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Wildtiere in Bayern 700 Wildkatzen schleichen durch Bayern

Völlig zu Unrecht galt sie als wilde Bestie, die Rehe und Hirschkälber angreift und wurde deshalb in Bayern ausgerottet. Nun ist die Wildkatze wieder da - und zwar in größerer Zahl als angenommen.

Stand: 01.12.2017

Wildkatzen sind keine wilden Hauskatzen. Sie durchstreiften unsere Wälder schon, als es noch gar keine Hauskatzen bei uns gab. Sie haben auch eine andere genetische Herkunft. Wildkatzen (Felis silvestris) sind massiger und haben einen buschigen Schwanz mit dunklen Ringen und stumpfem, schwarzem Ende. Ihre Fellzeichnung ist nicht kontrastreich wie bei einer wildfarbenen Hauskatze, sondern wirkt verwaschener. Wildkatzen meiden die Nähe des Menschen und sind nachtaktiv. Weil sie reine Waldbewohner sind, werden Wildkatzen oft auch Waldkatzen genannt.

Auch Wildkatzen lieben Mäuse

Wildkatzen streiften schon durch unsere Wälder, lange bevor die Römer die ersten Hauskatzen zu uns brachten.

Ursprünglich waren Wildkatzen in Deutschland weit verbreitet. Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden sie bis auf wenige kleine Vorkommen ausgerottet. "Eine wilde Bestie, ein gnadenloser Räuber" – über Jahrhunderte dichtete man der Wildkatze furchteinflößende Eigenschaften an: Rehe und Hirschkälber könne sie erlegen und sogar Menschen angreifen. Für die Jäger war das ein Freibrief zur gnadenlosen Jagd. Tatsächlich muss sich niemand um den heimischen Rehbestand sorgen: Auf dem Speiseplan von Wildkatzen stehen Mäuse ganz oben – notfalls auch Vögel oder Amphibien.

Die Wildkatze kehrt zurück nach Deutschland

In ganz Deutschland steht die Wildkatze auf der Roten Liste, bei uns in Bayern gilt sie immer noch als vom Aussterben bedroht. Doch aufgrund zahlreicher Schutzmaßnahmen breitet sich die Wildkatze in einigen Teilen Deutschlands wieder aus. Sie würde sich wahrscheinlich noch mehr Gebiete zurückerobern, wenn sie ungestört wandern könnte. Das schließen Artenschützer auch aus den im August 2017 veröffentlichten Abschlussbericht des Projekts "Wildkatzensprung". Seit 2011 wurden in zehn Bundesländern Tausende von Haarproben gesammelt und genetisch analysiert. 5.000 bis 7.000 Wildkatzen sollen in Deutschland leben – hauptsächlich in den ausgedehnten Wäldern von Eifel, Hunsrück, Westerwald, Taunus, Pfälzer Wald und Hainich (Thüringen).

Die Lage in Bayern

Im Jahr 2017 hat der Bund Naturschutz (BN) in Bayern 700 Exemplare nachgewiesen. Bislang ging man von 600 Exemplaren aus. Vor allem in Nordbayern fühlt sich die Europäische Wildkatze wohl, in Waldgebieten im Spessart, in der Rhön und den Haßbergen. Aber auch in der Oberpfalz und Schwaben haben sie sich angesiedelt. Ein Tier wanderte von der Rhön ins 40 Kilometer entlegene Schweinfurt. Im Südosten Bayerns sind sie (noch) selten zu finden, aber erste Vorstöße sind erkennbar. In Bayern gibt es deutlich weniger Wildkatzen als in anderen Waldgebieten Deutschlands, weil das Tier jahrzehntelang ausgerottet war.

Wildkatzenvorkommen in Bayern

Gesucht: Wildkatzen-Wanderwege

Noch scheinen sich die einzelnen Wildkatzen-Populationen nicht vermischt zu haben. Sie finden nicht zueinander.

Die Analysen zeigten, dass sich die einzelnen Populationen genetisch voneinander unterscheiden. Außerdem konnte bislang keine Wildkatze in mehr als einem Waldgebiet nachgewiesen werden. Während in Nordrhein-Westfalen und in Nord- und Mittelbayern überraschend viele Nachweise gesammelt wurden, gebe es im Schwarzwald, auf der Schwäbischen Alb und im Osten Deutschlands noch immer keine Vorkommen, erklärt der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger. "Das zeigt, dass die Wildkatzen bis hierhin noch nicht wandern konnten und an ihrer Wiederausbreitung gehindert werden."

Wildkatzen erforschen

Die Lockstockmethode

Da Wildkatzen sehr scheue Tiere sind, können sie fast nur durch eine DNA-Analyse der Haare nachgewiesen werden. Um an DNA-Material zu kommen, werden mit Baldrian besprühte Lockstöcke in den Waldboden gerammt. Baldrian wirkt auf die Wildkatzen wie ein Aphrodisiakum. Sie reiben sich an den duftenden Stellen und lassen Haare am Holz zurück. Diese Haarproben werden von ehrenamtlichen Helfern eingesammelt und ins Labor geschickt: Im Senckenberg-Institut in Gelnhausen in Osthessen werden die Proben untersucht. Die Ergebnisse werden in eine Gendatenbank aufgenommen.

Mit GPS-Sendern Daten sammeln

26 Wildkatzen in drei Waldgebieten in Rheinland-Pfalz hat die Deutsche Wildtier Stiftung mit GPS-Sendern ausgestattet. Alle zwei Wochen werden die Wildkatzen per Radiosignal aufgespürt und die Daten der GPS-Sender aus einer Entfernung von 50 bis 200 Metern ausgelesen. Durch die regelmäßig erfassten Daten erhoffen sich die Forscher Informationen über die Wanderwege und Aufenthaltsorte der Wildkatzen. Außerdem soll zum ersten Mal auch die Stressbelastung der Tiere etwa durch den Bau oder Betrieb von Windkraftanlagen erfasst werden. So wollen die Forscher auch herausfinden, ob Lärm in den Streifgebieten die Wildkatzen bei der Aufzucht ihrer Jungen stört.

Die Verbreitung über vernetzte Lebensräume

2004 startete der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) das "Rettungsnetz Wildkatze" und versucht seither, die Lebensräume der Wildkatze zu vernetzen. In Projekten wie "Wildkatzensprung" wird weiter an diesem Netz geknüpft. Für Wildkatzen geeignete Wälder gibt es genügend in Deutschland. Allerdings liegen die einzelnen Populationen in den verschiedenen Gebieten noch weit auseinander. Der Bestand kann sich schwer ausbreiten, viele Wildkatzen sterben beim Überqueren einer Straße, ähnlich wie auch Fischotter und Luchse. Ziel des Projekts ist ein bundesweiter Verbund von Wäldern, ermöglicht durch grüne Korridore. So werden zum Beispiel Bäume und Büsche gepflanzt, wo Verbindungswege durch intensivere Landwirtschaft und Baumaßnahmen verloren gegangen sind.

Wissenswertes über die Wildkatze und Schutzprojekte:

  • "Kleine Tiger in bayerischen Wäldern": am 13.01.2018 um 10 Uhr, BR Fernsehen
  • "Häh? - Was ist der Unterschied zwischen Hauskatzen und Wildkatzen": am 24. Februar 2017 um 18.30 Uhr im "radioMikro", Bayern 2
  • "Leben mit dem Tigerrr...": am 13. Dezember 2015 um 15.30 Uhr in "Welt der Tiere", BR Fernsehen
  • "Wildkatzen auf der Spur": am 16. Oktober 2015 um 17.30 Uhr in "Schwaben & Altbayern", BR Fernsehen

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