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Vernachlässigte Kinder Stress hinterlässt dauerhafte Spuren

Forscher des Uniklinikums Leipzig haben bei vernachlässigten Kindern und Jugendlichen Haarproben analysiert. Sie konnten so ihren Stresshormonpegel über Monate bestimmen. Dieser hat langfristige Auswirkungen auf ihr Leben.

Stand: 03.05.2017

Kind mit Migräne hält sich den Kopf | Bild: colourbox.com

Was sonst nur beim Versuch des Nachweises von Kokain verwendet wird, nämlich die Untersuchung einer Haarprobe, hat jüngst auch Einzug in der Kinder- und Jugendpsychiatrie gehalten. Studienleiter Lars White von der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Universitätsklinikum Leipzig untersuchte mit Kollegen Haarproben von mehr als 500 Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen drei bis 16 Jahren. Das Stresshormon Cortisol lagert sich ähnlich wie Drogen in den Haaren ein. Danach zeigen drei Zentimeter lange Haarproben, wie es den untersuchten Kindern im vergangenen Vierteljahr ergangen ist, wie viel Stress sie erlebt haben.

Ein Hormon, das Leistung zeigt

Rund die Hälfte der untersuchten Kinder hatte in ihrer Kindheit Gewalt, sexuellen Missbrauch oder Vernachlässigung erlebt. Schon lange war den Medizinern bekannt, dass bei Kindern, die vernachlässigt oder misshandelt werden, große Effekte im Hormonspiegel auftreten. Den Stresshormonpegel dieser Kinder verglichen sie mit dem von nicht misshandelten Kindern. Im Fokus stand dabei das Stresshormon Cortisol, das dem Körper in bestimmten Situationen schnell und direkt Energie bereit stellt, beispielsweise in Prüfungen.

Je jünger, desto gefährdeter das Kind

Je jünger ein Kind ist, das Stress erlebt, umso gravierender die Folgen.

Der Vorteil der Methode: Der Cortisol-Spiegel zeigt die längerfristige Anpassung an stressvolle Situationen. Bei chronischem Stress fällt der Stresshormonpegel normalerweise unter den normalen Wert ab. Der Körper reagiert mit Erschöpfung und mangelnder Leistungsfähigkeit, "womöglich auch, um andere Körpersysteme vor zu großer Cortisol-Ausschüttung zu schützen", erklärt Studienleiter Lars White. Dieses erwartete Ergebnis lieferte auch die aktuelle Leipziger Studie. Vernachlässigte oder misshandelte Kinder weisen einen niedrigeren Cortisol-Spiegel auf als nicht vernachlässigte Kinder. Die Folgen sind umso gravierender, je jünger die Kinder bei Stresserfahrungen sind. Die Folgen können gesteigerte Aggressivität, Hyperaktivität oder auch Ängstlichkeit sein.

Ein Zeitfenster für therapeutische Hilfe

Es gibt allerdings auch ein positives Ergebnis der Studie: Der Effekt des zu niedrigen Stresshormonpegels trat erst bei Kindern ab neuneinhalb Jahren auf. Das heißt, dass Therapien und unterstützende Angebote unbedingt vor dem neunten Lebensjahr stattfinden sollten. Denn dann kann die Erschöpfungsreaktion und damit der Abfall des Stresshormonpegels noch verhindert werden. Nur so lernen die Betroffenen ihre Stresserfahrungen so zu regulieren, dass sie in entscheidenden Situationen damit umgehen können. Zu kämpfen werden sie ihr Leben lang haben: "Wir wissen, dass vernachlässigte und misshandelte Kinder in ihrem Leben dauerhaft hohem Stress ausgesetzt sind", so das Fazit des Leipziger Forschers White.


  • "Stresshormone aus dem Gleichgewicht: Vernachlässigung hinterlässt bei Kindern deutliche Spuren" - 3. Mai 2017, IQ-Wissenschaft und Forschung, 18.05 Uhr, Bayern 2

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