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Betrug in der Wissenschaft Von wegen objektiv

Wissenschaft ist objektiv und unbestechlich. Die Zahlen lügen nicht. Die Quellen erst recht nicht. Oder doch? Oft kann Forschung diese Erwartungen nicht erfüllen. Das Problem liegt im System und ist nicht so einfach abzustellen.

Stand: 25.01.2017

Das waren die großen Plagiatsfälle der letzten Jahre: Karl-Theodor zu Guttenberg, Annette Schavan und Silvana Koch-Mehrin. Alle drei prominente Politiker, alle drei mit Doktortitel - alle drei haben abgeschrieben. Sie sind sehr bekannt, aber nicht die einzigen, die im vermeintlich objektiven und transparenten Wissenschaftsbetrieb betrügen.

Das Konkurrenz-Prinzip

Ein Problem: Forscherinnen und Forscher wollen immer die Ersten sein und publizieren, bevor die Kollegen mit einem ähnlichen Ergebnis an die Öffentlichkeit gehen. So auch der Kardiologe Dennis Rottländer. Er hatte Daten seiner Studie verändert, heute sagt er, die "wissenschaftliche Erwartungshaltung" seiner Leiterin war mit verantwortlich.

Er habe nicht die erwünschten Messergebnisse erzielt, begann dann "zusammenzustellen" und wurde dann erwischt. Seinen Posten an der Uniklinik Köln hat er 2014 verloren.

Wissenschaftliches Vertrauen

Auch in renommierten Fachzeitschriften können Fälschungen veröffentlicht werden.

Dass so viele gefälschte Messdaten nicht auffallen liegt auch daran, dass die Grundlage wissenschaftlichen Arbeitens Vertrauen ist. Denn auch renommierte Fachzeitschriften wie "Nature" oder "Science" haben nicht genügend Personal, um einzelne Datenreihen zu überprüfen oder gar Experimente nachzustellen. Sie müssen darauf vertrauen, dass sie es mit einem ehrlichen Forscher zu tun haben. So ist es möglich, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einfach irgendwelche Zahlen in Tabellen schreiben können - und zwar von "Experimenten", die niemals stattgefunden haben.

So zum Beispiel der niederländische Sozialpsychologe Diederik Stapel, früher als "Wunderkind" seines Fachs gehandelt. Nachdem er im Jahr 2011 aufgeflogen war, hat er innerhalb von nur zwei Jahren 54 Artikel wegen Fälschung der Daten zurückgezogen.

Was sie später dazu sagten

Resultate müssen "schön" sein

Ein weiteres Problem: Wissenschaftliche Daten müssen "schön" und einfach sein, das sagen zumindest immer wieder Forscher, die erwischt werden.

Wenn etwas gefälscht wird, dann das, was die eigene Hypothese beeinträchtigt oder sogar widerlegt. Die Zeitschrift "Nature" hat im Jahr 2005 eine Umfrage dazu gemacht. Befragt wurden 3.000 Wissenschaftler. Das Ergebnis: 15 Prozent der Befragten gaben zu, ein Forschungsdesign oder sogar Forschungsergebnisse auf Druck der Forschungsförderer verändert zu haben.

Wissenschaftlicher Nachwuchs muss aufgeklärt werden

Oft kommen Fälscher auch deswegen durch, weil ihre Betreuung mies ist. In manchen Fächern ist die Zahl der Promovierenden pro Professor extrem hoch. 30 bis 40 Doktorarbeiten kommen da schnell zusammen - hunderte bis tausende Seiten wissenschaftlicher Texte müssen Korrektur gelesen werden. Darüber hinaus sollen Doktoranden aufgeklärt werden, wie man seriös forscht. Wenn dafür keine Zeit bleibt, ist dem Betrug nur schlecht beizukommen.

"Wenn Sie einem Professor sagen: 'Du bist hier verpflichtet, möglichst viele Leute zu promovieren', und wenn möglicherweise sogar noch Gehaltsbestandteile an die Einhaltung dieser Absicht geknüpft werden, dann darf man sich nicht wundern [...] dass eine sorgfältige, intensive Betreuung und sorgfältige Lektüre der fertigen Arbeit nicht mehr gewährleistet ist."

Prof. Bernhard Kempen, Jura-Professor, Universität Köln

Wer kontrolliert die Kontrolleure?

Wissenschaft beruht auf interner Kontrolle - Kollegen kritisieren Kollegen: Sie lesen gegenseitig ihre Studien und bewerten sie - im sogenannten Peer-Review und bestimmen so auch, wer Fördergelder bekommt und wer nicht. Einerseits ist das naheliegend, immerhin kennen sie sich mit dem jeweiligen Forschungsthema aus. Andererseits kennt man sich auch gegenseitig, beruflich und oft auch privat. Ob ein Forscher befangen ist, wird momentan nicht abgeklärt.

Eine Lösung: Gutachter. Doch auch hier gibt es keine objektiven Regeln.

"Wer ist Gutachter? Wer kann Gutachter sein? Müssen wir externe Gutachter haben? Das liegt weitgehend immer noch in der Autonomie der Fakultäten."

Prof. Bernhard Kempen, Jura-Professor, Universität Köln

Es müsste noch viel mehr passieren

Seit den spektakulären Fällen wie Guttenberg oder Schavan ist einiges passiert an den Universitäten. Die meisten Fakultäten arbeiten mittlerweile mit Plagiatssoftware, Fachzeitschriften überprüfen statistische Datenreihen, Universitäten beschäftigen Ombudsleute.

Doch an den grundsätzlichen Strukturen des Wissenschaftsbetriebs hat sich bislang wenig geändert. Und so lange selbst der oberste Wissenschaftskontrolleur der Bundesrepublik, der Ombudsman der Deutschen Forschungsgemeinschaft, nur ehrenamtlich arbeitet, wird so schnell nichts voran gehen.


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