Wissen


19

Umweltrat warnt Stickstoff als großes Umweltproblem

Stickstoff ist ein zweischneidiges Schwert: Einerseits gibt es ohne Stickstoff kein Leben. Andererseits steckt es in vielen Schadstoffen. Ein Zuviel an Stickstoff ist "eines der großen Umweltprobleme unserer Zeit", so das Gutachen des Umweltrates.

Von: Renate Ell

Stand: 15.01.2015

Landwirt verteilt Stickstoff auf Rapsfeld | Bild: picture-alliance/dpa

Stickstoff ist für Pflanzen ein unverzichtbarer Nährstoff, er ist ein Grundbaustein von Proteinen. Doch Stickstoff steckt auch in vielen Schadstoffen, etwa als Stickstoffdioxid in Auto- oder Industrieabgasen. Aber nicht Verkehr und Industrie sind die wichtigsten Quellen von zu viel Stickstoff in der Umwelt, sondern die Landwirtschaft.

Stickstoff – "ungelöstes Umweltproblem"

Landwirt bringt Gülle aus.

In seinem im Januar 2015 erschienen Gutachten mahnt der Sachverständigenrat für Umweltfragen, dass das Zuviel an Stickstoff in der Umwelt zu den "großen ungelösten Umweltproblemen unserer Zeit" gehöre. Dabei nimmt der Rat vor allem auch die Landwirtschaft in die Pflicht und bemängelt Versäumnisse der verantwortlichen Politiker.
Wo ein Landwirt Gülle ausbringt, verdunstet das stinkende Ammoniak. Ammoniak trägt zur Versauerung von Böden bei, und düngt die Landschaft in weitem Umkreis. Mit der Folge, dass Pflanzen, die nährstoffarme Böden brauchen, verdrängt werden. Auch zum Klimawandel trägt übermäßiges Düngen bei, denn dabei entsteht Lachgas (Di-Stickstoff-Oxid), ein sehr starkes Treibhausgas.

Vor allem in Regionen mit großen Viehställen landet viel Gülle auf Wiesen und Äckern, in anderen viel Mineraldünger auf Maisäckern – mehr als die Pflanzen verbrauchen können. Der Überschuss sickert ins Grundwasser oder wird in Bäche und Flüsse gespült.

Stickstoff als Mangelware

Heute gibt es zu viel Stickstoff in der Umwelt. Ursprünglich war er aber ein knappes Gut, wie Heidi Fogt, Leiterin des Instituts für Umwelttoxikologie an der Universität Halle und Mitglied des Sachverständigenrats für Umweltfragen, erklärt. Die biologisch verfügbaren Formen, Nitrat, Nitrit, Ammoniak und Stickstoff sind an der Entwicklung des Lebens unmittelbar beteiligt. Sie waren aber schon immer - sozusagen als ein Trick der Evolution – eine Größe, die die Geschwindigkeit der Evolution bestimmt hat. Das heißt, die Vielgestaltigkeit in der Natur hat sich herausgebildet, weil Stickstoff eine Mangelware war.

"Aber seit wir gelernt haben, den Dünger herzustellen, um unsere Kulturpflanzen gezielt zu ernähren und damit auch etwas sehr wichtiges zu erreichen, nämlich Ernährungssicherheit, seit dieser Zeit ist einiges auf die Kippe geraten."

Heidi Fogt, Leiterin des Instituts für Umwelttoxikologie an der Universität Halle

Seit es Mineraldünger gibt, also seit etwa 100 Jahren, ist dieses einst knappe Gut im Überfluss verfügbar. Und in der selben Zeit stiegen auch die stickstoffhaltigen Emissionen aus Industrie und Verkehr dramatisch an. Bis die Politik in den 80er-Jahren begann, mit Filteranlagen und dem Katalysator dagegen zu steuern.

"Aber hier sind die schon verabredeten Ziele oft nicht eingehalten, und –naturwissenschaftlich-medizinisch gesprochen – sind die politischen Ziele gar nicht ausreichend, das muss eigentlich noch deutlich gemindert werden. Ein anderes Beispiel von ziemlich eklatanter Zielverfehlung ist unsere Gewässergüte."

Heidi Fogt, Leiterin des Instituts für Umwelttoxikologie an der Universität Halle

Landwirte, die zurückhaltend düngen oder dabei Abstand zu Gewässern halten, können Fördermittel beantragen, als Ausgleich für geringere Erträge. Dabei setzt die Politik auf Freiwilligkeit. Aber diese Programme sind nicht ausreichend. Anders als bei Industrieanlagen oder Autos lassen sich die Emissionen der Landwirtschaft kaum durch technische Maßnahmen begrenzen. Deshalb fordert der Umweltrat eine Landwirtschaft mit weniger Mais, weniger Biogasanlagen – deren stickstoffhaltige Gärrückstände auf Äckern und Wiesen landen – und vor allem weniger Vieh.

"Ein wichtiger Punkt wäre, die Tierhaltungsbetriebe in die Lage zu versetzen, dass sie Tier schonendere, auch Tierzahl mindernde Betriebsformen durchführen und trotzdem als Betrieb überleben können."

Heidi Fogt, Leiterin des Instituts für Umwelttoxikologie an der Universität Halle

Alles greift ineinander

Alles greift ineinander im Stickstoffkreislauf, den der Mensch seit rund 100 Jahren massiv angekurbelt hat. Zumal nicht nur Gewässer und Grundwasser betroffen sind. Stickstoffliebende Pflanzen wie Holunder, Springkraut oder Brennnesseln breiten sich aus – und verdrängen Arten, die magere Böden brauchen. Ammoniak steigt aus Ställen und bei der Gülledüngung in die Luft auf, und düngt flächendeckend die gesamte Landschaft, zusammen mit den Stickoxiden aus Verkehr und Industrie.

Nationale Strategie gefordert

Düngemittel-Verordnung

Die Bundesregierung will im Februar 2015 mit dem Beschluss einer Düngemittel-Verordnung für die Landwirtschaft erreichen, dass die Stickstoffbelastung von 97 Kilogramm pro Hektar im Jahr um mindestens 15 Kilo verringert wird. Der Entwurf der Verordnung wurde von einigen Verbänden stark kritisiert.

Deshalb schlägt der Umweltrat eine nationale Strategie vor, die das Ziel hat, wirklich den Eintrag zu mindern und die empfindlichen Ökosysteme zu schonen. Hochbelastungsregionen sollen mit einem wirksamen eigenen Konzept versehen werden. Wie Heidi Fogt erklärt, gibt es "ein großes Bündel an Einzelmaßnahmen, aber auch sehr konkrete Vorschläge, wie man diese strategisch miteinander verzahnen muss." Konkret wird neben strengeren Dünge-Regeln vorgeschlagen, die verringerte Mehrwertsteuer auf Fleischprodukte aufzuheben, um die Stickstoffbelastungen durch die intensive Tierhaltung zu mindern. Weitere Ideen sind die steuerliche Besserstellung für Diesel-Autos aufzuheben und die geplante Pkw-Maut stärker am Schadstoffausstoß zu orientieren. Bei Kohlekraftwerken sollten die Grenzwerte dringend verschärft werden.

Konsumenten sollen umdenken

Doch vor allem, so die Forscherin, müssen wir als Verbraucher den hohen Konsum tierischer Produkte überdenken.

"Und wir müssen auch an unsere Art mobilen Straßenverkehr durchzuführen denken, unsere Privatautos, unsere Privat-Dieselautos, die ganz substanzielle Stickstoff-Emittenten sind. Also jeder ist aufgerufen seinen Beitrag zu leisten und jeder kann auch seinen Beitrag leisten."

Heidi Fogt, Leiterin des Instituts für Umwelttoxikologie an der Universität Halle


19