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Weißbüschelaffen Fiepse als Vorläufer für Sprache?

Weißbüschelaffen ziehen ihre Jungen gemeinsam auf, beide Elternteile kümmern sich. Damit das klappt, müssen die Tiere gut miteinander kommunizieren. Das tun sie mit den Grundlagen unserer Sprache.

Stand: 02.03.2018

Weißbüschelaffen. Die kleinen Affen kommunizieren miteinander - auch mit rhythmischem Fiepen. | Bild: picture-alliance/dpa

Weißbüschelaffen sehen genauso aus, wie sie heißen: Sie tragen links und rechts an ihrem Kopf auffällige, weiße Haarbüschel. Darüber hinaus sind sie eine sehr gleichberechtigt lebende Art. Männchen und Weibchen ziehen den Zwillingsnachwuchs, den sie in der Regel auf die Welt bringen, gemeinsam auf.

Die gemeinsame Aufzucht ist laut Steffen Hage von der Universtät Tübingen die Grundlage dafür, dass diese kleinen Affen eine ausgefeilte "Sprache" entwickelt haben, sie geben zum Beispiel "Tsik"- und "Ekk"-Laute, Trill- und Zwitscherlaute von sich.

Ein weiterer, charakteristischer Laut ist ein langgezogenes Fiepen. Die Forscher der Universität Tübingen sagen nun in einem Artikel im Fachmagazin Current Biology : Das Fiepen selbst wird rhythmisch produziert - besteht also aus einzelnen, sehr kurzen Silben.

"Siebenmal in der Sekunde kann unser menschlicher Sprechapparat eine Silbe formen."

Dr. Steffen Hage, Universität Tübingen

Das bedeutet also, dass wir unsere Sprache so bilden, dass wir sie aus extrem kurzen Einheiten zusammensetzen. Dieser Rhythmus entsteht im Gehirn und hängt von unserem Kehlkopf ab. Die Forscherinnen und Forscher sagen nun: Schon der gemeinsame Vorfahr von Menschen und Weißbüschelaffen hat diese Fähigkeit besessen.

Affen ins Wort fallen

Um das zu testen, haben sie das langezogene Fiepen der Affen genauer analysiert.

In einer Schallkammer haben die Forscherinnen und Forscher dann regelmäßig das Fiepen unterbrochen - durch ein weiteres Geräusch. Sie sind den Affen quasi ins Wort gefallen. Die brachen dann das Fiepen ab. Das Erstaunliche daran:

"Wir konnten nun sehen, dass die Tiere ihr Fiepen unterbrachen, wenn wir sie störten. Nicht an beliebigen Stellen, sondern immer nur an bestimmten Punkten."

Thomas Pomberger, Universität Tübingen

Die Schlussfolgerung daraus: Das Fiepsen besteht aus einzelnen Bausteinen, die übrigens genauso kurz sind wie die "Tsik-" oder "Ekk-Laute", etwa 100 Millisekunden. Dieser Rhythmus scheint im Gehirn festgelegt zu sein.

Evolution von Sprache

Schon lange interessiert Forscher, wie unsere Sprache entstanden ist. So, wie wir Menschen, spricht kein Tier auf der Welt. Mehrere Bausteine sind dabei wichtig, sagt Steffen Hage. Zum Beispiel, dass man willentlich Geräusche produziert. Rhesusaffen können das übrigens auch. Ein zweiter Punkt: Spielt das Gehirn überhaupt mit?

Die Tatsache, dass Weißbüschelaffen ihr Fiepen in einem ganz bestimmten Rhythmus produzieren, ist ein Hinweis auf die Leistungsfähigkeit ihres Gehirns, könnte also in der Evolution ein notwendiger Schritt für die Entwicklung der Sprache bei uns Menschen gewesen sein. Der letzte Schritt zur Sprache ist laut Steffen Hage noch die Fähigkeit, Laute zu imitieren. Das kann kein Affe. Nur wir Menschen können Laute zu ganz neuen Worten zusammensetzen und so letztlich eine Sprache entwickeln.

Steckbrief Weißbüschelaffen

Weißbüschelaffen werden rund 25 Zentimeter lang, dazu kommt ihr Schwanz mit weiteren 30 Zentimenter. Sie sind leicht, nur rund 400 Gramm schwer. Sie kommen aus dem Nordosten Brasiliens und leben dort in Wäldern. Weißbüschelaffen sind tagaktiv und leben in Gruppen von bis zu 15 Tieren zusammen.
Ein Weißbüschelaffenpaar zieht seine Jungen gemeinsam auf, meistens sind das Zwillinge. Darum müssen sie auch durch Gesten und Laute miteinander kommunizieren. Sie sind sehr anpassungsfähig und gehören nicht zu den bedrohten Arten. Oft werden sie in der Forschung eingesetzt, vor allem in der Hirnforschung.

  • "Grundlagen der Sprache bei Weißbüschelaffen - Kurzmeldungen aus der Wissenschaft": am 02.03.2018 um 18:05 Uhr, IQ-Wissenschaft und Forschung, Bayern 2

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