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Tasten Ein ganz besonderer Sinn

Nicht nur Babys wollen alles anfassen. Auch für Erwachsene ist der Tastsinn wichtig. Nur wenn wir fühlen, berühren und tasten, entwickeln wir auch ein Gefühl für uns selbst.

Von: Brigitte Kohn

Stand: 20.09.2018

Eine erwachsene Hand nimmt den Finger eines Babys. Der Tastsinn bildet sich als erster Sinn in der Entwicklung aus.  | Bild: picture-alliance/dpa/Christian Vorhofer

Der Tastsinn ist der fünfte Sinn des Menschen: nach Sehen, Hören, Riechen und Schmecken. Aber er entsteht früher als alle anderen Sinne - bereits in der siebten bis achten Schwangerschaftswoche. Das Ungeborene braucht ihn, um die eigenen Körpergrenzen zu erfahren. Selbst Menschen, die von Geburt an blind sind, entwickeln über den Tastsinn ein realistisches Raumempfinden.

Als erster Sinn reift der Tastsinn im Neugeborenen heran.

"Das Gehirn hat eine sehr lange Vorlaufstrecke, in der es eine Fülle von sensorischen Erfahrungen braucht, um dann später Höchstleistungen in Mathematik, Abstraktion oder Musik zu bringen."

Florian Heinen, Kinderneurologe am Haunerschen Kinderspital München  

Tasten und berühren fördern die Beziehung

Berührung schafft Nähe und Bindung.

Nach der Geburt erweitern Kinder ihre Erfahrungen von Raum, Distanz und Nähe. Berührungen haben außerdem die wichtige soziale Funktion, in Kontakt zu treten, Beziehungen aufzubauen und Bindung zu wichtigen Menschen im Leben aufrecht zu erhalten.

"Wenn ein Störfaktor da ist, also etwa die übergroße Angst der Eltern, dass das Wesen noch zu klein und zu empfindsam sei, dann geht Beziehung verloren."

Florian Heinen, Kinderneurologe am Haunerschen Kinderspital München

Die Haut und der Tastsinn hängen eng zusammen

Die Haut wird berührt, wenn der Tastsinn ins Spiel kommt.

Die Haut umhüllt den Körper und schützt ihn. Mit bis zu zwei Quadratmetern ist die Haut das größte Organ des Menschen. In ihr sitzen viele Millionen Rezeptoren: winzige Messwerkzeuge, die jeden Reiz, der aus der Umwelt auf die Körperoberfläche einwirkt, registrieren und messen.

"Die Fingerspitzen sind sehr sensibel. Aber auch der Mund-, Zungen und Lippenbereich verfügt über eine sehr hohe Tastsinnessensibilität, wohingegen die Rückenpartie keine so hochauflösende Reizverarbeitung generiert."

Martin Grunwald, Leiter des Haptik-Forschungslabors an der Universität Leipzig

Das Sehen wird meist höher bewertet als das Tasten

Sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen (Die Welt in Bildern. Wien 1793)

Die menschlichen Sinne verankern den Menschen nicht nur in der Natur, sie drängen ihn auch dazu, Kunst und Kultur zu schaffen. Sinneswahrnehmung ist daher nicht nur ein Thema für Ärzte und Biologen, sondern auch für Künstler, Philosophen und Dichter. In der klassischen Hierarchie der fünf Sinne, die auf Aristoteles zurückgeht, steht das Sehen an erster und der Tastsinn an letzter Stelle. Begründung: Das Tasten ist eng mit der dunklen Materie und mit Körperlichkeit verbunden, während man sehend am Licht der Welt und der Weisheit teilhaben kann. Diese Abwertung des Tastsinns scheint bis heute zu bestehen, weil sich Forscher dieses Themas kaum annehmen.

"Wenn sich hier in Deutschland vielleicht 10, 20 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit dem Tastsinnessystem beschäftigen, dann sind das beim Sehsinn vielleicht 5.000 Menschen."

Martin Grunwald, Leiter des Haptik-Forschungslabors an der Universität Leipzig

Experten hoffen, dass der Tastsinn stärker ins Bewusstsein rückt, weil es ohne die körperlichen Grundlagen auch keine komplexen Gedankengänge gäbe.

  • "Die Welt ertasten - Ein ganz besonderer Sinn": am 21. September 2018, um 9.05 Uhr, in radioWissen, Bayern2
  • "Die Welt ertasten - Ein ganz besonderer Sinn": am 11. Oktober 2018, um 15.05 Uhr, in radioWissen, Bayern2
  • "Die Welt ertasten - Ein ganz besonderer Sinn": am 19. Mai 2016, um 9.05 Uhr, in radioWissen, Bayern2

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