Wissen


4

Zwillingsforschung Bestimmen die Gene unser Schicksal?

Sind es nun die Gene oder die Umwelt, die bestimmen, ob wir krank werden, lange leben, einen bestimmten Beruf ergreifen oder Charaktereigenschaften haben? Zwillingsforschung kann helfen, das herauszufinden.

Stand: 10.09.2018

Von Daniela Remus/Yvonne Maier

Es gibt kuriose Geschichten von Zwillingspaaren. So zum Beispiel Jim Lewis und Jim Springer. Die beiden treffen sich im Alter von 39 Jahren, sehen sich extrem ähnlich und stellen fest: Wir sind ein Zwillingspaar, das im Säuglingsalter getrennt wurde! Das allein wäre schon bemerkenswert, doch die beiden haben noch mehr Übereinstimmungen. Beide rauchen Kette und kauen an den Nägeln, sind zum zweien Mal verheiratet und haben sich in ihren jeweiligen Gärten spezielle Holzbänke anfertigen lassen, rund um einen Baum.

Sind sich die Zwillinge ähnlicher als der Bruder?

Seit den 1980er-Jahren gibt es diese Art von Zwillingsforschung, die sich auf Zwillinge spezialisiert hat, die getrennt aufgewachsen sind. Bis dahin war die Forschung davon ausgegangen, dass es vor allem die Umwelt ist, die unser Verhalten, unseren Gesundheitszustand oder unseren Bildungsgrad bestimmt. Jetzt wurde klar: Der Einfluss der Gene ist dabei nicht zu unterschätzen.

Menschliche Genetik ist komplex

Das mit dem menschlichen Erbgut ist nicht so offensichtlich, wie man noch im Jahr 2000 dachte, als das gesamte menschliche Genom entschlüsselt worden ist. Mit der Zwillingsforschung ist es möglich, den genetischen Anteil von einem umweltbedingten Anteil eines Merkmals zu trennen.

Kleine Unterschiede haben große Auswirkung

Die Zwillinge Scott und Marc Kelly sind wohl die berühmtesten Testpersonen für Zwillingsforschung.

Interessant ist dieser Ansatz zum Beispiel in der Erforschung von entzündlichen Krankheiten des Darms. Denn dabei sind häufig hunderte Gene beteiligt. Dazu kommt: Gene können im Laufe des Lebens an- oder abgeschaltet werden, die sogenannte Epigenetik untersucht das. Das sieht man auch bei eineiigen Zwillingen. Je älter sie werden, desto mehr Unterschiede werden da sichtbar. Die Lebensbedingungen der westlichen Industriegesellschaften haben also einen Einfluss auf die Gene, zum Beispiel in Form von Stress, Bildung, Hygiene oder Medikamentenkonsum.

Schon während der Schwangerschaft im Mutterleib kann das beginnen, weil der Blutzufluss durch die Plazenta auch bei eineiigen Zwillingen unterschiedlich ist. Wer bei Geburt kleiner ist, wird das ein Leben lang bleiben und hat ein höheres Risiko für Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes oder Herzinfarkt und Schlaganfall.

Intelligenz und Gene

Man weiß, dass Intelligenz zu 60 Prozent vererbt wird. Doch auch die Schulkarriere von eineiigen Zwillingen, die gemeinsam aufwachsen, verläuft selten identisch. Obwohl sie ein sehr ähnliches Umfeld und fast identische Gene haben, erleben sie ihre Umwelt unterschiedlich.

"Ein Zwilling nimmt die Art und Weise, wie der Vater ihnen entgegentritt, als Ansporn oder Herausforderung auf, der andere erlebt das als bedrohlich und einschüchternd."

Prof. Martin Diewald, Soziologe, Universität Bielefeld

Kleine Unterschiede können große Auswirkungen haben. Interessant dabei: Vor allem im Schulalter hat das Bildungsniveau der Eltern noch einen beachtlichen Anteil am Schulerfolg, das zeigen ebenfalls Zwillingsstudien. Je älter man wird, desto wichtiger wird die genetische Ausstattung. Das wiederum bedeutet, dass sich Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern im späteren Leben durchsetzen können, wenn sie eine angemessene und individuelle Förderung erfahren.

Nature or Nurture?

Sind es nun die Gene oder die Umwelt? Aus der Zwillingsforschung weiß man mittlerweile: Die Frage an sich ist schon viel zu undifferenziert gestellt. Schon minimalste Unterschiede in den Lebensbedingungen können stärkere Spuren in der Persönlichkeit und in der Gesundheit eines Menschen hinterlassen als bislang vermutet. Es scheint eher so etwas wie ein andauerndes Wechselspiel zwischen Genen und Umwelt zu geben.

  • Mythos Zwillinge - Alles im Doppelpack? - am 11.09.2018, IQ - Wissenschaft und Forschung, 18:05 Uhr, Bayern 2

4