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Tiere im Winter Dem Winter trotzen

Tiere, die sich im Winter nicht zurückziehen, sondern aktiv bleiben, haben zwei Hauptprobleme: die Kälte und das knappe Nahrungsangebot. Um zu überleben, haben sie verschiedenste Strategien entwickelt. Das sind ihre Tricks.

Stand: 23.01.2019

Gefieder der Kanadagans hält bei Kälte im Winter warm. | Bild: picture-alliance/dpa

Das A und O beim Überleben in der Kälte ist gute Isolierung. Ein dicker Pelz mit dichter Unterwolle schützt vor Auskühlung. Mit einem besonders dichten Pelz schützt sich der Fischotter vor der Kälte: 50.000 Haare wachsen bei ihm auf der Fläche eines Daumennagels. Feldhasen wachsen kälteabweisende Wollhaare, eingeschlossene Luftpolster isolieren gegen Kälte. Wildschweine bekommen ein längeres Deckhaar, darunter wärmt kurze dicke Unterwolle. Auch bei ihnen verhindern Luftkammern, dass zuviel Körperwärme abgegeben wird. Vögel plustern sich auf, die Luftschicht zwischen den Federn wärmt sie wie eine Daunenjacke. Außerdem fetten sie ihre Federn gründlich ein - so kann kein Wasser durchdringen.

Enten bekommen keine kalten Füße

Kalte Füße schützen vor Kälte.

Enten stehen den ganzen Winter "barfuß" auf Eis oder paddeln durch eiskaltes Wasser. Unsereiner würde sich im Nu die Zehen abfrieren. Wie machen Enten das? Das Geheimnis lautet: kalte Füße! In die Entenfüße strömt nur wenig Blut. Auf dem Weg nach unten kühlt es von etwa 40 Grad auf rund sechs Grad ab. So ist die Differenz zur Bodentemperatur gering, die Enten empfinden die Kälte nicht als Kälte und können auf dem Eis stehen, ohne festzufrieren.

Insekten haben ihr eigenes Frostschutzmittel

Einige Insektenarten wenden einen ganz besonderen Trick gegen das Erfrieren an: Sie haben ein Frostschutzmittel in ihrer Körperflüssigkeit. Marienkäfer zum Beispiel produzieren körpereigenes Glycerin, das den Gefrierpunkt ihrer Körperflüssigkeit senkt. Bei Kälte kühlen sie aus und fallen in Winterstarre. Ihre Körpertemperatur kann dann unter null Grad Celsius sinken, ohne dass sie erfrieren. Auch Stechmücken verfallen - abgesichert von ihrem körpereigenen Frostschutzmittel - in Kältestarre. So schaffen es befruchtete Weibchen, auch eisige Winter zu überleben. Auch der Borkenkäfer besitzt ein körpereigenes Frostschutzmittel.

Insekten und Zecken im Winter

Blattläuse mögen's warm

Kälte macht Blattläusen den Garaus. Darum legen sie im Herbst noch schnell viele Eier ab, bevor sie erfrieren. Die Eier halten Nässe, Frost und tiefe Temperaturen problemlos aus. Im Frühling, wenn's warm wird, schlüpfen die kleinen Blattläuse. In warmen Wohnungen überleben Blattläuse übrigens einfach so auf unseren Topfpflanzen.

Einsamer Winter der Jungkönigin

Im Herbst stirbt die alte Wespenkönigin und damit löst sich auch der ganze Wespenstaat auf. In der Kälte sterben alle Arbeitswespen, nur die Jungkönigin überlebt den Winter, sie versteckt sich unter morschem Holz oder in Hohlräumen und verfällt in Winterstarre. So können ihr auch Minusgrade nichts anhaben.

Zecken lieben die Kälte

Erstaunlich, aber wahr: Je kälter ein Winter, desto mehr Zecken im Frühjahr. Denn nur bei Minusgraden fallen sie in die Starre und überdauern unbeschadet die tiefen Temperaturen. Ist der Winter warm und nass, bleiben Zecken aktiv und verhungern manchmal sogar: Ihre letzte Mahlzeit im Herbst reicht meist nicht bis zum Frühling.

Tödliches Schmuddelwetter

Für die meisten Insekten ist ein milder und feuchter Frühling tödlich. Dann sind die Krabbeltiere anfällig für Pilzkrankheiten und Bakterien.

Waldspitzmäuse machen eine Schrumpf-Kur

Waldspitzmaus

Eine besondere Strategie haben Waldspitzmäuse entwickelt. Sie schrumpfen im Winter, das spart den wuseligen Tieren Energie. Waldspitzmäuse haben einen derart schnellen Stoffwechsel, dass sie ohne Nahrung schon nach wenigen Stunden sterben würden. Das Winter-Schrumpfen haben Forscher des Max-Planck-Instituts für Ornithologie 2017 entdeckt: Die Schädelhöhe der nur zehn Gramm schweren Tiere nahm im Winter zwischen 15 und 20 Prozent ab, im Frühjahr wieder um 9 Prozent zu. Dazu verloren die Tiere rund ein Fünftel ihres Gewichts - um es dann im Frühjahr wieder zu verdoppeln. Die Waldspitzmäuse sind den ganzen Winter aktiv und leben nur knapp 13 Monate. Sie schrumpfen also nur einmal in ihrem Leben. Bisher war diese Strategie, geschrumpft durch den Winter zu kommen, unbekannt.

"Die Dicken kommen durch!"

Die meisten Tiere, die dem Winter trotzen, fressen sich eine dicke Speckschicht an und vermeiden dann unnötige Anstrengungen. Das spart Energie und damit auch Futter. "Wenn die Kälte an den Körperkräften zehrt, heißt das Motto: Die Dicken kommen durch!", sagte Eva Goris, Pressesprecherin der Deutschen Wildtier Stiftung, im Januar 2019. Heißt: Wer sich das Jahr über etwas angefressen hat, kommt wesentlich besser durch den Winter als schwache oder kranke Artgenossen.

Bevorrater, Teilzeit-Vegetarier und Aasfresser

Um im Winter noch genügend Nahrung zu haben, gibt es im Wesentlichen zwei Tricks: Vorräte anlegen oder Ernährung umstellen. Einige Tiere werden im Herbst hyperaktiv und legen emsig Vorräte für den Winter an: Eichelhäher, Feldmaus, Feldhamster, Eichhörnchen - sie alle sorgen vor. Insektenfresser, wie die Meisen, stellen ihre Ernährung um. Wenn sie keine Insekten mehr finden, fressen sie eben das, was die Natur noch hergibt: vegetarische Kost, Samen und Früchte – oft den ganzen Winter lang. Auch Bussarde stellen ihr Fressverhalten um: Statt selbst auf kräftezehrende Jagd zu gehen, sind sie im Winter oft am Straßenrand zu sehen. Dort warten sie bequem auf eine "Fertigmahlzeit": ein überfahrenes Tier. Bussarde sind wie Füchse Aasfresser: Spätestens, wenn es taut, stärken sie sich an den Tieren, die es nicht durch den Winter geschafft haben.

Vögel futtern abends

Blaumeise frisst im Winter lieber abends.

Der frühe Vogel findet den Wurm, frisst ihn im Winter aber erst am Abend. Forscher der Universität Oxford haben das Verhalten von mehr als 2.000 Singvögeln beobachtet: Mehrheitlich entdeckten sie die Futterstellen zwar morgens, rührten sie aber bis zum Abend nicht an. Die Erklärung der Wissenschaftler: Das frühe Fressen würde die Tiere langsamer und unbeweglicher machen - und zur perfekten Beute für Räuber. Fressen sie dagegen rund zwei Stunden vor der Dämmerung, entgehen sie dadurch auch der Gefahr, in einer besonders kalten Winternacht zu viel an Gewicht zu verlieren und zu verhungern.

Hirsche setzen auf Magenverkleinerung

Schneereiche Winter können auch winterfestem Rotwild gefährlich werden.

Eigentlich sind Rehe, Hirsche und Gämsen gut an den Winter angepasst. Auch an schneereiche Winter: Die Wildtiere haben ein schützendes Fell und fressen sich Fettreserven für frostige Tage an. Diese zapfen sie nur an, wenn sie sich bewegen müssen, ansonsten verharren sie im Schnee. Die Körpertemperatur von Rehen und Rothirschen sinkt energiesparend ab, auf bis zu 15 Grad Celsius. Dass sie nicht auskühlen, dafür sorgen Verdauungsvorgänge im Pansen, dem Vormagen. Im Winterruhemodus brauchen sie dann nur noch kleinste Mengen an Nahrung. Der Rothirsch nutzt dafür extra die Methode der Magenverkleinerung: "Sein Pansen fasst jetzt 60 Prozent weniger Nahrung als im Herbst, wenn es reichlich Futter gibt", erklärt Eva Goris, Pressesprecherin der Deutschen Wildtier Stiftung im Januar 2019. Die Verkleinerung des Verdauungstraktes und das Herunterfahren des Stoffwechsels machen den Rothirsch zum idealen Kaloriensparer im Winter. Nahrung ist im Winter schließlich Mangelware. Wenn viel Schnee fällt, kommen Wildtiere auch nicht mehr so leicht an das Futter heran, das Jäger vor Ort auslegen.

Iglubauer und Bergwanderer

Alpenschneehühner lassen sich bewusst einschneien und bauen kleine Iglus. In ihrer Schneehöhle ist es dann wärmer als draußen. Rotwild, das im Sommer in den Bergen lebt, steigt im Winter normalerweise in niedrigere Lagen ab. Dort liegt weniger Schnee und es sind kleine Futtermengen zu finden. Problematisch ist jedoch, wenn die Ausweichmöglichkeiten verbaut werden und die Winterruhe durch Wanderer, Biker, Skitourengeher und Schneeschuhwanderer gestört wird. Werden die Tiere aufgescheucht und müssen durch hohen Schnee fliehen, verlieren sie extrem viel Energie.

Bitte nicht stören!

Jedes Mal, wenn Wildtiere im Winter aufgeschreckt werden, müssen sie ihren Stoffwechsel hochfahren und verbrauchen viel Energie, die ihnen im weiteren Verlauf der kalten Jahreszeit fehlt. Im schlimmsten Fall kann das zu ihrem Tod führen. Deshalb gilt besonders im Winter: "Psst! Bitte nicht stören!" Sportler und Spaziergänger sollten auf den ausgewiesenen Pisten und Wegen bleiben. Hunde sollten an die Leine genommen werden. Der Jagdverband bittet außerdem darum, das Füttern der Wildtiere den Jägern zu überlassen: Sie wissen, was die Tiere wann brauchen. Wer Igeln und Vögeln helfen möchte, findet hier Tipps.

Flauschiges Fell und Abhärtung

Dichtes Fell und kalte Haxen

Ein dickes, flauschiges Fell - nur auf den Hufen nicht. Da wird's kalt. Aber steigt die Kälte von den Beinen nicht auch in den Körper hinauf? Nein, denn im Winter zirkuliert in den Beinen von Ziegen und Co nur wenig Blut. Das kühlt zwar schnell ab, der übrige Körper bleibt aber mollig warm.

Kuscheln gegen die Kälte

Irgendwann wird es den Huftieren aber doch zu kalt, um allein dem Winter zu trotzen. Damwild kuschelt sich dann ganz eng aneinander. Die Tiere halten sich gegenseitig warm. Außerdem schalten sie ihre "Standheizung" ein: Die Muskeln beginnen zu zittern und der Stoffwechsel läuft auf Hochtouren.

Frischluft schnuppern

An die Winterkälte muss man aber auch gewöhnt sein. Stalltiere wie Hasen können im Winter nicht Tag und Nacht draußen sein. Doch auch ihnen schaden ein paar Stunden Frischluft mit ein bisschen Bewegung am Tag nicht - Hunden und Pferden übrigens auch nicht. Die haben sogar besonders viel Spaß im Schnee.

  • Frostspanner & Co.: Wenn Insekten auch im Winter aktiv sind: Am 13. Februar 2019 um 18.05 Uhr in "IQ", Bayern 2.
  • Wie geht's den Wildtieren mit dem vielen Schnee? Am 24. Januar 2019 um 16.00 Uhr und 18.30 Uhr in der Rundschau, BR Fernsehen.
  • Schrumpfende Mäuse im Winter: am 1. Dezember 2018 um 19.00 Uhr in "Gut zu wissen", BR Fernsehen
  • "Überleben im Eis und Schnee - Wie kommen Tiere durch den Winter?": am 16. Januar 2013 um 18.15 Uhr in "Xenius", ARD alpha
  • "In der Starre und im Schlaf - Wie Tiere überwintern": am 20. Dezember 2012 um 9.05 Uhr in "radioWissen", Bayern 2

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