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Tagträumen Ein kurzer Ausflug vom Alltag

Menschen haben eine einmalige Fähigkeit: Sie können eine Sache machen und dabei an etwas anderes denken. Das hat Vorteile: Man kann beim Geschirrabwasch Vokabeln wiederholen oder beim Autofahren den nächsten Urlaub planen. Doch wie entstehen Tagträume im Gehirn?

Stand: 18.01.2018

Tagträumende Frau | Bild: colourbox.com

Beim Lesen schweift der Blick aus dem Fenster. Die Gedanken sind bei der abendlichen Verabredung, beim nächsten Urlaub, bei der bevorstehenden Prüfung. Die Gedanken beginnen zu treiben, weg vom Hier und Jetzt. Doch was passiert dabei im Gehirn? Und werden diese Vorgänge willentlich gesteuert oder entfalten sie sich von selbst – durch mangelnde Konzentration?

Für Sigmund Freud waren Tagträume noch "die nächsten Vorstufen hysterischer Symptome". Er warnte vor Neurosen, die durch zu viel Träumerei entstehen. In jüngster Zeit allerdings sehen Neurowissenschaftler diese Flucht des Gehirns vor der Realität mit anderen Augen. Wenn uns die äußere Welt bei einer Tätigkeit, wie dem Duschen oder mit dem Hund spazieren gehen, nicht allzu viel abverlangt, geht unser Gehirn auf Reisen. Und dieser Modus hat durchaus seinen Sinn.

Was passiert im Gehirn?

Es gibt ein Netzwerk von Gehirnarealen, das gerade dann aktiv ist, wenn der Mensch keiner Tätigkeit nachgeht. Auch Säugetiere verfügen über ein solches Netzwerk und damit auch über die Grundvoraussetzung für Tagträume. Was oder ob sie überhaupt denken, das wissen Forscher aber bis heute nicht.

Arbeitsgedächtnis verführt zum Abschweifen

Daniel Levinson von der University of Wisconsin-Madison untersuchte, wie die bewussten und unbewussten Gedanken beim Menschen organisiert sind. Bei einem Test vor einem Computerbildschirm, auf dem die Testpersonen bestimmte Buchstaben erkennen mussten, zeigte sich, dass die Gedanken eines Menschen mit einem leistungsfähigeren Arbeitsgedächtnis häufiger von der Aufgabe abschweiften. Das Arbeitsgedächtnis ist dabei eine Art kurzfristiger Zwischenspeicher. Also beispielsweise, wenn man sich einen Termin notieren möchte, aber keinen Stift zur Hand hat, ins Nebenzimmer läuft, um sich einen zu holen. Dabei wird man von der eigentlichen Aufgabe abgelenkt, behält aber die ganze Zeit im Kopf, dass man diesen Termin notieren will.

Ins Leere gedacht? Tagträumer denken an die Zukunft, nicht ans Hier und Jetzt.

Aus der Studie lässt sich der Schluss ziehen: Menschen mit einem leistungsfähigen Arbeitsgedächtnis haben Kapazität für andere Dinge frei - vorausgesetzt, die eigentliche Tätigkeit ist anspruchslos. Und es lässt sich schlussfolgern, dass Tagträumen und Aufmerksamkeit nicht notwendigerweise zwei strikt voneinander getrennte Zustände des Gehirns sind. Sie können durchaus parallel existieren.

Tagträume spornen die Kreativität an

Eine wichtige Funktion des Tagträumens beim Menschen ist das Hier und Jetzt zu verlassen und in die Zukunft zu reisen oder über sich selbst nachzudenken. Einfache Aufgaben regen zum Tagträumen an. Und Menschen, denen absolut keine Lösung für ein Problem einfällt, wird von Wissenschaftsseite geraten, einer geistig anspruchslosen, langweiligen Tätigkeit nachzugehen.

Leider funktioniert das Tagträumen im Alter schlechter. Ältere Menschen haben weniger kognitive Kapazitäten übrig als junge Menschen, um sie fürs Tagträumen zu verwenden. Wer viel tagträumt, könnte man daher im Umkehrschluss sagen, ist geistig jung geblieben.

  • "Tagträumen - Ein ganz besonderer Bewusstseinszustand": am 18.01.2018 um 15:05 Uhr in "radioWissen", Bayern 2
  • "Kreative Träumer - Konzentration und Gedankenlosigkeit sind kein Widerspruch": am 11. Juli 2012 um 16.05 Uhr in "IQ - Wissenschaft und Forschung", Bayern 2

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