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Wale und Delfine Krach bedroht Meerestiere

Der Lärm in den Weltmeeren nimmt immer mehr zu, Wale und Delfine reagieren besonders sensibel auf störende Unterwassergeräusche und werden taub.

Stand: 26.10.2017

Durch Riesentanker, Ölbohrungen, den Bau von Windparks auf offener See, die Suche nach Gasvorkommen und durch Sonargeräte nimmt der Unterwasserlärm immer mehr zu. Wale und Delfine kommunizieren, navigieren oder jagen mittels Schallsignalen. Biologen und Meeresforscher machen den Meeres-Krach dafür verantwortlich, dass Meeressäuger ihre Orientierung verlieren und ihre Kommunikation per Echoortung leidet. Ölkonzerne, Windparkbauer und das Militär waren davon lange nicht zu überzeugen.

Andere Meerestiere betroffen?

Auch Austern können von der Lärmverschmutzung beeinträchtigt werden, das berichten Forscher im Oktober 2017. Dazu wurden sie im Aquarium mit tieffrequentem Lärm beschallt. Die Folge: Sie schlossen zügig ihre Schale. Die Forscher fordern nun, die Auswirkungen des Unterwasserlärms auch bei anderen Meerestieren zu untersuchen.

US-Navy schränkt Einsatz von Sonargeräten und Sprengstoff ein

Im September 2015 reagierte die US-Marine auf die Berichte, dass Meeressäuger vom Lärm unter Wasser stark geschädigt werden können. Ein Bundesgericht hatte eine Einigung zwischen Naturschützern und der US-Marine besiegelt. Demnach verpflichtete sich die US-Marine, den Einsatz von Sonargeräten und Sprengstoff zum Schutz der Delfine und Wale vor den Küsten von Kalifornien und Hawaii einzuschränken. Umweltgruppen hatten schon vor Jahren gegen die Marine geklagt, um einen besseren Wal- und Delfinschutz zu erzielen. Sie hatten kritisiert, dass Explosionen und Sonargeräte das Hörvermögen der Tiere schädige.

Militärisches Sonar stört Cuvier-Schnabelwale

Cuvier-Schnabelwal

Eine Studie US-amerikanischer Forscher um Erin Falcone von der Foundation for Marine Ecology and Telemetry Research, unterstützt von der US-Marine, hat ergeben, dass Sonare von Schiffen und Hubschraubern auch das Tauchverhalten von Cuvier-Schnabelwalen beeinflusst und deren Futtersuche stört. Die Forscher hatten 16 Tiere vor der südkalifornischen Küste mit Sendern ausgestattet und beobachtet, wie die Wale auf Sonargeräusche militärischer Übungen reagieren.

Es stellte sich heraus, dass sich alle Phasen der Tauchzyklen verlängerten, wenn die Tiere den Schallimpulsen ausgesetzt waren. So blieben die Schnabelwale statt 60 Minuten 90 in der Tieftauchphase. Die Wissenschaftler vermuten, dass die Tiere am Ozeangrund Schallwellen meiden. Wohl durch die verlängerten Tauchzeiten mussten sie auch etwas länger auftauchen. Die Intervalle zwischen den tiefen Tauchgängen, bei denen die Wale Futter suchen, wurden größer. Dies könnte die Tiere langfristig schwächen, so die Forscher in ihrem Artikel im August 2017 im Fachmagazin "Royal Society Open Science".

Schiffslärm bedroht weltweit Wale 

Der rege Schiffsverkehr sorgt inzwischen für ein ständiges diffuses Grundgeräusch, das von den Meeressäugern ähnlich einem permanenten Brummen wahrgenommen werde. Dies verursache Stress, sagt der Chef des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund, Harald Benke. Manche Wale verlassen ein Gebiet, wenn es ihnen zu laut wird, andere rufen selbst lauter - oder verstummen ganz. "Wale, deren Gehör durch Lärm gestört oder dauerhaft geschädigt wird, sind zum Tode verurteilt, weil sie sich nicht mehr orientieren können", warnt Benke.

Ein Buckelwal bei der Seitenrolle auf der Jagd nach Sandaalen.

Auch werden beispielsweise Buckelwale durch Schiffsgeräusche bei ihrer Nahrungssuche gestört. Hannah Blair von der Syracuse University und ihre Kollegen veröffentlichten im August 2016 eine Studie, wonach weibliche Meeressäuger besonders empfindlich auf die Schallwellen reagieren. Die Forscher statteten zehn Buckelwale mit Sensoren aus, die sowohl Umgebungsgeräusche als auch die Bewegung der Tiere während der Nacht aufzeichneten. Die Daten wurden 2006 bis 2009 im Golf von Maine an der Ostküste der USA erhoben. Diese flache Meeresregion ist für Buckelwale besonders geeignet, da sie auf dem flachen Meeresboden auf Nahrungssuche gehen.

Auffällig bei den Buckelwalen ist, dass sie sich bei der Jagd nach Sandaalen auf die Seite drehen. Die Forscher registrierten bis zu 29 Prozent weniger dieser Seitenrollen, wenn Schiffsgeräusche zu hören waren. Sie tauchten auch langsamer auf und ab. Als eine mögliche Erklärung für das veränderte Verhalten sehen Blair und Kollegen, dass Buckelwale im niedrigen Frequenzbereich kommunizieren. In jenem Bereich produzieren auch Schiffe hauptsächlich Geräusche. So können sich die Wale bei der gemeinsamen Nahrungssuche nicht mehr verständigen.

Neuartige Warnsender für Schweinswale

Echolot

Der Schweinswal ist der einzige Wal, der regelmäßig in deutschen Küstengewässern vorkommt. Allerdings schätzen Experten, dass an der deutschen Ostseeküste jährlich mehr Schweinswale sterben als geboren werden: Viele können ausgelegte Fischereinetze nicht erkennen, verfangen sich darin, gelangen nicht mehr an die Luft und ertrinken.
Die Tiere orientieren sich mit einer Art Echolot: Sie geben knarzende und klickende Laute von sich und fangen deren Echo wieder auf. Gezielt können die Wale ihre Echoortung an- und ausschalten. Das kann ihnen zum Verhängnis werden, wenn sie auf die an Netzen befestigten Warnsender, sogenannte Pinger, treffen.

Problem Pinger

Die Pinger sollen die Schweinswale eigentlich schützen: Die Sender geben Warngeräusche ab, um die Tiere von den Netzen fernzuhalten. Allerdings klingen die bisher eingesetzten Pinger für die Schweinswale bedrohlich, versetzen sie in Panik und bringen sie sogar dazu, auf ihre Echoortung zu verzichten. "Die Schweinswale verstummen durch die Pinger, weil sie Angst haben, dass irgendein potentieller Räuber dieses komische Geräusch erzeugt und auf sie aufmerksam wird. Das heißt, sie schalten ihr Echolot ab, wenn Pinger in der Nähe sind", erzählt Meeresbiologe Boris Culik vom Forschungsinstitut F³. Dann ist die Gefahr noch größer, dass die Tiere im Netz landen.

Neue Technik

Boris Culik will die immer seltener werdenden Meeresbewohner retten. Er hat die Pinger weiterentwickelt. Die neuen Warngeräte geben zwar - ähnlich wie die bisherigen Pinger - ein Geräusch ab, das die Schweinswale unter Wasser hören können. Aber es ist ein anderes Geräusch: ein langgezogener Ton, auf den die Tiere anders reagieren sollen. Testweise wurden die Pinger an Bojen montiert und im Wasser verteilt. Erste Kamera- und Tonaufnahmen zeigten bereits, dass die Tiere trotz der Warngeräusche unbeirrt ihre Bahnen zogen und dabei selbst intensiv Klicklaute produzierten. "Das Ziel, das wir erreichen wollen, ist eigentlich erreicht: Die Schweinswale werden durch das Geräusch nicht angelockt, auch nicht vertrieben, aber sie fokussieren ihre Echoortung auf die aktiven Geräte", berichtet Boris Culik. Ob seine Pinger den Wal vor den Netzen bewahren, das muss sich noch zeigen.

Positionspapier soll Klarheit schaffen

Offshore-Windpark vor der Küste von Nordwales

Um besser entscheiden zu können, welche Forschung, Bohrung oder Offshore-Bauarbeit im Meer zu genehmigen ist und welche nicht, hatte die amerikanische Fischereibehörde "National Marine Fisheries Service" (NMFS) Ende 2013 ein Positionspapier veröffentlicht, das sich auf zahlreiche Einzelstudien beruft. In seinem Artikel, veröffentlicht in Science, erklärte Erik Stokstad, dass das Papier gleichzeitig größere und umfangreichere Studien – zum Beispiel zu großen Walen in Freiheit – anstoßen möchte.

Für immer hörgeschädigt

Tauchender Pottwal

In den 1990er-Jahren gab es erste Studien zu diesem Thema. Die US-Behörden setzten daraufhin pauschale Richtwerte fest, die je nach Tierart unterschiedlich sind: So verliert nach diesen Werten ein Wal sein Gehör, wenn er einem Schalldruck von 160 Dezibel ausgesetzt ist. Das entspricht der Explosion einer Mine in einhundert Meter Entfernung. Bei 180 Dezibel wird sein Gehör für immer geschädigt. Robben werden demnach taub, wenn sie 190 Dezibel ertragen müssen. Doch auch bei den Walen gibt es Unterschiede, wie ihr Gehör mit den unterschiedlichen Lärmarten zurecht kommt.

Versuch mit Delfin und Sonar

Sonarsignale

Auch Sonarsignale von Kriegsschiffen können Delfine zeitweise taub machen. Forscher vermuteten die Wirkung von Sonar schon länger als Ursache für das Stranden von Meeressäugern. Im April 2009 konnte der Zusammenhang erstmals direkt nachgewiesen werden.

Versuch

Der Biologe Aran Mooney hatte im ozeanographischen Forschungsinstitut in Woods Hole, Massachusetts, einen bereits an Geräusche gewöhnten Großen Tümmler mit Sonarimpulsen beschallt. Diese waren bei Militärübungen vor der amerikanischen Westküste aufgenommen worden, kurz bevor eine Gruppe von Meeressäugern dort gestrandet war.

Hörverlust

Erst bei Lautstärken von mehr als 200 Dezibel (dB) stellte der Forscher im Becken einen deutlich messbaren Hörverlust beim Tümmler fest. Nach zwanzig bis vierzig Minuten normalisierte sich das Gehör wieder. Ein Delfin müsste sich über einige Minuten in weniger als vierzig Metern Entfernung von einem Schiff, das Sonarimpulse aussendet, aufhalten, um einen temporären Hörverlust zu erleiden. Dies sei in freier Wildbahn eher unwahrscheinlich, so Mooney.

Dauerbeschallung

Allerdings konnte der Biologe damals nicht ausschließen, dass eine dauerhafte Beschallung mit anderen Frequenzen oder niedrigerer Lautstärke nicht doch eine schädigende Wirkung auf Meeressäuger haben könnte. Dies wird inzwischen von namhaften Wissenschaftlern nicht mehr angezweifelt.

Wie reagiert der Buckelwal auf eine Explosion?

Untersucht werden sollte, wie sich die verschiedenen Lärmquellen auf das Verhalten der Meeressäuger auswirken. Dabei ging es nicht nur um die Lautstärke der erzeugten Schallwellen, sondern auch um verschiedene Frequenzen und deren Wirkung auf die Meeresbewohner. Welche Folgen zieht konstanter Lärm wie beim Militärsonar oder eben kurzzeitig extremer Lärm wie bei einer Explosion nach sich?

Baulärm schlägt Walen aufs Gehör

Blauwale können sich über Hunderte Kilometer durch ihre tiefen Rufe und ihr feinsinniges Gehör verständigen. Selbst kleinere Meeressäuger wie Schweinswale orientieren sich in den ihnen bekannten Lebensräumen per Echoortung. Doch der zunehmende Baulärm unter Wasser, kann die empfindliche Kommunikation der Tiere stören. Im Wasser wird der Schall fünfmal besser geleitet als in der Luft. Mariner Lärm und damit verbundene Druckwellen, wie sie bei Rammarbeiten oder auch bei der seismischen Suche nach Erdgas-Lagerstätten entstehen, gelten bei Experten als eine der Hauptgefahren für die sensiblen Tiere. Massenstrandungen wie Ende 2008 und Anfang 2009 vor der tasmanischen Küste vor Australien, als 150 Wale verendeten, führen Fachleute unter anderem auf Unterwasser-Lärm zurück.

In der Kritik: Luftpulser oder Airguns

Ein Wal taucht vor der südkalifornischen Küste auf.

Um neue Öl- und Gasvorräte am Meeresgrund zu entdecken, kommen Luftpulser oder Airguns zum Einsatz, mit denen ein Gebiet seismisch vermessen wird. Luftpulser setzen komprimierte Luft mit hohem Druck ins Wasser frei. Dadurch werden Schallwellen unterschiedlicher Frequenzen ausgelöst, die durch den Meeresgrund dringen und je nach Untergrund und Gesteinsschicht unterschiedlich reflektiert werden. Das Echo wird wieder eingefangen. Die Wirkung dieser Schallwellen auf die Orientierung der Meeressäuger ist sehr umstritten. Während die Ölkonzerne diesen Lärm für unbedenklich halten, sind die Meeresbiologen und Umweltschützer überzeugt davon, dass er den Walen und Delfinen schadet.

In einer Studie des Umweltbundesamts (Uba) vom Mai 2014 heißt es, dass die Airgun-Schallwellen die Kommunikation von Meeressäugern noch in 2.000 Kilometern Entfernung stören. Deshalb könnten sie auch Tiere innerhalb des besonders geschützten Bereiches der Antarktis südlich des 60. Breitengrads treffen. In Entfernungen ab 1.000 Kilometern dehnen sich die Impulse zu einem kontinuierlichen Geräusch aus. Das schränke die Verständigung von Blau- und Finnwalen in der Antarktis ein, so Uba-Präsidentin Maria Krautzberger.

  • "Sensible Wale, rätselhafte Delfine": Planet Wissen, ARD-Alpha, 27.06.2017, 15.00 Uhr und 22.00 Uhr
  • "Anrufsendung: Wale und Delfine": radioMikro, Bayern 2, 07.03.2017, 18.30 Uhr
  • "Rettung der Wale - Wie Forscher den Meeressäugern helfen": IQ - Wissenschaft und Forschung, Bayern 2, 04.10.2012
  • "Kein Platz mehr für Wale und Delfine": Gespräch mit Dr. Karsten Brensing, Whale & Dolphin Conservation Society, Noitzbuch, Bayern 2, 22.11.2011

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Duff Angelika, Dienstag, 14.Januar, 09:16 Uhr

1. Silent Oceans

Wale stranden, Fischschwärme kollabieren, Meeresschildkröten fliehen: Unterwasserlärm fordert immer mehr Opfer. Um die Meerestiere vor Lärm zu schützen, haben sich 18 NGOs zusammen geschlossen und „Silent Oceans - www.silentoceans.org“ lanciert. Ich bin beeindruckt vom Kurzfilm, der dort gezeigt wird und die Ursachen und Gefahren von Unterwasserlärm sehr gut veranschaulicht. Es ist höchste Zeit umzudenken und mit dem Lebensraum Meer verantwortungsvoll umzugehen! Silent Ocean muss unterstützt werden!