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Straßenbau Teures Pflaster aus Schotter und Granit

Straßen aus Stein, gestampfter Erde oder Holz - auf unterschiedliche Arten versuchten Menschen im Laufe der Zeit ihre Verkehrswege zu befestigen. Nicht alle Methoden waren tatsächlich praktisch und manche sogar richtig hässlich.

Stand: 09.01.2015

Straße auf Hiddensee | Bild: picture-alliance/dpa

Alle Wege führen nach Rom - in der Antike war das tatsächlich wahr, denn die Römer waren eifrige und gewiefte Straßenbauer. Dabei hatten sie vor allem das Militär im Sinn. Man kann ein Weltreich nur verteidigen, wenn Truppen und Material schnell von einem Ort zum anderen kommen. Matschige, unbefestigte Wege können im schlimmsten Fall die gesamte Infrastruktur lahm legen. Und auch in Friedenszeiten hatten die Römer etwas von ihrem gut ausgebauten Straßennetz: Händler gelangten so schnell und unkompliziert bis in die hintersten Winkel der Provinzen.

Meister des Straßenbaus kamen aus Rom

Bei Pflastern geht es auch um die Schönheit einer Stadt: Aveiro in Portugal.

Im ausgehenden zweiten bis zum fünften Jahrhundert pflasterten die Römer auch die Straßen nach und in Regensburg oder Augsburg. Dazu gehörte auch eine ausgefeilte Kanalisation mit Kanälen, Straßengräben und Säulengängen. Augsburg mauserte sich im Jahr 122 zum wichtigsten Knotenpunkt der Region Rätien. Prächtige Häuser entstanden und natürlich: gepflasterte Straßen, im Schachbrettmuster angelegt nach allen Regeln der von Rom geförderten Straßenbauingenieure.

Feldwege und Trampelpfade der Germanen

Der Luxus der gepflasterten Straßen währte nicht lange nördlich der Alpen. Nach rund 300 Jahren endete die römische Besatzung und mit ihnen das hervorragende Straßennetz. Die Germanen nutzten kaum Fahrzeuge, waren auf Feld- und Waldwegen zu Hause. Die blieben ungepflastert und ungekiest. Auch städtebaulich waren die Germanen nicht so ambitioniert wie die Römer, die sogar Häuser mit Bodenheizungen gebaut hatten. Die Germanen bauten einfache Holzhäuser. Erst 1.000 Jahre nach Christus wurden in ganz Europa wieder im großen Stil Städte gegründet und mit der steigenden Zahl der Bewohner stieg wieder das Bedürfnis nach Steinhäusern und richtigen Straßen.

Wie sich der Straßenbau verändert hat

Römische Qualitätsarbeit

In der Antike waren die Römer die unangefochtenen Straßenbaumeister, in strengem Schachbrettmuster pflasterten sie ihre Straßen. Dazu benutzten sie große, dicke Steinplatten mit unregelmäßigem Rand. Die Kunst des Pflasterers dabei: Die Platten so auszusuchen, dass sie zueinander passten und kaum Fugenraum blieb.

Solider Unterbau

Grundlage aller römischen Hauptstraßen war ein umfangreicher Unterbau: Ganz unten festgestampfter Boden, darüber festgefügte grobe Steine, dann faustgroße und feinere Kiesel, die oft mit Mörtel vermischt waren und als Abschluss eine dicke Schicht Steinschotter. So ein Unterbau konnte schnell mal einen Meter dick werden - wie bei den heutigen Autobahnen.

Wetterfest im Mittelalter

Bequemlichkeit und Ästhetik - darum ging es nicht, als in der Mitte des 14. Jahrhunderts die mittelalterlichen Städte ihre Einfallstraßen pflasterten. Es ging schlichtweg um den Handel: Der Verkehr sollte rollen und zwar bei jedem Wetter. Darum wurden Kieselsteine verlegt.

Kieselsteine aus der Isar

In München kamen die Kieselsteine aus der Isar, sie wurden in den Boden eingestampft und so zu einem schwergängigen Pflaster. Das Problem: Es geriet ständig aus den Fugen, kleine Schlaglöcher wurden durch die eisenbeschlagenen Räder der Fuhrwerke schnell zu großen. Achsbrüche waren eine ständige Gefahr.

Makadam-Straßen

Anfang des 19. Jahrhunderts dann eine bahnbrechende Erfindung: Der Schotte John Mac Adam erfand einen kostengünstigen Straßenbelag aus Schottersteinen, rund dreißig Zentimeter dick, der in mehreren Lagen aufgeschüttet wurde. Ganz ohne Unterbau und ohne aufwändiges Verlegen einzelner Steine. Das Problem: Makadam weicht im Regen auf und ist im Sommer extrem staubig.

Holzquader

Vierzig Jahre lang versuchten die Münchner darum, auf der Brienner Straße Quader aus Kernholz zu verlegen. Der Vorteil: Kein Matsch oder Staub mehr und die Pferdehufe und Ochsenfuhrwerke klapperten nicht mehr so laut auf den Straßen. Das Problem: Das Holz ging schnell kaputt - ein teures Pflaster für die Stadt.

Feinstaub durch Sandsteinpflaster

1856 hatten die Wiener genug vom Feinstaub: Hier waren die Straßen mit Sandstein gepflastert und den haben die Eisenräder und die beschlagenen Hufe aufgerieben. Ein ständiges Staubproblem entstand, mitten in der Stadt.

"Wiener Würfel" aus Granit

Die Lösung für Wien: Pflastersteine aus Granit. Es entstand eine richtige Massenproduktion der "Wiener Würfel", die in Normmaße gehauen über weite Strecken per Eisenbahn transportiert wurden.

Praktischer und hässlicher Asphalt

Nach dem Zweiten Weltkrieg brachen neue Zeiten an für den Straßenbau: Das alte, kaputte Pflaster der Altstädte von Regensburg oder Augsburg wird mit Asphalt überzogen. Praktisch, glatt und: hässlich.

Rückkehr zur gepflasterten Straße

Ab den 1970er und -80er-Jahren kommt die Trendwende: Die Bürger wollen wieder Straßen und Gassen haben, die zu ihrer Altstadt passen. Steinpflaster werden vom darüberliegenden Asphalt befreit und die alten Pflastersteine in Beton neu verlegt, um schweren Fahrzeugen standzuhalten. Repräsentativer Straßenbelag innerhalb der Städte ist wieder - wie 500 Jahre zuvor - aus Stein.

Salzhandel bringt den Verkehr nach München

Die ersten Berichte über Münchner Straßenpflasterer stammen aus dem Jahr 1393. Erst 240 Jahre vorher war München gegründet worden. Die Salzstraße hat die junge Stadt reich gemacht. Mit dem Handel kam aber auch der Verkehr, zahlreiche Fuhrwerke drängten jeden Tag in die Stadt, beladen mit Salz oder Getreide. Darum wurden zuerst die Marktplätze und die wichtigsten Handelsstraßen gepflastert. 

Das war nicht ganz billig - deshalb sparte man, wo man konnte: Die Einfallsstraßen wurden nur stadteinwärts gepflastert. Durch das Gerumpel über das Pflaster sollte der Dreck von den Hufen und Rädern hinunterfallen. Die Marktplätze sollten sauber bleiben.

Aus dem mittelalterlichen Stadtbild nicht wegzudenken: Schweine, Hahn und Misthaufen.

Ohnehin war es nicht leicht, im Mittelalter die Straßen reinzuhalten. Die "kotige" Straße war die Normalität, mit frei laufenden Schweinen und Hühnern. Die Zugtiere der Händler taten ihr Übriges: In vielen Städten lagen Misthaufen ganz selbstverständlich mitten auf den Wegen. Im Jahr 1599 zählte man in der Freien Reichsstadt Nürnberg allein im Stadtkern 386 "Miststätten". Seuchenherde direkt vor der Haustür. Erst im 17. und 18. Jahrhundert entstanden Kanäle und Kanalisationen, die das Trinkwasser der Stadtbevölkerung sauber hielten.

Moderne Straßen für moderne Städte

Ab der Zeit der beginnenden Industrialisierung wuchsen die Städte rasant an, neue Straßen mussten her, schnell und unkompliziert. Es wurde viel herumprobiert: Schottersteine, sogenannte Makadam-Straßen, Granitpflaster, und nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Siegeszug des Asphalts. Unglaublich praktisch und preiswert - doch unglaublich hässlich war der neue Werkstoff. Dreißig Jahre lang wurden die mittelalterlichen, über die Jahrzehnte beschädigten Pflasterstraßen unserer Altstädte mit Asphalt überzogen, bis ein Umdenken einsetzte: Repräsentativer Straßenbelag innerhalb der Städte war wieder gleichbedeutend mit dem Pflasterstein. In aufwendigen Prozeduren wurde der Asphalt wieder abgetragen, die alten Pflastersteine neu verlegt und so erst entstanden die romantisch-mittelalterlichen Gassen des modernen Regensburg oder Augsburg, wie wir sie heute kennen.


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