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Wolf in Bayern Die Rückkehr der Wölfe

Durch Bayern streifen wieder Wölfe. Das löst bei manchen Freude, bei anderen Unmut und Angst aus. In Bayern soll der "Aktionsplan Wolf" einen Ausgleich zwischen den widerstreitenden Interessen schaffen.

Stand: 02.12.2019

Am 11. März 2019 hat die Bayerische Staatsregierung die Weiterentwicklung des "Aktionsplans Wolf" vorgestellt. Dieser ist höchst umstritten: Naturschützer beklagen, der Abschuss der eigentlich streng geschützten Wölfe werde damit in Bayern deutlich erleichtert. Den Tierhaltern dagegen reicht der Aktionsplan zum Schutz ihrer Rinder, Schafe und Ziegen nicht aus.

Zäune und Hirten als Schutz vor dem Wolf

Ziel des "Bayerischen Aktionsplans Wolf" ist es, Konflikte zu minimieren, die die wachsende Zahl von Wölfen in Bayern auslöst. Vorbeugende Maßnahmen sollen verhindern, dass Wölfe Weidetiere reißen. Dazu zählen beispielsweise spezielle Zäune, das Einzäunen der Tiere in der Nacht (Nachtpferchung) und der Einsatz von Mensch und Hund als Hirten zum Schutz der Herden.

Wölfe dürfen aus der Natur "entnommen" werden

Almbauern halten jedoch in alpinem Gelände einen ausreichenden Herdenschutz für nicht umsetzbar. Zu diesem Schluss kommt auch der Aktionsplan Wolf. Eine Weideschutzkommission soll deshalb Weidegebiete vor allem im alpinen Bereich untersuchen und bewerten. Kommt sie zu dem Schluss, dass ein präventiver Herdenschutz nicht möglich ist, dann sei die "Entnahme eines Wolfs" möglich. Das dürfte bedeuten, dass im Alpengebiet Wölfe notfalls geschossen werden können, wenn man auf diese Weise Schäden für die Weidewirtschaft vermeiden kann. Weiter heißt es im Aktionsplan, dass mögliche Schäden durch Wölfe auch in Zukunft vollumfänglich ausgeglichen werden.

Wolf-Sichtungen seit 2006

Der Wolf galt in Bayern seit 1882 als ausgerottet. Doch spätestens 2006 war klar, dass es auch bei uns wieder Wölfe gibt: Im Mai 2006 wurde ein männliches Tier in der Nähe von Pöcking am Starnberger See überfahren. Seither werden immer wieder Wölfe gesichtet, tappen in Fotofallen oder hinterlassen Fell- oder Speichelspuren.

Die ersten sesshaften Wölfe in Bayern

Inzwischen ist der Wolf auch in Bayern wieder zuhause.

Seit 2015 können wieder standorttreue Wölfe in Bayern nachgewiesen werden: im Nationalpark Bayerischer Wald, auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr, im Veldensteiner Forst und in der Rhön.

Die ersten Wolfsjungen

Der Bayerische Wald ist für Wölfe ein attraktiver Lebensraum: Zusammen mit dem angrenzenden Sumava-Nationalpark auf tschechischer Seite stehen den Tieren rund 900 Quadratkilometer zur Verfügung. Im Bayerischen Wald fühlen sich die Wölfe so wohl, dass dort im Sommer 2017 der erste wilde Wolfsnachwuchs seit mehr als hundert Jahren nachgewiesen werden konnte: Drei Jungtiere sind im Juli 2017 in eine Fotofalle getappt.

Wölfe bevorzugen Truppenübungsplätze

Wölfe besiedeln laut einer Studie vom Februar 2019 Militärgelände lieber als Naturschutzgebiete. Truppenübungsplätze sind für die Tiere selbst dann kein Problem, wenn dort Schießübungen stattfinden. Inzwischen leben Wölfe bereits auf 13 von 21 Truppenübungsplätzen mit einer Fläche von 30 Quadratkilometern und mehr. Bei ähnlich großen Naturschutzgebieten sind es nur 8 von 55. Wölfe fühlen sich auf Truppenübungsplätzen wohl, weil es dort aufgrund der Absperrung außer den militärischen Aktivitäten keine anderen Störungen wie durch Radfahrer oder Spaziergänger gibt. Da sich aus den gleichen Gründen auch die Beutetiere des Wolfes auf Militärgebiet wohlfühlen, sei zugleich das Nahrungsangebot für die Raubtiere größer, sagte Vanessa Ludwig vom Kontaktbüro Wölfe in Sachsen.

Wolf sorgt für Konflikte

Seit sich Wölfe wieder in Deutschland ansiedeln, kommt es zu Konflikten, etwa, weil die Tiere Nutztiere reißen oder in der Nähe von Menschen auftauchen und dabei bedrohlich wirken. Es gab bereits Vorschläge, Wölfe dem Jagdrecht zu unterstellen, um den Bestand zu regeln. Diese Überlegungen sind aber heftig umstritten. Bislang sind Wölfe nach deutschen und europäischen Gesetzen äußerst streng geschützt. Es ist verboten, sie zu fangen oder zu töten.

In Ausnahmefällen können Wölfe jedoch geschossen werden. Das sieht etwa der Bayerische Aktionsplan Wolf vor. Solche Ausnahmefälle könnte es häufiger geben, denn es werden weitere Wölfe kommen und sich fortpflanzen. Um Bayern herum existieren etliche stabile Wolfspopulationen: In den Karpaten, auf dem Balkan und im Baltikum gibt es jeweils einige Tausend Wölfe, in Italien sowie in Frankreich, Finnland und Schweden einige hundert Tiere. In der Schweiz und in Österreich leben dagegen bislang nur wenige Wölfe, ähnlich wie im Osten Deutschlands.

Wolf-Monitoring in Deutschland

Verbreitung des Wolfes

Wie viele Wölfe gibt es bei uns? Und wo genau? Infos zum Wolfsvorkommen gibt es beim Bundesamt für Naturschutz, dem Bayerischen Landesamt für Umwelt und der "Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf" (DBBW):

Bereits 1996 begannen sich die ersten Wölfe in Ostdeutschland niederzulassen. Seither nimmt die Zahl der Wölfe in Deutschland zu. Anfang Dezember 2019 vermeldete das Bundesamt für Naturschutz (BfN) die Zahlen für das Wolfs-Monitoringjahr 2018/19 (1. Mai 2018 bis 30. April 2019): Im beobachteten Zeitraum gab es Nachweise - weil Wölfe gefangen, tot aufgefunden, von einer Fotofalle fotografiert oder mithilfe einer eindeutigen Hinterlassenschaft identifiziert wurden - für 105 Wolfsrudel, 25 Wolfspaare sowie 13 sesshafte Einzelwölfe. Im Monitoringjahr 2017/18 waren es 77 Rudel, 40 Paare und drei Einzelwölfe. Insgesamt sollen jetzt in Deutschland mindestens 275 bis 301 erwachsene Wölfe unterwegs sein. Laut der Auswertung gibt es aktuell in 13 Bundesländern Wölfe. Nur im Saarland, in Berlin sowie in Hamburg konnten keine Wölfe nachgewiesen werden. Die meisten Wolfsverbände leben in Brandenburg, gefolgt von Sachsen und Niedersachsen.

Der Deutsche Jagdverband (DJV) kritisierte die vorgestellten Daten, da in der Bilanz der Nachwuchs nicht aufgeführt wird. Nach DJV-Hochrechnungen lebten im Frühsommer 2019 rund 1.300 Wölfe - erwachsene und Jungtiere - in Deutschland. Für das Frühjahr 2020 rechnet der Verband mit etwa 1.800 Wölfen.

Für wie viele Wölfe ist bei uns Platz?

Ulrich Wotschikowsky, der am 30. August 2019 verstorbene Wildbiologe und Wolfexperte, der vormals auch für das Wildtiermanagement im Nationalpark Bayerischer Wald zuständig war, gab Deutschland Raum für etwa 400 Wolfsrudel: "Das sind gut zehnmal so viele, wie wir heute haben. Das ist allerdings aus der Sicht der Wölfe und nicht aus der Sicht der Jäger und Schafzüchter. Nur dann, wenn man die Wölfe machen lässt, wie sie wollen, wenn wir Menschen überhaupt nicht eingreifen, dann könnte sich eine Wolfspopulation in dieser Größenordnung bei uns einspielen", sagte er im März 2016 im alpha-Forum.

Mensch ist größter Feind des Wolfes

Doch dass es jemals so weit kommt, glauben Wolfsexperten nicht. Denn der größte Feind des Wolfes ist der Mensch. Nur ein kleiner Teil der Wölfe in Deutschland stirbt eines natürlichen Todes. Der Großteil wird überfahren, einige andere erschossen - meist illegal. "Das Schicksal der Wölfe wird also hauptsächlich von der Jägerschaft abhängen, und zwar davon, ob die illegalen Tötungen von Wölfen zunehmen", sagte Ulrich Wotschikowsky.

"Der Wolf ist kein Kuscheltier"

Wolf oder Problemwolf?

Mit der erfolgreichen Rückkehr werden auch alte Geschichten über den Wolf wach. Vor allem zu seinem Fressverhalten halten sich hartnäckig Märchen. Der Mensch gehört nicht zum Beuteschema des Wolfes. Dennoch sollten Menschen Respekt vor einem Wolf haben, fordert Gert Dittrich vom Deutschen Jagdverband. Wer einem Wolf begegnet, sollte das Tier im Auge behalten und sich dann langsam zurückziehen. "Der Wolf ist ein Raubtier. Er ist kein Kuscheltier", warnt Dittrich. Deshalb gibt es auch einen Managementplan für den Umgang mit wilden Wölfen, der hoffentlich mithilft, dass der Wolf nicht zum "Problemwolf" wird.

Managementplan Wölfe in Bayern

Der Managementplan des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz "beschreibt den Handlungsrahmen und regelt Zuständigkeiten, Kommunikationswege, das Monitoring und die Abwicklung von Ausgleichszahlungen, wenn Wölfe nach Bayern zuwandern."

Ist der Wolf ein Feind des Menschen?

Einst wurde der Wolf vom Menschen geschätzt und verehrt. Als geschickter, ausdauernder und erfolgreicher Jäger wurde er bewundert. Mythen rankten sich um ihn, Märchen wurden ihm gewidmet. In Vornamen wie Wolfgang oder Wolfhart spiegelt sich noch heute diese Wertschätzung wieder.

Doch mit der zunehmenden Besiedlung, der Ausweitung der Agrarflächen und der immer extensiver werdenden Weidewirtschaft kam es zum Konflikt. Der Lebensraum für den Wolf wurde kleiner, er riss Schafe und andere Nutztiere und wurde zum Nahrungskonkurrenten des Menschen. Er wurde zum "Isegrim" - zum gefürchteten und gehassten Feind, der in unserer Welt keinen Platz mehr hatte.

Ein Schuss, der in die Geschichte einging

Über ein Jahrhundert lang war Bayern wolffrei: Im Sommer 1882 wurde bei einer Treibjagd im Oberpfälzer Fichtelgebirge der letzte Wolf Bayerns erlegt. Damit war in unseren Wäldern ein für das Ökosystem wichtiges Mitglied ausgerottet, nachdem schon 50 Jahre vorher auch der letzte Bär abgeschossen worden war. Jahrtausendelang hatte das große Raubtier Wolf den Rehwildbestand in einem für den Wald verkraftbaren Niveau gehalten. Seither haben Jäger diese Aufgabe des Wolfs übernommen.

Schutz für den Wolf

Seit den 1970er-Jahren verbessert sich das Image des Meisters Isegrim allmählich. Mehr und mehr wird erkannt, dass der Wolf ein Ureinwohner unserer Wälder ist, und wir kein Recht haben, ihn zu verbannen. Mit wachsendem ökologischen Bewusstsein der Bevölkerung schwindet allmählich die Verteufelung als "blutrünstiges Raubtier". Mittlerweile ist der Wolf ein streng geschütztes Tier, das als vom Aussterben bedroht auf der Roten Liste Deutschlands steht.

Mehr Informationen zum Wolf:

Führungen im Nationalpark Bayerischer Wald

Im Nationalpark Bayerischer Wald gibt es regelmäßig Führungen unter fachkundlicher Leitung. Dabei lernen Sie Wölfe und andere Tiere in ihrer natürlichen Umgebung kennen - in ihren Freigehegen. Zudem haben wir einige Links für Sie herausgesucht, die Sie über Wölfe und ihren Schutz informieren:

  • Mit dem Wolf leben - auf der Suche nach Lösungen: Notizbuch, 28.11.2019, 10:05 Uhr, Bayern 2
  • Die Rückkehr - Wölfe in Bayern: Bayern erleben, 10.06.2019, 21:00 Uhr, BR Fernsehen
  • Mit Bioakustik den Wolfsbestand erfassen. nano, 16.04.2019 um 17:45 Uhr, ARD-alpha
  • Das Wolfsexperiment. Welt der Tiere, 02.03.2019 um 10:00 Uhr, BR Fernsehen
  • Die Wölfe kommen: 03.05.2018, 12.10 Uhr, Welt der Tiere, BR Fernsehen
  • Mit dem Wolf leben - schwieriges Management: 12.04.2018, 10.05 Uhr, Notizbuch "Nah dran", Bayern 2
  • Wolfswelpen im Bayerischen Wald: 04.08.2017, 13.05 Uhr, Bayern 1 am Nachmittag
  • "Wölfe - in Bayern bald wieder heimisch?" 18.07.2017, 22.00 Uhr, Faszination Wissen, BR Fernsehen
  • Deutschlands wilde Wölfe - Wie sie wirklich sind. 24.05.2017, 21:00 Uhr, ARD-alpha
  • alpha-Forum: Wildbiologe und Wolfsexperte Ulrich Wotschikowsky. 24.05.2017, 20:15 Uhr, ARD-alpha
  • Drei Wildtiere von Wolf gerissen: 09.05.2017, 13.05 Uhr, Bayern 1 am Nachmittag
  • Unser Land: Wölfe in Bayern - Aus für die Weidehaltung von Kühen? 28.04.2017, 19:00 Uhr, BR Fernsehen
  • Welt der Tiere: Die Wölfe kommen. 11.03.2017, 18:00 Uhr, ARD-alpha
  • Bayernchronik: Wolfsrudel in Bayern? Nur eine Frage der Zeit! 11.03.2017, 11:05 Uhr, Bayern 2
  • radioWissen: Der Wolf - Verehrt, verfolgt, verfemt. Donnerstag, 21.06.2012, 09:05 Uhr, Bayern 2

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