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Tag der Muttersprache Von der Wiege der Sprache

Die UNESCO ehrt am 21. Februar die weltweite Sprachenvielfalt. Rund 6.000 Sprachen gibt es. Rund die Hälfte davon sind vom Aussterben bedroht. Was wir aber bis heute nicht wissen: Wo kommt die Sprache eigentlich her?

Stand: 21.02.2018

Mund mit verschiedenen Flaggenfarben geschminkt | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Sprachen verbinden und trennen uns - sie prägen unsere Identität. Das beginnt schon mit dem "Servus" oder "Hallo" im Kleinen und endet bei den Unterschieden zwischen der Ureinwohnersprache auf Papua-Neuguinea und der Weltsprache Englisch. Aber haben beide einen gemeinsamen Ursprung in irgendeiner Ur-Sprache? Diese Frage beschäftigt Sprachwissenschaftler seit Langem.

Auf der Suche nach der Antwort greifen Linguisten auch zur Technik: Computer-Algorithmen sollen vollautomatisch rekonstruieren, welche gemeinsame Wurzel einer Sprachgruppe zugrunde liegt. Gesucht ist dabei der kleinste gemeinsame Nenner der verschiedenen Sprachen. Am Ende des Rechenprozesses wird zwar nicht die Ur-Sprache über den Bildschirm flackern, doch die mühsame Vergleichsarbeit der Sprachwissenschaftler wird vereinfacht und beschleunigt.

Sprache oder Dialekt? Eine gefährdete Vielfalt

Dialekt oder Sprache

Rund 6.000 Sprachen gibt es weltweit - von den Minderheitensprachen wie Sorbisch oder Räto-Romanisch bis zur Weltsprache Englisch. Aber wo fängt die Sprache an und hört der Dialekt auf? Immerhin stößt man beim fränkischen "oozullds Buddlasbaa" (abgenagtes Hühnerbein) oder dem "Spirifankerl" (Teufel) aus Oberbayern auch auf Sprachbarrieren.

Dialekt oder Sprache

Was Dialekt oder Sprache ist, das ist nicht immer leicht zu unterscheiden, sagt die Sprachwissenschaftlerin Andrea Schamberger-Hirt von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften: "Man spricht von Sprache, wenn sich damit unter anderem eine Nation und eine normierte Schriftlichkeit verbindet. Zum Beispiel ist das Niederländische eine eigene Sprache, obwohl es vom Standarddeutschen ähnlich weit entfernt ist wie das Plattdeutsche. Österreichisch gilt stattdessen nicht als eigene Sprache." Es komme auf die Umstände und den politischen Willen an, sagt auch der Sprachwissenschaftler Rüdiger Harnisch von der Universität Passau. "Jeder Dialekt hat das Zeug zur Sprache".

Bairisch oder Bayerischer Dialekt

Die Grenzen zwischen Dialekt und Sprache sind deswegen fließend, auch wenn es um das Bairische geht. Das wird nämlich nicht nur in Oberbayern oder Niederbayern gesprochen, sondern auch in Österreich. Fränkisch und Schwäbisch sind zwar bayerische Dialekte, aber nicht bairisch. Im Raum Ludwigsstadt in Oberfranken wird noch dazu Thüringisch gesprochen. Eine Einordnung beispielsweise von Bairisch als Sprache ist da knifflig. Andrea Schamberger-Hirt über Bairisch: "Ausschlaggebend für eine Sprache ist auch, dass sie einen eigenen Wortschatz, eine eigene Grammatik und ein eigenes Lautsystem hat. Das trifft auch auf das Bairische zu. Daher kann man Bairisch auch als eigene Sprache einstufen. Andererseits hat Bairisch, wie die anderen deutschen Dialekte auch, eine gemeinsame Dachsprache, das Standarddeutsche. Insofern gilt Bairisch als Dialekt, also als eine Variante des Standarddeutschen."

Bairisch auf der Roten Liste

Für Sprachen gibt es genauso eine Rote Liste wie für Tiere. Im UNESCO-Weltatlas der bedrohten Sprachen werden gefährdete Sprachen aufgeführt. Knapp 2.500 Sprachen sind darin weltweit eingezeichnet - vom ausgestorbenen !Gan!ne aus Südafrika bis zum Bairischen und dem Ostfränkischen. Die sind laut dem Weltatlas auch bedroht. Diese Darstellung will die Sprachwissenschaftlerin Andrea Schamberger-Hirt aber in Bezug auf das Bairische nicht ganz teilen: "Ich finde es sehr undifferenziert, wie es dargestellt ist. Bairisch ist zum Beispiel in Deutschland und Österreich gleich stark gefährdet, ebenso wie Alemannisch in der Schweiz, in Deutschland und in Frankreich. Auf der Karte wird alles in einen Topf geworfen. Es ist zwar durchaus eine gewisse Bedrohungssituation vorhanden, die man aber nicht zu stark verallgemeinern darf." Rund 230 Sprachen sind im Atlas seit 1950 komplett verschwunden. Insgesamt ist rund die Hälfte der Sprachen bedroht.

Wieso gibt es einen Internationalen Tag der Muttersprache?

Bahnhof mit Schild auf Sorbisch

Die UNESCO will mit diesem Tag auf die sprachliche Vielfalt aufmerksam machen, den Gebrauch der Muttersprache und die Mehrsprachigkeit fördern. Heute wird statt Muttersprache oft auch "Erstsprache" als Begriff verwendet. Aber auch welche Sprache im Leben eines Menschen am wichtigsten ist, entscheidet über die Muttersprache. Bei der heutigen Mehrsprachigkeit vieler Kinder ist das allerdings immer schwieriger festzustellen.

Suche bislang ohne Beweise

Die Suche nach dem Ursprung der Sprache erinnert an die Suche nach der Wiege der Menschheit. Der entscheidende Unterschied: Sprachfetzen kann man nicht bergen wie die Knochenreste der Urmenschen. Vor der Entstehung der Schriftsprache gibt es selten gesicherte Spuren, die die Existenz einer Sprache belegen. Spuren liefern zwar die Erforschung von gemeinsamen Wortgruppen. So können Sprachwissenschaftler Deutsch zum Beispiel bis zur Indoeuropäischen Sprachgruppe zurückverfolgen. Frühere Verbindungen und Verwandtschaften werden aber schon schwierig. Und selbst beim Indogermanischen streiten sich Linguisten bis heute, wer es eigentlich wann und wo gesprochen hat.

Wie weit kann man die Sprache zurückverfolgen?

"Es gibt ein paar Sprachen der Welt, wo wir bis zu 5.000 - 6.000 Jahre in die Vergangenheit zurück wirkliche Dokumente haben", sagt Michael Cysouw vom Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas an der Philipps-Universität Marburg. Ein bisschen weiter zurück könne man aber noch. 10.000 Jahre, das ist die bisherige Schallgrenze, wenn es um den Sprachursprung geht. Die Geburt der Sprache beginnt laut Schätzungen allerdings vor rund 100.000 Jahren.

Die Vielfalt der Phoneme

Audio

Internationaler Tag der Muttersprache | Bild: Tobias Kubald zum Audio 21.02.2000 Internationaler Tag der Muttersprache

Der Tag der Muttersprache nimmt Bezug auf den 21. Februar 1952. Damals fand in Ost-Pakistan, eine Demonstration gegen den Regierungsbeschluss der Regierung statt, die Sprache Urdu zur Amtssprache zu erheben. Autorin: Julia Zöller [mehr]

Quentin Atkinson, Psychologe an der University of Auckland, hat sich deshalb eine Technik der Populationsgenetik zu eigen gemacht. Sein Anhaltspunkt: die Vielfalt der Phoneme - also der kleinsten Lauteinheiten wie Vokale. Er analysierte die Phoneme von etwa 500 modernen Sprachen. Wo die größte Vielfalt der Phoneme zu finden ist, so seine Theorie, sei auch der Ursprung der Sprache. Den Ansatz gibt es auch, wenn es um die genetische Vielfalt geht: Man nennt ihn "Gründereffekt". Erst durch Migration nimmt die Phonemvielfalt ab. In Südwestafrika wurde Atkinson fündig. Dort fand er die größte phonemische Vielfalt. Mit Entfernung zu Afrika nahm die Vielfalt ab.

Belegt ist der Sprachursprung in Afrika aber nicht. Michael Cysouw hält die Methode zwar für einen guten Ansatz, zeigt aber auch ihr größtes Problem: Wenn man mit anderen Variablen, etwa der Grammatik und der Verwendung des Passivs, auf die Suche geht, landet man nicht unbedingt in Afrika. "Da kommen immer wieder andere Hot Spots raus", fasst Cysouw zusammen. Kaukasien, Ostafrika und Südostasien waren darunter. Und auch die Annahme, dass es nur einen Ursprung geben kann, ist laut Cysouw umstritten. So fand er in Berechnungen zwei Hot Spots. Das Rätsel um den Ursprung der Sprache bleibt also vorerst ungelöst.

Die Sprache als Schlüssel zum Menschsein

Allerdings: Einen Schritt weiter bringt die Theorie die Suche schon laut Cysouw: "Die Situation ist folgendermaßen: Wenn wir uns die Vielfalt der Sprachen ansehen, dann sehen wir ein ganz großes Chaos. Die Methode von Atkinson ist eine, die zumindest im Chaos einen Trend herausarbeitet". Der Ursprung der Sprache, so Cysouw, würde aber auch etwas über uns Menschen verraten. "Das Spannende wäre zu sagen, wenn wir anhand der Sprache etwas über die Kulturgeschichte der Menschheit sagen können und das mit der Genetik kombinieren, dann könnten wir auch Schlüsse daraus ziehen, woher die Menschen kommen, wer wir sind."


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