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Last Night a DJ Saved My Life 70 Jahre Radio-DJs im BR

"Das Gefühl, Radio zu machen", sagt Thomas Gottschalk in der neuen Sendereihe "Last Night a DJ Saved My Life", "ist immer noch besser als alles andere." Er kann es nicht lassen: Gottschalk ist immer noch Radio-Freak. Einer von vielen Radio-DJs, die den BR geprägt haben. Seit 70 Jahren wählen DJs im Bayerischen Rundfunk Musik aus - voller Liebe zum Sound, voller Leidenschaft und voller Expertise. 70 Jahre DJs im BR – eine neue Sendereihe auf Bayern 2 feiert diese fast mythische Figur.

Von: Michael Bartle, Bayern 2

Stand: 24.04.2019 | Archiv

Thomas Gottschalk moderierte Pop nach 8 - hier eine Aufnahme vom 27. Februar 1978 | Bild: BR/Historisches Archiv

Die DJs - sie waren die ersten Stimmen in unseren Radio-Ohren - und sie haben unseren Musikgeschmack mehr geschärft als jeder Algorithmus, als jeder Streaming Dienst.

Der BR mag allein in die Geschichtsbücher kommen

"Es geht los mit den Ultrakurzwellen!", schreibt die Zeitschrift "Radiowelt": Am 28. Februar 1949 geht der erste UKW-Sender Europas on Air. Es ist der Bayerische Rundfunk - er hat sich ganz nach vorne gemogelt. Verabredet war eigentlich, dass wir Bayern in einer gemeinsamen Aktion mit dem NWDR (der damalige Vorläufer von NDR und WDR) erst einen Tag später auf Sendung gehen. Aber warum warten, wenn man doch auch alleine in die Geschichtsbücher kommen kann. Im Jahr 2019 wird der Bayerische Rundfunk 70 Jahre alt und mit ihm seine vielleicht wichtigsten Stimmen: Unsere Radio DJs.

Die DJs waren und sind unsere Influencer

Es sind die Stimmen, die Talking Heads mit ihrem Musikgeschmack, die uns an den Radiogeräten geprägt haben. Die Radio-DJs waren und sind unsere Influencer, ihr Musikgeschmack hat Bayern verändert, hat den Jazz, den Rock’n’Roll und die Popmusik nach Bayern gebracht. Zunächst auf einer Welle, 1950 kam die zweite Welle dazu, 1971 wurde dann BAYERN 3 gegründet, zunächst als Servicewelle, bevor DJs wie Thomas Gottschalk, Fritz Egner und Jürgen Herrmann so viel Erfolg hatten, dass die Verantwortlichen schließlich BAYERN 3 zu einer Pop-Welle machten. Es waren immer die DJs, die einen Tick weiter waren, näher am Puls des Zeitgeistes als die Sender selbst.

Der Schnulzenstreik bekam Hörerapplaus

Legendär der sogenannte Schnulzenstreik von Jimmy Jungermann und Werner Götze, zwei Radio-DJs der ersten Stunde. Sie wollten im Jahr 1963 keine Schnulzen mehr spielen, draußen tobte gerade eine neue Jugendbewegung namens Rock’n’Roll. Jungermann und Götze fanden es nicht mehr angemessen, diese seichten Heile-Welt-Schlager zu spielen. Man befürchtete einen Hörerprotest, aber das Gegenteil war der Fall: Begeisterte Zuschriften!

Sie taten längst Dinge, für die andere später Fachbegriffe fanden

Die DJs waren auch die Motoren, die neue Formate ins Radio brachten. Sie haben Call-Ins gemacht, Hörer-Post vorgelesen, Unpluggeds aufgenommen oder Community-Management betrieben, lange bevor es davor diese Worte gab. Blacky Fuchsberger und Werner Götze etwa zerbrachen live on Air schreckliche Schallplatten, es sei denn, es fanden sich Hörer und Hörerinnen, die bereit waren, die Platte live im Radio zu verteidigen.

Kostya holte als erster Nachwuchsbands ins Funkhaus

Der legendäre Georg Kostya reimte, sang, schauspielerte vor dem Mikro. Er war es auch, der das Funkhaus immer wieder für bayerische Nachwuchsbands öffnete und mit der Sendereihe "Rock House" live moderierte Konzertsendungen etablierte.

Oder Fritz Egner, dessen Liebe zu Soul und Funk so weit ging, dass er als junger DJ auf eigene Kosten nach London flog, um sich zu James Brown in dessen Umkleidekabine durchzukämpfen – daraus wurde dann das erste Interview im Bayerischen Rundfunk mit dem strengen "Godfather of Soul".

Und schließlich Jürgen Herrmann und Thommy Gottschalk, die mit ihrem damals noch sehr jugendlichen Elan BAYERN 3 aufmischten und sich erste tägliche Popsendungen erspielten. BAYERN 3 war beim Sendestart 1971 zunächst als reine Service-Welle konzipiert, die vor allem Instrumentalmusik spielte.

Inhalte der neuen Sendereihe

Die Sendereihe "Last Night a DJ Saved My Life" ist eine Zeitreise durch sieben Jahrzehnte Radio- und Musikgeschichte: Wir hören, wie die großen Jazzer Charlie Parker und Billie Holiday in den 50er Jahren anmoderiert wurden, wie kritisch zunächst der Hüftschwung von Elvis oder die Euphorie der Beatles gelesen wurde. Wie Raoul Hoffmann, einer der Starautoren und DJs der späten 60er und frühen 70er Jahre das bayerische Woodstock suchte. Wie ein Aufsatzwettbewerb über den Einfluss der amerikanischen Popkultur Hörerinnen und Hörer in den 60er Jahren polarisierte.

Gemeinsam Archiv-Schätze gehoben

Gemeinsam mit dem Archiv-Team des Bayerischen Rundfunks haben die Autoren und Autorinnen Barbara Streidl, Alexandra Distler und Michael Bartle hunderte Stunden von Archiv-Aufnahmen durchgehört, ausgewertet, geschnitten, wieder verworfen und wieder neu zusammen gepuzzelt, kuriose und manchmal berührende Schätze gehoben, darunter auch eines der ersten Interviews mit Elvis Presley in einem Münchner Hotel.

Interviews mit den DJs

Und natürlich kommen die DJs selbst zu Wort: Wie aufregend, war das erste Rotlicht? Wer waren ihre Vorbilder? Wie haben sie Musik ausgewählt? An welche großen Interviews erinnern sie sich? Und auf welche Radiolandschaft sind sie getroffen?

In den ersten vier Teilen sind unter anderem zu hören: Mr. Classic-Rock Tom Glas, Jürgen Herrmann, Fritz Egner, Thomas Gottschalk und Walter Schmich. Oder Ann-Kathrin Mittelstrass, die bei PULS und dem Zündfunk moderiert, Sandra Maischberger, die ihre erste Moderations-Erfahrungen bei Bayern 2 machte, Katja Wunderlich, die für BAYERN 3 nicht nur im Radio, sondern auch große Live-Stages wie Rock im Park moderierte. Oder Jacqueline Boyce, die 1992 die erste afrodeutsche DJane im Bayerischen Rundfunk war.

Die Sendereihe gibt's zum Nachhören

"Last Night a DJ Saved My Life" – die ersten vier Teile behandeln die Jahre 1949 bis 1979 und sind online nachzuhören unter Bayern2.de/zuendfunk. Weitere Sendungen der Reihe sind ab Juni geplant.


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