rechtlichen Sender hatte ich dabei nicht auf dem Schirm, da ich bisher selbst nur Podcasts von klassischen Print-Verlagen konsumiere. Der Wechsel war völlig unproblematisch, da ich vertraglich nur ein Jahr an "Deezer" gebunden war und somit neue Verhandlungen mit dem BR anfangen konnte, ohne das mit "Deezer" abzusprechen.

Programminfo:

Der Podcast "Primamuslima – wir reden mit!" von Merve Kayikci ist ab 30. Juli 2020 im BR Podcastcenter br.de/mediathek/podcast sowie über die gängigen Portale zum Download oder Streaming abrufbar und wird in Auszügen ab 3. August 2020 in der Sendung Theo.Logik, immer montags ab 21.05 Uhr auf Bayern 2 ausgestrahlt.

Welche Zielgruppe soll mit Primamuslima erreicht werden?

Merve Kayikci | Bild: Merve Kayikci

Einerseits möchte ich die muslimischen Bürger erreichen und ihnen zeigen, wie inklusiv und innovativ der öffentlich-rechtliche Rundfunk sein kann. Mir haben schon einige meiner Follower mitgeteilt, dass sie positiv überrascht sind von dieser Zusammenarbeit. Andererseits gestalte ich das Format aber auch so, dass nicht-muslimische Hörer unseren Gesprächen folgen können und deutschlandweit einzigartige Einblicke in muslimische Lebenswelten hierzulande bekommen. Das kann nicht nur Barrieren abbauen, sondern auch unterhaltend und lehrreich sein für Hörer, die sonst keine Berührungspunkte mit Muslimen haben.

Im Podcast kommen ganz "normale" Muslime zu Wort: keine Imame, Funktionsträger, Promis etc. Warum nicht?

Weil die Mehrheit der Muslime in Deutschland "normale" Menschen sind und genau diese Menschen oder zumindest die "normale" Seite dieser Menschen bleibt in den Medien unsichtbar. Ich bin keine Aktivistin oder Theologin und möchte auch kein politisches Format moderieren, sondern Erzählungen aus dem Alltag präsentieren, die trotzdem überraschen und packend sind, weil sie "ungehört" sind.

Müssen Sie auch mit Anfeindungen im Netz umgehen?  

Anfeindungen im Netz sind etwas Normales, die jeder bekommt, der sich im Netz eine Plattform schafft. Ich bleibe von solchen Dingen meistens unbeeindruckt, weil ich zwei Jahre den Community-Bereich von "Zeit Online" moderiert habe - d.h. die Kommentare, die Leser zu Online-Artikeln schreiben können. "Zeit Online" hat die höchste Engagement-Rate in diesem Bereich. Ich hätte also nirgendwo anders besser die Gelassenheit zum Thema "Hass im Netz" entwickeln können als dort. Wenn ich Anfeindungen bekomme, ignoriere ich sie meistens sehr konsequent. Es sei denn, sie sind sehr konstruktiv formuliert und argumentativ gut untermauert. Wenn ich unter anderen Voraussetzungen auf solche Kommentare eingehen würde, würde ich die Absender mit meiner Aufmerksamkeit und Reichweite adeln - und das haben sie nicht verdient.