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Tattoos Die eigene Haut als Spiegel des Ichs

Schlangen, chinesische Zeichen oder "Arschgeweihe" – die eigene Haut wird immer mehr als Medium zur Selbstdarstellung genutzt und zwar quer durch alle Gesellschaftsschichten. Das ist das Resultat einer Doktorarbeit an der Uni Duisburg-Essen.

Stand: 09.02.2015

Tattoos als Medium der Selbstdarstellung | Bild: picture-alliance/dpa

"Tätowierung, Narzissmus und Theatralität" heißt die Dissertation von Tobias Lobstädt, die er an der Universität Duisburg-Essen eingereicht hat. Den Erziehungswissenschaftler fasziniert die Psychologie hinter den Bildern. Schließlich tragen laut der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg rund 6,3 Millionen Menschen in Deutschland ein Tattoo, der Bundesverband der Tätowierer spricht sogar von bis zu acht Millionen. Schon lange sind die Zeiten vorbei, in denen die gestochenen Werke vor allem im Knast- oder Hafenmilieu zu finden waren.

Tattoos mit Geschichte

Fast jeder Elfte ab 16 Jahren trägt in Deutschland also ein Tattoo. Besonders beliebt sind die dauerhaften Körperbemalungen bei 25- bis 34-Jährigen, von denen 22 Prozent tätowiert sind. Bei seiner Untersuchung fand Lobstädt heraus, dass es den Tätowierten oft nur vordergründig um die Ästhetik der Bilder und Schriftzeichen gehe. Narzissmus spiele bei den meisten Tätowierten eine große Rolle, wobei er Narzissmus dabei nicht negativ verstanden wissen möchte. Narzissmus, so der Forscher, sei eben auch die Liebe, die ein Mensch sich selbst entgegenbringe.

"Ein schnell wechselnder Bekanntenkreis und neue Arbeitsumfelder erfordern eine schnelle Selbstdarstellung über den Körper. Der Körper wird generell zum Darstellungsmedium. Das kann der schicke Anzug oder die teure Uhr sein, oder eben auch das Tattoo."

Erziehungswissenschaftler Tobias Lobstädt

Mit Tattoos durch Krisen

Was verrät ein Gedicht auf den Schulterblättern über einen Menschen?

Eine Erkenntnis aus seiner Doktorarbeit: Menschen lassen sich häufig Tattoos in besonderen Situationen stechen, so auch in Krisen. Dann dienten Tattoos dazu, das Unaussprechliche mit einem Symbol zum Ausdruck zu bringen. Diese Erfahrung kann auch Manfred Heise bestätigen, der seit zwanzig Jahren als Tätowierer arbeitet.

"Wenn Veränderungen im Leben mit starken Emotionen verknüpft sind – lassen sich immer mehr Kunden ein Porträt mit dem Geburts- oder Sterbedatum stechen."

Tätowierer Manfred Heise

Da könnte man sich fragen, ob die Tätowierung als Grabsteinersatz dienen soll? Trauer auf der Haut statt auf einem Friedhof? Vielleicht ein Zeichen der mobilen Welt, in der alle ständig unterwegs sind und man am liebsten auf und an sich trägt, was einem wichtig ist.

Auf jeden Fall hätten die Tattoos oft eine besondere Symbolik, so Fachmann Heise. So würden die Leute versuchen, sich durch Bilder von Tigern oder Ähnlichem einen Begleiter zu schaffen, der Eigenschaften hat, die man selbst nicht habe.

Ein sogenanntes "Arschgeweih".

Schwierig wird es nur, wenn einem die eigene Haut eines Tages peinlich wird. So bereuten laut GfK im vergangenen Jahr fünf bis 15 Prozent aller Tattoo-Träger ihre gestochenen Motive. Etwa weil ein Bild an eine verflossene Liebe erinnert oder weil das früher coole "Arschgeweih" einer Trägerin heute peinlich ist und sie auch stigmatisiert. Doch noch ist das Entfernen von Tattoos langwierig, kostspielig und vor allem schmerzhaft, auch wenn nach neuen besseren Technologien gesucht wird.


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Nino Malavitoso, Montag, 16.Februar, 13:06 Uhr

1. Mythos Selbstliebe

Betreff: "Narzissmus, so der Forscher, sei eben auch die Liebe, die ein Mensch sich selbst entgegenbringe."

Der Mythos ist nicht totzukriegen. Der Forscher sollte anscheinend mal hinter die Bücher gehen.

"Während solche Menschen – oberflächlich gesehen – stark in sich verliebt scheinen, können sie sich in Wirklichkeit nicht leiden, und ihr Narzißmus ist – genau wie die Selbstsucht – eine Überkompensation des Mangels an Selbstliebe. Freud hat behauptet, der narzißtische Mensch habe seine Liebe von anderen abgezogen, um sie auf die eigene Person zu übertragen. Der erste Teil dieser Behauptung ist richtig, der zweite Teil ist ein Trugschluß. Der Narzißt liebt weder die anderen noch sich selbst."
- Erich Fromm: Die Furcht vor der Freiheit, Seite 117