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Weltgesundheitsorganisation WHO Die Gesundheit der Welt im Blick

Sie kümmert sich um die Gesundheit eines großen, schwierigen Patienten, kränkelt aber selbst: Am 7. April 1948 wurde die Weltgesundheitsorganisation WHO gegründet. Seither hat sie viel geschafft - aber auch Einiges versäumt.

Stand: 05.04.2019

Tuberkulose, Diphterie, Cholera, Pocken, Polio, Scharlach und Keuchhusten - zwar herrscht nach dem Zweiten Weltkrieg Frieden auf der Welt, aber ihre Bewohner leiden. Nicht nur an Krankheiten, sondern auch an Hunger. Viren und Bakterien treffen auf schwache Opfer, Epidemien breiten sich aus, Medikamente, Impfstoffe, Desinfektionsmittel und Verbandsmaterial fehlen. Den Staaten wird bewusst, dass es zur Sicherung des Friedens auf der Welt auch eine Lösung für ihre Gesundheitsprobleme braucht.

Eine Weltgesundheitsorganisation aus Angst vor Epidemien

7. April: Weltgesundheitstag

Am 7. April 1948 wurde die Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization, WHO) gegründet. Anlässlich ihrer Gründung wird jedes Jahr an diesem Tag der Weltgesundheitstag begangen.

Vor allem die USA drängten in den 1940er-Jahren zum Aufbau einer globalen Gesundheitsinstitution: "Offensichtlich hatten die USA, so kann man das aus Dokumenten sehen, ziemlich Angst davor, bei dieser Lage in Europa und Asien von Epidemien heimgesucht zu werden. Dieses Risiko hatte bereits durch den vermehrten Flugverkehr in den letzten Jahrzehnten vor dem Zweiten Weltkrieg zugenommen", berichtet der Politologe Helmut Volger, Experte für die Geschichte und Struktur der Vereinten Nationen. Mit der Gründung der Vereinten Nationen sollte deshalb gleich eine Weltgesundheitsorganisation eingerichtet werden. Doch laut Helmut Volger waren sich Amerikaner und Europäer damals nicht einig, was "Gesundheit" in einer Weltgesundheitsorganisation bedeuten soll:

"Im Grunde genommen gab es bei der Gründung einen Konflikt zwischen zwei Gruppen. Eine Gruppe war eigentlich nur an einer Epidemie-Bekämpfung interessiert. Die andere Gruppe, vor allem Europa, hatte eher sozialmedizinische Vorstellungen: Sie versprach sich davon auch, die Lebensbedingungen in den Staaten der Dritten Welt zu verbessern, um so die Gesundheitslage der Menschen zu bessern - also ein stark idealistischer, humanitärer Ansatz."

Helmut Volger, Politologe, Experte für die Geschichte und Struktur der Vereinten Nationen

WHO betrachtet Gesundheit als Gesamtheit

UN-Spezialist Helmut Volger verdeutlicht, was in der Verfassung der Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization, WHO) steht: "Gesundheit ist nicht nur die Abwesenheit von Krankheit, sondern eine Gesamtheit. Es heißt: der Zustand vollständigen körperlichen, psychischen und sozialen Wohlergehens - und das ist natürlich erheblich mehr. Und es wird auch der Genuss dieses Gesundheitszustandes als Menschenrecht bezeichnet, dessen Verwirklichung fundamental sei für die Erreichung von Frieden und Sicherheit – das klingt schon sehr modern."

Größter Erfolg der WHO bislang: die Ausrottung der Pocken

Am 7. April 1948 wird die Weltgesundheitsorganisation als Sonderorganisation der Vereinten Nationen in New York gegründet. Mit Aufklärungs- und Impfkampagnen kämpfte sie gegen Infektionskrankheiten wie Malaria, Kinderlähmung und Tuberkulose. "Zuerst war die Krankheitsbekämpfung sicherlich im Vordergrund, mit dem wohl bekanntesten Erfolg der WHO: der Ausrottung der Pocken zwischen 1965 und 1977. Stellen Sie sich vor, im 20. Jahrhundert sind schätzungsweise 300 Millionen Menschen an den Pocken gestorben", sagt Gaudenz Ulrich Silberschmidt vom WHO-Generalsekretariat in Genf. Ab 1967 wird die Pockenimpfung auf Beschluss der WHO Pflicht. Eine der größten Impfaktionen weltweit startet: Die WHO organisiert den Impfstoff und den Transport in alle Erdteile. Am 8. Mai 1980 stellt die WHO offiziell fest, dass die Pocken ausgerottet sind.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO

Die WHO sitzt in Genf und hat 194 Mitgliedsstaaten. Nach eigenen Angaben arbeiten mehr als 7.000 Menschen für die Weltgesundheitsorgansisation. Zum weltweiten WHO-Netz gehören sechs regionale Niederlassungen und 150 Länderbüros. Die WHO verfügt über einen Zweijahresetat von rund 4,4 Milliarden US-Dollar (rund 3,6 Milliarden Euro, Stand 2018/19). Ziel ist laut Statut die "Schaffung eines Höchstmaßes an Gesundheit für alle Völker". Zu den Aufgaben der WHO gehören unter anderem:

  • Bekämpfung von Epidemien
  • Stärkung der Gesundheitssysteme
  • Initiierung von Impfkampagnen
  • Beratung von Regierungen
  • Förderung von Aufklärung, Ausbildung und Forschung

WHO kümmert sich um die Gesundheit der Welt

Die WHO hat sich zur Aufgabe gemacht, die Lebensbedingungen weltweit zu verbessern und sich um eine globale Basis-Gesundheitsversorgung zu kümmern. Sie bildet Ärzte und Krankenschwestern auf der ganzen Welt aus, versorgt sie mit Grundwissen und Medikamenten. Hygienekampagnen der WHO helfen dabei, Durchfallerkrankungen einzudämmen. Millionen von Menschen werden mit Moskitonetzen vor Malaria geschützt.

WHO reagiert bei Tschernobyl zu spät

Auch in der Ebola-Krise zu langsam

Negative Schlagzeilen machte die WHO auch wegen ihrer Reaktion auf die Ebola-Krise in Westafrika 2014/15. Das Virus breitete sich unkontrolliert über Guinea, Liberia und Sierra Leone aus, 11.000 Menschen starben. Die WHO selbst räumte ein, sie habe viel zu spät reagiert. Seither wurden die Kapazitäten für schnelle Notfalleinsätze verbessert.

Doch es gibt auch Kritik an der Weltgesundheitsorganisation. Zum Beispiel, dass sie 1986 bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zu spät reagiert hat: "In Tschernobyl hat die WHO erst fünf Jahre nach der Katastrophe, also 1991, eigene Experten vor Ort geschickt. Das geht natürlich nicht. Und erst 1995 eine erste Konferenz zu dem Thema abgehalten", sagt Helmut Volger, der sich mit der Geschichte der Vereinten Nationen beschäftigt. Einen abschließenden Bericht über mögliche gesundheitliche Risiken habe es erst 2006 gegeben. "Das ist natürlich sehr defensiv", meint Volger. Die WHO und die Internationale Atomenergiebehörde IAEA haben 1959 einen Vertrag geschlossen - auch, um darin den Umgang mit den unterschiedlichen Interessen und vertraulichen Informationen festzuhalten. Für UN-Beobachter Volger ist das ein Vertrauensverlust in die Unabhängigkeit der WHO:

"Die WHO hat auch trotz aller dieser Vorfälle bis heute keine Experten und keine Abteilung, die sich mit Gefahren durch Nuklearstrahlung beschäftigen. Sie verlässt sich da nach wie vor nur auf Experten bei der Internationalen Atomenergiebehörde, von der aber bekannt ist, dass sie eine viel größere Nähe zu den Betreibern von Kernkraftwerken unterhält."

Helmut Volger, Politologe, Experte für die Geschichte und Struktur der Vereinten Nationen

Private Konkurrenz der WHO

Mittlerweile hat die WHO auch Konkurrenz bekommen: Es gibt viele Organisationen, Initiativen und Stiftungen, die für manche Projekte mehr Geld zur Verfügung haben als die WHO für ähnliche Projekte, wie etwa die Bill und Melinda Gates Foundation. Der UN-Spezialist Helmut Volger ist der Ansicht, dass sich durch finanzstarke private Initiativen immer mehr die Frage nach der Daseinsberechtigung einer Weltgesundheitsorganisation stellt.

Die Mitgliedsstaaten zahlen für Gesundheitsaktionen der WHO rund zwei Milliarden US-Dollar pro Jahr. Den Großteil bestreiten die USA, Großbritannien, Kanada, Norwegen, die Niederlande und Deutschland. Die WHO-Pflichtbeiträge der Mitgliedsländer sind seit Jahren kaum gestiegen. Viele Regierungen geben zusätzliche Mittel nur zweckgebunden, für bestimmte Kampanien oder Länder.

Unabhängigkeit der WHO in der Kritik

Inzwischen wird die WHO aber auch teilweise aus privaten Geldern finanziert, was ihre Unabhängigkeit gefährden könnte. Kritiker warfen der WHO beispielsweise eine Verbindung mit der Pharmaindustrie vor allem bei der sogenannten Vogel- und später auch bei der Schweinegrippe vor: Die WHO habe durch ihre Pandemie-Einschätzungen der Industrie weltweit zu Milliarden verholfen, weil die Mitarbeiter zu industrienah oder zumindest zu industriefreundlich seien. Die WHO ließ ihrerseits die Vorfälle untersuchen. Ihr eigener Bericht entlastete die Organisation. Die WHO selbst betonte, dass sie nach strikten Richtlinien mit dem privaten Sektor umgehe. Pharmafirmen hätten keinen Einfluss auf Medikamenten-Empfehlungen der WHO. Man habe vor allem Kommunikationsfehler gemacht, meinte Gaudenz Ulrich Silberschmidt.

"Inhaltlich war die Pandemie von allen Experten so angesehen worden, die WHO hat exakt den Definitionen der Pandemie entsprechend gehandelt. Ich bin froh, dass die Vorwürfe lauten, wir hätten zu viel gemacht. Und dass wir nicht das Gegenteil hatten: eine starke Pandemie und wir hätten zu wenig gemacht."

Gaudenz Ulrich Silberschmidt, Generalsekretariat der WHO in Genf

Die Zukunft der WHO

UN-Spezialist Helmut Volger sieht für die Zukunft der WHO vor allem eine Chance: das unabhängige Sprachrohr für die Gesundheit der Welt werden. Doch dafür muss sie nicht nur Distanz zur Industrie sichern, sondern auch die Nähe zu anderen Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) suchen. Das sei bisher nicht der Fall, sagt Helmut Volger: "Es ist auffällig, dass die WHO eine derjenigen UN-Organisationen ist, die am schlechtesten organisierte Beziehungen zu den sogenannten NGOs hat, wie Ärzte ohne Grenzen und viele andere mehr. Sie haben kein regelmäßiges Forum, wo sie sich mit den NGOs treffen. Da sind andere UN-Bereiche wie der Menschenrechtsschutz oder auch der Umweltschutz erheblich besser organisiert."

WHO warnt vor massiven Krankheitskosten

Ziele der WHO bis 2025

Eine Milliarde Menschen mehr als heute sollen ...

  • dank besserer Versorgung vor Ort vor Infektionen geschützt werden
  • eine bezahlbare Krankenkasse bekommen
  • durch Verbesserung ihrer Lebensumstände gesünder leben

Trotz aller Kritik: Die WHO hat bereits gezeigt, dass sie gegen Industrieinteressen und mit Nicht-Regierungsorganisationen zusammenarbeiten und viel bewirken kann. Keine Organisation der Welt hat so erfolgreich auf die Risiken des Rauchens hingewiesen und den Schutz von Nichtrauchern durchgesetzt. Die WHO hat Standards gesetzt für Luftsauberkeit und Trinkwasser. Sie warnt Regierungen vor der zunehmenden Ausbreitung von Diabetes, Fettleibigkeit und Depressionen und mahnt, mehr in die Vorbeugung zu investieren. Kein Land könne die massiven Krankheitskosten tragen, die sonst auf die Gesellschaften zukommen, sagt Bernhard Schwartländer, Kabinettschef der WHO, - und: "Gesundheit kann nicht heißen, dass wir nur Krankheiten behandeln."

  • Die Angst vor der Katastrophe - Medizin im Krisenfall: 7. April 2018, 17 Uhr, treffpunkt medizin, ARD-alpha.
  • Interview mit Anne Jung von "medico international" zur Nähe der WHO zur Pharmaindustrie und zu privaten Geldgebern: 7. April 2018, ab 9.05 Uhr, Bayern 2 am Samstagvormittag, Bayern 2.
  • WHO - Weltgesundheitsorganisation im Porträt: 5. April 2018, 09.05 Uhr, radioWissen, Bayern 2.

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