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Zecken Mehr FSME-Erkrankungen und eine neue Zeckenart

2018 wird ein Zeckenjahr, sagt das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF). Experten erwarten deshalb ein höheres FSME-Risiko. Und es ist noch eine neue Zeckenart aufgetaucht: Ixodes inopinatus.

Stand: 12.07.2018

Zecke (gemeiner Holzbock, Ixodes ricinus) krabbelt über den Arm eines Mannes | Bild: picture alliance / Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB

Experten erwarten im Sommer 2018 ein höheres Infektionsrisiko für FSME und Borreliose. Der Grund: Es gibt so viele Zecken wie lange nicht. "Wir werden die höchste Zahl an Zecken in den letzten zehn Jahren haben", warnt Gerhard Dobler vom Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF). Die Experten haben ein Modell mitentwickelt, mit dem sie die Zeckendichte bereits im Winter für den jeweils kommenden Sommer voraussagen können. Grundlage ist die Zählung von Jungtieren in einem Infektionsherd in Süddeutschland.

Bereits bei niedrigen Plusgraden werden Zecken wieder aktiv. Beim Vorbeigehen streifen wir die Winzlinge von Ästen oder Grashalmen ab. Sie krabbeln unter unsere Kleidung und so lange an unserem Körper entlang, bis sie ein schönes Plätzchen für ihren Imbiss gefunden haben. Wenn es juckt, ist es schon zu spät: Die Zecke hat zugestochen und sich vielleicht schon vollgesaugt. Für uns kann ein Zeckenstich schwerwiegende Folgen haben: Zecken können Borreliose und die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) übertragen - eine Virusinfektion, die zum Beispiel eine Hirnhautentzündung nach sich ziehen kann.

Fast 500 Menschen sind 2017 an FSME erkrankt

Wissenschaftler der Stuttgarter Universität Hohenheim präsentierten Anfang März 2018 ihre neuesten Erkenntnisse über die Blutsauger und die lassen leider nichts Gutes erahnen: Bei nahezu 500 Menschen in Deutschland wurde im vergangenen Jahr eine FSME-Erkrankung diagnostiziert. So viele Fälle gab es seit mehr als zehn Jahren nicht mehr, es ist die zweithöchste je registrierte Zahl überhaupt. 2016 waren es knapp 350 Fälle. Einen Trend zu immer mehr Erkrankungen gebe es aber nicht, heißt es seitens des Robert Koch-Instituts (RKI): "Der Trend ist die Schwankung", sagt eine Sprecherin. Laut Gerhard Dobler, dem Leiter der Abteilung für Virologie und Rickettsiologie am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr München, erkrankten in jüngerer Vergangenheit jährlich zwischen 250 und 500 Menschen.

Bayern meldete die meisten FSME-Erkrankungen

2017 gab es die zweitmeisten FSME-Erkrankungen. Zecken können Wirte für FSME-Viren sowie Borrelien sein und diese auf den Menschen übertragen.

2017 traten 85 Prozent der FSME-Erkrankungsfälle in Bayern und Baden-Württemberg auf. Bayern meldete mit 239 Fällen die höchste Zahl seit Einführung der Meldepflicht im Jahr 2001. Auch in Baden-Württemberg war die Zahl der FSME-Erkrankungen mit 186 Fällen im Jahr 2017 ungewöhnlich hoch.

FSME-Hot-Spots wandern und breiten sich im Norden aus

FSME-Risikogebiete

Als FSME-Risikogebiete gelten derzeit 156 Kreise in Deutschland, zehn mehr als im April 2017. In Bayern sind es nun 88 Kreise, wobei die Landkreise Starnberg, München, Günzburg, Augsburg und Weilheim-Schongau neu dazugekommen sind. Neben fast ganz Bayern zählen auch viele Gebiete Baden-Württembergs, aber auch Teile von Hessen, Rheinland-Pfalz, Thüringen, Sachsen und des Saarlands dazu.

Die Wissenschaftler melden außerdem, dass sich die Regionen, in denen sich FSME-Erkrankungen häufen, verschieben. "Einige Landkreise, die über Jahre hinweg Erkrankungen meldeten, blieben im vergangenen Jahr völlig unauffällig. In anderen trat die Krankheit erstmals und gleich auch besonders gehäuft auf", berichtet Ute Mackenstedt, Parasitologin der Universität Hohenheim. Ihren Beobachtungen nach breitet sich FSME nach Norden aus: "Die Statistik zeigt uns ganz neue Hot-Spots in Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Zum allerersten Mal erhalten wir Erkrankungsberichte aus den Niederlanden", sagt Zeckenexpertin Mackenstedt.

Neue Zeckenarten in Deutschland: Auwaldzecke und Ixodes inopinatus

Eine neue Zeckenart in Deutschland: Ixodes inopinatus

Noch schwer einzuschätzen sei die Gefahr, die von neuen Zeckenarten in Deutschland ausgehe. Parasitologen der Universität Hohenheim sowie Virologen des Instituts für Mikrobiologie der Bundeswehr und der Universität Leipzig entdeckten das FSME-Virus 2016 zum ersten Mal in der Auwaldzecke (Dermacentor reticulatus). Ebenfalls 2016 entdeckte das Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr eine in Deutschland neue Zeckenart: Ixodes inopinatus. Sie ist wohl aus dem Mittelmeerraum zu uns eingewandert. "Noch ist nicht klar, wie lange diese Art schon in Deutschland heimisch ist und ob sie als FSME-Überträgerin in Frage kommt. Wichtig wäre auch, abzuklären, ob mit ihr nicht neue Krankheiten nach Deutschland gelangen, wie etwas das Mittelmeerfieber", meint Ute Mackenstedt.

"Zeckenfauna ist vielfältiger als bisher angenommen"

Zeckenbiss oder Zeckenstich?

Zeckenstich ist zutreffender: Zecken besitzen einen Stech- und Saugapparat. Mit zwei scherenartigen Mundwerkzeugen schneiden sie die Haut auf, anschließend wird gestochen und Blut abgezapft.

Forscher entdecken immer wieder Zeckenarten, die bisher nur vereinzelt und teilweise vor vielen Jahren in Deutschland nachgewiesen, seither aber nicht mehr beschrieben wurden. "Die Zeckenfauna ist weitaus vielfältiger als bisher angenommen", erklärte Gerhard Dobler vom Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr München bereits im November 2017 in einer Pressemitteilung des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF). Insbesondere Vogelzeckenarten würden identifiziert, wenn gezielt danach gesucht wird. "Die Bedeutung dieser Verschleppungen über Kontinente hinweg ist bisher nur wenig erforscht und könnte für das Auftreten von neu eingeschleppten, durch Zecken übertragene Erkrankungen von größerer Bedeutung sein als bisher angenommen", betonte der Wissenschaftler im November 2017.  

Wie unterscheiden sich Holzbock, Auwaldzecke und Ixodes inopinatus?

Gemeiner Holzbock

Der Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus) gehört zur Familie der Schildzecken. Er ist nicht nur in Deutschland, sondern auch in zahlreichen anderen europäischen Ländern weit verbreitet. Meist lebt er im Wald und an Waldrändern, wo es feucht ist. Er überträgt Bakterien wie Borrelien und das FSME-Virus auf Mensch und Tier. Auffällig ist sein rot-brauner Hinterleib.

Ixodes inopinatus

Ixodes inopinatus, ebenfalls eine Schildzecke, kam ursprünglich nur im Mittelmeer-Raum vor. Mittlerweile hat diese Zeckenart jedoch stabile Populationen in Deutschland gebildet. Ob diese Zeckenart das FSME-Virus oder sogar bisher in Deutschland unbekannte Erreger überträgt, wird gerade erforscht. Ixodes inopinatus ist sehr leicht mit Ixodes ricinus zu verwechseln, da die sichtbaren Unterschiede sehr gering und mit bloßem Auge schwer zu erkennen sind.

Auwaldzecke

Die Auwaldzecke (Dermacentor reticulatus) ist ein Vertreter der Gattung der Buntzecken. Sie ist etwas größer als der Holzbock. Ihr Körper ist grau und marmoriert. Auwaldzecken leben auf sonnenexponierten Wiesenflächen und lichten Wäldern (auch in Überschwemmungsgebieten). Sie sind bislang vor allem als Überträger von Babesien-Bakterien bekannt. Diese lösen bei Hunden die Hundemalaria aus.

FSME und Borreliose nicht unterschätzen

Als Mediziner warnt Gerhard Dobler davor, FSME zu unterschätzen: "Zu den schweren Krankheitsverläufen gehören Lähmungen, Koma, Krampfanfälle, vereinzelt auch Todesfälle." Den zuverlässigsten Schutz vor einer FSME-Erkrankung biete nach wie vor eine Impfung, betonen Zeckenexperten. Impfstoffe würden fast 100 Prozent Wirkung zeigen. Komplikationen seien mit 1,5 Fällen bei einer Million Impfungen extrem selten. Häufiger als FSME wird jedoch die von Bakterien verursachte Borreliose übertragen. Sie kann Nervensystem und Gelenke schädigen. Schätzungen zufolge treten jährlich 40.000 bis 120.000 Krankheitsfälle auf. Eine Schutzimpfung dagegen gibt es nicht. Bei einem Zeckenstich sollten Sie einen Arzt aufsuchen, vor allem, wenn Symptome wie Fieber, geschwollene Lymphknoten oder die sogenannte Wanderröte hinzukommen. Frühzeitig erkannt, lässt sich Borreliose gut mit Antibiotika behandeln.

Mit neuen Forschungsprojekten Zecken besser verstehen und bekämpfen

Computermodell zum Zecken-Risiko

Zwei neue Forschungsprojekte sollen Hinweise zu den neuen Arten, den wechselnden FSME-Hot-Spots und den schwankenden Erkrankungszahlen geben.

Ein Computermodell soll Prognosen zum Zecken-Risiko ermöglichen:
Hierfür werden an fast 100 Standorten dreimal im Monat Zecken gesammelt und untersucht. Ergänzt werden sollen diese Daten dann zum Beispiel mit Klimadaten oder Informationen zum örtlichen Nahrungsangebot für Wildtiere. "Die Auswertung soll uns Aufschluss darüber geben, wie sich die Situation in Deutschland ändert, ob wir aus der Zeckendichte auch ein Krankheitsrisiko ableiten können oder wann und wo die FSME-Gefahr im kommenden Jahr besonders hoch sein könnte", erklärt die Parasitologin Ute Mackenstedt.
Neben der Universität Hohenheim und der Veterinärmedizinischen Universität Wien sind daran auch die Technische Universität Hannover, die Universität Leipzig und das Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr beteiligt.

Erforschung des Zecken-Lebensraums

Ein zweites Projekt soll den Lebensraum und die Verhaltensweisen der Zecken genauer erforschen, um davon Strategien zur Bekämpfung abzuleiten.
"Das Erstaunliche ist, dass Zecken-Hot-Spots oft nicht größer sind als ein Fußballfeld - oder auch nur halb so groß - und über Jahre stabil bleiben", erklärt Gerhard Dobler vom Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr München. Zusammen mit Landschaftsökologen sollen die Zeckentummelplätze auf Gemeinsamkeiten hin untersucht werden - zum Beispiel im Pflanzen- oder Tierbestand.
Auch soll untersucht werden, ob und wie FSME das Verhalten von Zecken ändert: "Wenn Zecken einen Wirt suchen, wandern sie an Grashalmen nach oben und warten dort auf Warmblütler. Eine neue Studie aus Osteuropa deutet an, dass FSME-Viren dieses Suchverhalten von Zecken verlängern könnten", berichtet Ute Mackenstedt. Mithilfe von Kameras soll diese Theorie überprüft werden.
Durchgeführt wird das Projekt unter anderem vom Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr, der Universität Hohenheim, dem Robert Koch-Institut, dem Friedrich-Löffler-Institut und den Landesgesundheitsämtern Bayern und Baden-Württemberg.

Gegen Zecken wappnen

Wenn Sie im Wald unterwegs sind, durch Gebüsch oder Gras gehen, sollten Sie lange Kleidung und feste Schuhe tragen. Über die Hosenbeine gestülpte Socken verwehren den Zecken den Zugang zur Haut. Nach einem Ausflug ins Freie sollten Sie Ihren Körper gründlich auf die winzigen, braunen, langsam krabbelnden Punkte hin absuchen - und sich vermeintliche Muttermale nochmal genauer ansehen. Zecken-Lieblingsplätze sind: Haaransatz, Ohren, Hals, Achseln, Armbeuge, Bauchnabel, Genitalbereich und Kniekehle.


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