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El Niño Ein Christkind mit Naturkatastrophen im Gepäck

Eigentlich bedeutet "El Niño" im Spanischen Christkind. Doch weil um die Weihnachtszeit auf der Südhalbkugel gerne mal das Wetter verrückt spielt, wird dieses Naturereignis ebenfalls "El Niño" genannt. Statt Geschenken bringt es Naturkatastrophen.

Stand: 29.11.2018

Überschwemmungen, Wirbelstürme, Dürren, fehlende Fischbestände, Hungersnöte, Trockenheit, Waldbrände und Erdrutsche – die Folgen von El Niño sind oft zerstörerisch und verheerend. El Niño kann aber auch Wüsten zum Blühen bringen und ausgetrocknete Wasserreservoirs wieder auffüllen.

Normale Bedingungen – ohne El Niño

Warum es auf der Südhalbkugel am Pazifischen Ozean um die Weihnachtszeit zu dem unregelmäßig auftretenden Wetterphänomen El Niño kommt, ist noch nicht genau erforscht. Was bei der Wetteranomalie passiert, dagegen schon: Normalerweise liegt zu dieser Jahreszeit vor den pazifischen Küsten Perus, Chiles und Ecuadors ein stabiles Hochdruckgebiet, während vor der Küste Südostasiens ein Tiefdruckgebiet herrscht. Das Hochdruckgebiet vor Südamerika führt dazu, dass die kalten Winde nach Norden bis zum Äquator ziehen, wo sie von der Corioliskraft nach Westen als Südostpassat abgelenkt werden. Die Luft erwärmt sich immer mehr, steigt langsam auf und trifft vor der Küste Australiens auf das Tief.

Regen für die Regenwälder – Trockenheit an der Westküste Südamerikas

Die starken Winde ziehen auch die Meeresströmung mit. So wird der von Süden kommende Humboldtstrom, der kaltes, antarktisches, nährstoffreiches Wasser mit sich führt, entlang der Westküste Südamerikas nach Norden getrieben. Südlich des Äquators wird der Strom abgelenkt und zum Süd-Äquatorialstrom. Die Sonne heizt das Oberflächenwasser des Stroms auf, die Strömung wird wärmer, gelangt an die Küste Südostasiens. Das warme Wasser verdampft, steigt als warme feuchte Luft auf und kühlt sich dort wieder ab. Während es nun in den Regenwäldern Südostasiens abregnet, ist es an der Westküste Südamerikas sehr trocken.

Bei El Niño ist alles anders: Wassertemperaturen Pazifik 2015/16 (Video: NASA)

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El Niño Ocean Temperature in 2015 | Bild: NASA Video (via YouTube)

El Niño Ocean Temperature in 2015

In einem El Niño-Jahr bricht das sonst stabile Sommer-Hoch vor Südamerika zusammen, weil sich durch die starke Hitze, die Luft erwärmen kann und aufsteigt. Das hat zur Folge, dass die Winde schwächer werden und damit auch der Süd-Äquatorialstrom abschwächt. Zudem führt das schwache Hoch vor der südamerikanischen Westküste dazu, dass die Druck-Differenz zum Tief vor Südostasien geringer wird und die Passatwinde immer mehr abflauen, bis sie sogar in die entgegengesetzte Richtung von West nach Ost wehen.

El Niño schlägt zu

Für die Meeresströmung bedeutet das: Warmes Wasser fließt von Australiens Küste Richtung Südamerika. Die Luft steigt nun nicht mehr vor Australien und Südostasien auf, sondern über dem Warmwassergebiet. Ein umgekehrter Luftkreislauf entsteht und treibt das Wasser nun ebenfalls über den pazifischen Ozean Richtung Osten. Etwa nach drei Monaten, zur Weihnachtszeit, erreicht das warme Wasser die südamerikanische Westküste. Dort regnet es dann besonders viel, die Wasserhöhe und -temperatur steigen ungewöhnlich an. Das nährstoffarme warme Wasser hat zur Folge, dass es vor Peru wesentlich weniger Fische gibt als in normalen Jahren. In Südostasien bleibt es dagegen trockener als gewöhnlich.

Globale Folgen

Aber nicht nur in Südostasien und Südamerika zeigen sich die Folgen von El Niño, wie Mojib Latif, Professor am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel, betont. Denn es ist ja nicht nur die Küste vor Südamerika, die sich erwärmt, sondern auch der Äquator über Tausende von Kilometer. Das wirke wie eine große Heizfläche, so Latif. Und das bringe wiederum die globalen Windsysteme durcheinander.

"Diese Wirkungen reichen weiter, deswegen spricht man auch von Fernwirkungen: Über dem Nordpazifik wird das Aleutentief verstärkt, deswegen bekommt Kalifornien auf einmal sehr viel Niederschlag. Selbst in Afrika hat man noch Auswirkungen im Bereich des Horns von Afrika."

Mojib Latif, Professor am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel

Mojib Latif, Professor am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel

Was letztlich der Auslöser dafür ist, dass ein El Niño entsteht, kann niemand sagen. Denn das Wetter ist ein chaotisches System, in dem kleine Ursachen große Wirkungen haben können. Mojib Latif hat das Phänomen an Computersimulationen untersucht. Für den Klimaexperten verhält sich das Wetter im südlichen Pazifik ähnlich einem Uhrpendel: Die meiste Zeit ­ in den Jahren ohne El Niño, schwingt dieses Pendel um den mittleren Bereich, doch extreme Ausschläge gehören eben auch dazu. Nichts in der Natur ist, wie die Jahreszeiten zeigen, streng regelmäßig.

"Dieser Zyklus, diese Pendelbewegung ist gedämpft und muss immer angeregt werden durch das Chaos im System, das ja immer da ist. Deswegen ist es im Mittel tatsächlich eine periodische Bewegung, aber sie ist eben unregelmäßig."

Mojib Latif, Professor am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel

Und so kann es mal drei, mal vier oder fünf Jahre dauern, bis wieder ein El-Niño-Phänomen auftritt. Wann genau, lässt sich aber noch immer nicht exakt vorhersagen.

Was ist La Niña?


In manchen Jahren tritt im Anschluss an ein El-Niño-Ereignis das gegenteilige Wetterphänomen ein, das als La Niña („Das Mädchen“) bezeichnet wird. Dabei kommt es zu überdurchschnittlich hohen Luftdruckunterschieden zwischen Südamerika und Indonesien beziehungsweise zwischen dem östlichen und dem westlichen Pazifik. Dann verstärken sich die Passatwinde deutlich und die Wassertemperaturen im östlichen tropischen Pazifik sinken erheblich unter die langjährigen Mittelwerte ab. Dies hat zur Folge, dass sich im Bereich des Westpazifiks Unwetterereignisse und Taifune häufen, während es im ohnehin schon trockenen Küstenbereich Südamerikas noch trockener ist als sonst.

Die warmen und kühlen Phasen des sich ständig wiederholenden Klimamusters im tropischen Pazifik treten unregelmäßig alle zwei bis sieben Jahre auf. Jede Phase löst Störungen der Temperatur, des Niederschlags und des Windes aus. Diese Änderungen stören die großräumigen Luftbewegungen in den Tropen und lösen eine Folge globaler Nebenwirkungen aus.


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