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Reformpädagogik Idee der Waldorf-Schulen

Schon am Bauwerk zeigt sich die Philosophie Rudolf Steiners. Die gebrochenen rechten Winkel und die Materialien Holz und Strukturbeton geben den Rhythmus von Bewegung und Ruhe wieder, wie er in der Waldorfpädagogik mitschwingt.

Stand: 29.01.2019

Schüler im Waldorf-Epochenunterricht | Bild: Charlotte Fischer

Die Waldorfschule führt wie die staatliche Schule reine Jahrgangsklassen. Kinder werden in der Regel ab dem siebten Lebensjahr aufgenommen. Nachdem die erste Klasse nach Alter, Reife, Temperament und individuellem Schicksal des Kindes von erfahrenen Aufnahmelehrern zusammengestellt ist, wird sie dem Klassenlehrer übergeben. Über acht Jahre hinweg schweißt eine gemeinsame Entwicklung Klasse und Lehrer zusammen. Zu Beginn jedes Schuljahres wird ein neues Klassenzimmer bezogen, dessen Raumfarbe sich in der Reihenfolge des Spektrums eines Regenbogens vom Rot der ersten Klasse bis zum Violett der zwölften Klasse wandelt.

Die Jahrsiebte

Gartenbau ist Bestandteil des Waldorf-Unterrichts.

Bereits die Entwicklung des Kindes wird in einem engen Zusammenhang zur Menschheits- und Weltentwicklung gesehen, die sich nach Rudolf Steiner alle in Siebenjahresschritten vollziehen, den Jahrsiebten. Entsprechend lautet das pädagogische Prinzip für die ersten sieben Jahre des Kindes Vorbild und Nachahmung. Von sieben bis 14 Jahren braucht das Kind eine Autorität, den Lehrer, bei dem es Lebensrhythmen und Gewohnheiten entwickeln kann. Erst mit der Pubertät entwickelt der junge Mensch ein eigenständiges Denken, das auf Lernen und Erfahrung gründet.

Rhythmisierter Unterricht

Die Lerninhalte werden in Epochen unterrichtet.

Der Unterricht ist, ganz im Sinne Steiners, rhythmisiert. Vom Tages- über den Wochen- bis zum Jahresrhythmus durchzieht er den gesamten Schulalltag. Auch die Unterrichtsinhalte folgen einem bestimmten Rhythmus, den sogenannten Epochen. Die Lerngebiete, die eine intensive geistige Beschäftigung verlangen, wechseln nicht täglich, sondern in drei- bis vierwöchigen Blöcken. Dadurch soll fürs Leben gelernt werden, indem der Lernstoff vom Kurz- ins Langzeitgedächtnis sinkt.

Der Schüler in Bewegung

Schülerinnen modellieren eine Tonplastik im Handwerksunterricht.

Durch rhythmische Bewegungen wird das zu Lernende so gestaltet, dass es der Schüler nachvollziehen kann. Einmaleinsreihen werden gelaufen, Buchstaben in die Luft geschrieben, Gesten menschlicher Arbeit wie Sägen oder Dreschen von den Kindern nachgeahmt. Alle künstlerischen wie handwerklichen Tätigkeiten sind immer auch mit Bewegung verbunden. Ob Holz mit dem Meißel bearbeitet, eine Leinwand bemalt, eine Tonplastik modelliert oder der Garten umgegraben wird, immer ist das Kind in Bewegung.

Eurythmie - eine Bewegungskunst

Empfindungen werden in der Eurythmie zum Ausdruck gebracht.

In der Eurythmie wird die subtilere Bewegungsebene der Kinderseele angesprochen. Töne werden mit Gesten sichtbar gemacht, Empfindungen auf einer künstlerischen Ebene zum Ausdruck gebracht. Diese Form der Bewegung soll harmonisierend und ausgleichend auf das Kind wirken, speziell auch in der Form der Heileurhythmie. Rhythmisiert sind auch die Rituale des Schullebens. Dazu gehören gemeinsames Sprechen, Singen, Gehen, das Aufsagen der Zeugnissprüche oder die persönliche Begrüßung jedes Kindes durch den Klassenlehrer.

Der Lehrer als Entwicklungshelfer

Der Lehrer begleitet den Waldorf-Schüler in den ersten acht Schuljahren.

Im Idealfall begleitet der Waldorflehrer seine Schüler von der ersten Klasse an acht Jahre lang, bis sie in die Oberstufe entlassen werden. Ab da werden die Schüler von Fachlehrern unterrichtet. Der Pädagoge soll dem Kind ein geistiger Entwicklungshelfer sein. Zum ganzheitlichen Modell der Waldorf-Pädagogik gehört auch, dass der Lehrer die Leistungen der Kinder verbal beurteilt und keine Ziffernnoten vergibt. Hinter der Ausbildung zum Waldorflehrer, in der auf seine Selbsterziehung und Persönlichkeitsbildung großen Wert gelegt wird, steht die ganze Anthroposophie Steiners. Sie prägt den Lehrer, tritt aber im praktischen Unterricht in den Hintergrund.

Das kosmische Prinzip bei Waldorf

Menschenbild

Der Gegenstand des Unterrichts in Waldorfschulen ist im Großen und Ganzen der Kosmos. Es wird kein Schwerpunkt auf den Erwerb von Kenntnissen in einzelnen Fächern gelegt, sondern auf ein ganzheitliches, in die Tiefe gehendes Welt- und Menschenverständnis. Unterrichtsinhalte werden immer im Bezug zum Menschen und zum Kosmos dargestellt.

Lehrbücher

In der Waldorfschule gibt es kaum Schulbücher oder fertiges Unterrichtsmaterial. Getreu dem Grundsatz, dass der ganze Kosmos und der ganze Mensch Lernstoff ist, wird zunächst so viel wie möglich von der realen Welt gelernt. Die Kinder rechnen mit Kastanien und Nüssen, laufen, klatschen oder sprechen rhythmisch Zahlenreihen oder entwickeln Buchstaben aus sinnlich konkreten Bildern. Der ganze Mensch - Körper, Seele und Geist - lernt nicht nur in den klassischen künstlerischen Fächern mit allen Sinnen. Das Sinnliche, das Künstlerische durchzieht jeden Unterricht.

Medienkonsum

Die Sinne sind für Steiner die Tore zur Welt. Die Waldorfschulen bemühen sich, diese Tore auch angesichts der Reize durch die Medien offen zu halten. Deshalb bitten Waldorfpädagogen die Eltern, vor der Pubertät die elektronischen Medien von den Kindern fernzuhalten. Elementare Sinneserfahrungen an Naturmaterialien sind für Steiner der Grundstock allen Lernens. Dabei entsteht kein abstraktes Kopfwissen, sondern ein Wissen mit lebendigen persönlichen Bezügen zum Schüler. Vieles, was sonst mühsam und abstrakt vermittelt wird, findet so leichter Zugang zur Empfindung und zum Gedächtnis des Schülers.

Tafelbilder

Vom Lehrer und von den Kindern mitgebrachtes Anschauungsmaterial ersetzt das Bild im Lehrbuch und stellt einen konkreten Bezug zum Unterrichtsgegenstand her. Durch die Lehrererzählung werden innere Bilder beim zuhörenden Kind erzeugt, die jedes Kind auf ganz eigene Weise ausgestalten kann. Auch das vom Lehrer aufwändig und eigens für das kindliche Erleben gestaltete Tafelbild soll dem Schüler mehr als das Bild in einem Buch vermitteln.

Schulhefte

Anstelle standardisierter Hefteinträge gestaltet jeder Schüler auf seine Weise künstlerisch das, was sich vom Unterricht besonders in seinem Gedächtnis eingeprägt hat. So entstehen mit der Zeit individuelle Schulbücher, mit deren Inhalt sich das Kind intensiv auseinandergesetzt hat. Die Ergebnisse künstlerischer Schülerarbeiten wie Plastiken, Bilder, Holz- und Metallobjekte, aber auch der gepflegte Schulgarten oder die selbst gefärbten Vorhänge im Klassenzimmer zeigen anschaulich, was die Welt an Material zu bieten hat.

Schulabschlüsse in Bayern

An Waldorfschulen werden alle staatlichen Schulabschlüsse, die in dem jeweiligen Bundesland möglich sind, angeboten. Die Regelschulzeit an deutschen Waldorfschulen beträgt zwölf Jahre - unabhängig von dem angestrebten Schulabschluss. Die meisten Waldorfschulen bieten eine zusätzliche, dreizehnte Jahrgangsstufe an, um die Schüler auf das Abitur oder die Fachhochschulreife vorzubereiten. In Bayern wird das staatliche Zentralabitur geschrieben und nur die hier erreichten Prüfungsergebnisse sind für die Abiturnote relevant.

Der Waldorfschulabschluss ist in Deutschland, im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern, staatlich nicht anerkannt. Es gibt keine spezielle Abschlussprüfung, die Bewertung zieht sich durch die vierjährige Oberstufe und umfasst neben einer abschließenden Beurteilung der schulischen Leistungen diverse Praktika, die Jahresarbeit mit einem theoretischen und einem praktischen Teil, die Teilnahme an einem Theaterprojekt der ganzen Klasse, den Eurythmieabschluss und meist auch eine Studienfahrt mit künstlerischer bzw. kunstgeschichtlicher Ausrichtung.

  • Zentrum der Anthroposophie: Wie Rudolf Steiner in München wirkte: Bayerisches Feuilleton, 25.05.2019, 08:05 Uhr, Bayern 2 und BR Heimat

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