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Zufall und Kreativität Von der Natur des Spiels

Spielanalyse und Leistungsdaten – fast alles auf dem Fußballfeld und im Spiel lässt sich heute in Daten fassen, analysieren. Fußball ist trotzdem kein Rasenschach. Über die Natur des Spiels.

Stand: 13.06.2018

Würfel liegen auf dem Spielfeld | Bild: BR/ Max Hofstetter

Die Taktik ist geplant, die Spielzüge sind eingeübt und der Gegner bestens analysiert. Komplett vorhersehbar sei ein Spielverlauf trotzdem nicht, sagt Martin Lames, Lehrstuhlinhaber für Trainingswissenschaft und Sportinformatik an der Technischen Universität München. Er hält das Spiel für unvorhersehbarer als beispielsweise Basketball oder Handball. Der Grund liegt auf der Hand – oder besser gesagt, auf dem Fuß: "Wir können den Ball nicht festhalten. Wir haben dadurch nicht den Grad der Kontrolle im Fußball wie im Handball und Basketball", so Lames.

Zufall in der Statistik

Zufall oder Pech? Der Mainzer Zdenek Pospech lenkt den Ball ins Tor der eigenen Mannschaft.

Lames beschäftigt sich schon seit 1994 mit dem Zufallseinfluss beim Zustandekommen von Toren in europäischen Ligen. Merkmale für den Zufall sind laut Lames zum Beispiel das Abfälschen durch den Gegenspieler, Distanzschüsse und Tore mit Torwartberührung. "Es scheint eine Naturkonstante des Fußballs zu sein, dass bei ungefähr der Hälfte aller Tore eine dieser Zufallsvariablen beteiligt ist", sagt Lames. Zwischen 45 bis 50 Prozent liege die Quote in der Bundesliga.

Bei der letzten Untersuchung an seinem Institut stellte man Tendenzen fest: Es gibt zum Beispiel mehr Tore durch Distanzschüsse und mehr Tore mit Torwartberührung – laut Lames vielleicht auch wegen des neuen Ballmaterials – doch die Zufallsquote sei gleich geblieben. Wann der Zufall aufhört oder anfängt, darüber mag man sich nun streiten können. Aber auch andere Wissenschaftler stöbern dem Unvorhergesehenen hinterher.

Kreative Spieler

Prädikat "besonders kreativ": Mesut Özil von Real Madrid

Der Sportwissenschaftler Daniel Memmert von der Deutschen Sporthochschule Köln erforscht die Kreativelemente im Fußball und hat bei einer Untersuchung der WM 2010 festgestellt: "Über 70 Prozent der Spielzüge, die zu einem Tor führten, hatten eine Aktion, die man als originell, kreativ oder überraschend bezeichnen könnte." Ein Paradebeispiel ist das 2:0 im Spiel Deutschland gegen England. Klose spielt darin den kreativen Pass mit dem Außenrist in den freien Raum auf Müller, der passt zum Torschützen Podolski.

Podolski trifft zum 2:0.

Memmert glaubt, dass kreative Spieler in den Mannschaften durch die Spielanalysen und dadurch, dass sich das gegnerische Team besser auf die eigene Taktik einstellen kann, noch wichtiger werden: "Man wird durchschaubarer und die Situationen werden wichtiger, in denen man kreativ ist." Götze, Kroos und Özil seien solche kreativen Spieler. Kreativität könne man aber auch lernen. Memmert arbeitet derzeit an Methoden, mit denen man diese schon beim Nachwuchs trainieren kann.  

Aus der Statistikkiste gezaubert

Suche nach dem System im Fußball

Zwar bleibt für die Mannschaft der Spielverlauf immer noch unvorhersehbar. Aber das System Fußball wirft schon ein paar Weisheiten über die großen Zusammenhänge ab. Ein Großer, was das Spiel mit den Zahlen angeht, ist Andreas Heuer. Der Physiker forscht an der Universität Münster. Ein paar Erkenntnisse in Zahlen.

Wenn das Trainerkarussel sich dreht ...

... dann bei manchen Vereinen sogar mehrmals in der Saison. Ob das etwas bringt, wollte Physiker Andreas Heuer im Jahr 2011 herausfinden. Insgesamt 361 Trainerentlassungen von der Saison 1963 bis 2008/09 analysierten Heuer und Kollegen aus der Physikalischen Chemie und der Sportpsychologie von der Universität Münster.

Trainerwechsel bringen nichts

Für den Wechsel innerhalb der Saison waren nach einer Auswertung nicht nur abweichende Erwartungen vor der Saison verantwortlich. Vor den meisten Trainerentlassungen gingen zwei Spiele besonders unglücklich für die Mannschaft aus. Ein Beispiel aus der Praxis: Felix Magath wurde Anfang 2007 nach nur einem Punkt aus zwei Spielen als Trainer des FC Bayern München gegen Ottmar Hitzfeld ausgetauscht. Einen grundsätzlichen Effekt auf die Spielstärke der Mannschaft in der laufenden Saison haben solchen Trainerwechsel laut der Analyse von Heuer und Co nicht. Im Jahr 2007 konnte so auch Neutrainer Ottmar Hitzfeld nicht mehr als Platz Vier für Bayern München rausholen. Überraschend in der Studie von Heuer: Selbst der geplante Trainerwechsel in der Sommerpause hatte weniger als 15 Prozent Einfluss auf die Teamstärke.

Halbwertszeit von vier Jahren

Schon 2008 präsentierte der Physiker Heuer Ergebnisse aus 12.000 Bundesliga-Spielen von 1965 an. Um die Datensätze zu bewältigen, schrieb Andreas Heuer eine eigene Software. Den Ergebnissen nach dürfte Dortmund wahrscheinlich auch noch in den nächsten Jahren in der Spitze mitspielen. Heuer berechnete, dass die Fitness einer Mannschaft eine "Halbwertszeit" von vier Jahren hat. Ein Team lässt sich laut Studie nicht innerhalb von einer Saison aufbauen. Ein Schluss aus dieser Auswertung: Neue Spieler teuer einzukaufen, hilft in der aktuellen Saison wenig.

Vier Mal siegen, bis die Niederlage kommt

Cacao und Mitspieler vom VFB Stuttgart nach der Auswärtspleite gegen den FSV Mainz am 1. Spieltag der Saison 2010/11

Ein weiteres Ergebnis: Nach vier Niederlagen in Folge brauchen die Teams normalerweise acht Spieltage, um sich zu fangen. Überraschend: Auch nach einer Siegesserie von vier Spieltagen war die Gewinnchance beim nächsten Auswärtssieg um ein Viertel geringer. Und noch ein Mythos wurde entzaubert: Es gibt keine besonders heim- oder auswärtsstarken Mannschaften - statistisch lässt sich diese Meinung nicht untermauern.

Dass der Fußball irgendwann zum Rasenschach mutiert, scheint unwahrscheinlich. Es mag zwar Naturkonstanten und statistische Erkenntnisse geben, wer wie oft gewinnt oder ob Trainerwechsel etwas gebracht haben. Die helfen nicht nur Sportwettern, sondern können an der einen oder anderen Stelle das System Fußball durchschaubarer machen. Aber sobald ein Spiel anfängt, kann man nur mit den Worten des "Kaisers" sagen:

"Man muß halt aufpassen. Im Fußball passiert alles. Das Spiel ist zu Ende, wenn der Schiedsrichter abpfeift."

Franz Beckenbauer


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