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Staub Klitzeklein und voller Überraschungen

Er ist allgegenwärtig, lästig, lebenswichtig und manchmal gefährlich: der Staub. Die kleinen Partikel liefern darüber hinaus Einblicke in die Vegetation vergangener Jahrtausende und in die Entstehung des Universums.

Stand: 28.03.2014

Staub | Bild: picture-alliance/dpa

Staub ist überall. Auf jedem Flecken Erde, in jeder Ritze und sogar in der Luft. Staub, das sind Salzkristalle, die das Meer mit der Gischt an die Luft abgibt, feiner Sand, den der Wind von der Wüste in die ganze Welt verteilt, Pflanzenpollen, Hautschuppen, Papierpartikel ... Kurz: "... alles was so leicht ist, dass es von Luft emporgetragen wird". So definierte der spanische Kirchenvater Isidor von Sevilla die kleinen Teilchen im Frühmittelalter, und die Defintion gilt noch immer.

Petrischale mit natürlichem Staub: Das Gesteinsmehl wird auch Löß genannt.

So richtig interessiert hat sich für den feinen Dreck lange niemand. Erst die Erfindung des Mikroskops im 17. Jahrhundert hat den Menschen gezeigt, dass in Staubkörnern ganze Welten stecken. Und manchmal auch Gefahren. Im 19. Jahrhundert haben Forscher festgestellt, dass Staub Keime transportieren kann. Zum Beispiel ansteckende Tuberkulose- oder Choleraerreger. Und seit der Katastrophe von Tschernobyl packt uns bei jeder kleinen Meldung aus einem Atomreaktor die Angst vor radioaktivem Staub.

Staub vermessen

Forscher messen den Staub in Mikro- und in Nanometern. Ein Mikrometer entspricht dem millionsten Teil eines Meters oder dem tausendsten Teil eines Millimeters. Ein durchschnittliches Menschenhaar hat einen Durchmesser von 0,8 Millimetern. Das ist immer noch ungefähr fünfzig mal so dick wie ein Staubkorn der Kategorie "Grobstaub". Der ist mit seinen zehn bis 20 Mikrometern mit bloßem Auge fast nicht mehr zu erkennen. Partikel, die kleiner als zehn und größer als ein Mikrometer sind, nennt man Feinstaub. Wer den ganz genau messen will, muss in Nanometern rechnen. Ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter.

Aussichtslose Kampfansage

Staubsauger, Wischmopp, Mikrofasertuch, Staubwedel - die Palette an Staubbekämpfern ist groß. Doch wirklich staubfrei bekommt man keinen Flecken der Erde. Den feinen Partikeln entkommt man nirgends, noch nicht einmal in sogenannten "Reinräumen", in denen die Industrie versucht, unter möglichst staubfreien Bedingungen winzige Chips zu produzieren. "Staub ist ein buntes Gemisch aus Fasern und Körnern", erklärt die Pharmazeutin und Wissenschaftsjournalistin Luitgard Marshall. Der viel gehasste Hausstaub besteht aus menschlichen Hautschuppen, dem Abrieb von Textilien, Tapeten und Papier. Hinzu kommen Blütenpollen, Schwermetalle und ab und zu auch Risikochemikalien aus Möbeln. In diesem Sammelsurium fühlen sich kleine Lebenwesen wie Bakterien, Viren, Bazillen, Schimmelpilze und Sporen richtig wohl. Das Problem dabei: Beim Staubwischen und Saugen werden sie in der Regel nur aufgewirbelt, los wird man sie nicht.

Woraus besteht Staub?

Lästiger Fremdkörper

Staub ist nicht nur lästig, weil er ständig zum Staubwischen zwingt - er ist auch bei immer mehr Menschen der Auslöser für Allergien. Aber was ist Hausstaub eigentlich? Woraus besteht er, wo kommt er her und kann man ihn irgendwie vermeiden? Fragen über Fragen ...

Spuren im Staub

Hausstaub setzt sich aus den unterschiedlichsten organischen und anorganischen Stoffen zusammen. Prinzipiell kann man darin alles finden, was uns auch im täglichen Leben begleitet: Hautschuppen, Kleiderfasern, Haare, Pollen und sogar Spuren von Haarspray. In dieser bunten Mischung fühlt sich besonders die Hausstaubmilbe wohl.

6 Milligram am Tag

Pro Quadratmeter bilden sich täglich rund sechs Milligramm Staub. Quellen dafür gibt es viele: Abgestorbene Hautzellen fallen ab, Kleidung reibt sich an einem Stuhl und lässt Fasern zurück, durch die Fenster dringen Pollen und Abgase herein. Daran ändern kann man nichts - gelegentliches Staubwischen lässt sich also nicht vermeiden.

Im Staub lesen

Noch mehr Pollen

Heuschnupfen | Bild: colourbox.com zum Artikel Pollenflug Früher, mehr und länger

Keine Verschnaufpause für Heuschnupfen-Geplagte: Wegen der zunehmend milden Winter beginnt der Pollenflug immer früher und dauert länger. Das gilt besonders für Erlen-, Haselnuss- und Birken-Pollen. [mehr]

Doch allzu voreilig sollte man die feinen Körner nicht beschimpfen. "Aus einer Fingerspitze Staub lassen sich ganze Welten erforschen", sagt der Chemiker und Philosoph Jens Soentgen. Elektromikroskope und moderne analytische Techniken wie zum Beispiel Röntgenstrahlen erlauben tiefe Einblicke in vergangene Zeiten. Der Augsburger Geograf Arne Friedmann untersucht zum Beispiel fossilen Blütenstaub. Dessen Außenhaut ist so widerstandsfähig, dass die Pollen viele Jahrtausende unter Sauerstoffausschluss in Mooren und Seen unversehrt überstehen. Aus ihnen schließen die Forscher auf frühere Vegetationsverhältnisse.

Kinder des Sternenstaubs

Gas und Staub der Milchstraße als hell leuchtendes Band - aufgenommen vom Weltraumteleskop Fermi

Sogenannter kosmischer Staub liefert uns wichtige Informationen über die Entstehung unserer Erde. Wissenschaftler versuchen ihn mit Hilfe spezieller Flugzeuge in der Stratosphäre einzusammeln. Vielleicht, so Jens Soentgen, sind wir alle nur die Kinder dieses kosmischen Sternenstaubs. So ist eine gängige astrophysische Theorie, dass alle irdischen Elemente in einer riesigen Sonne erbrütet wurden. Soentgen: "Nach einer Supernova-Explosion wurde das Material ins Weltall geschickt und daraus ist ein neues Sonnensystem entstanden. Das heißt, Staub wurde verdickt wie Zuckerwatte auf der Kirmes."

Überlebenswichtige Körnchen

Je mehr sich Wissenschaftler mit dem Staub beschäftigen, desto deutlicher wird: Ohne die lästigen kleinen Körnchen könnten wir kaum auf unserer Erde überleben. Sie sind zum Beispiel dafür verantwortlich, dass sich die Pflanzen vermehren. Der Staub aus der Sahara versorgt etwa die Ozeane mit Eisen. Und das ist wiederum unerlässlich für die Bildung von Plankton. Und ohne Staub regnet und schneit es nicht, denn jedes Tröpfchen Niederschlag benötigt ein festes Partikel als Kristallisationskern.

Je besser die Forscher den Staub verstehen, desto deutlicher wird, wie sehr die kleinen Körner unsere Umwelt spiegeln. Scheinbar nutzlos wirbeln sie zwischen Kosmos und Alltag. Und werfen doch bei uns Menschen Fragen auf, die von der Sorge um die eigene Gesundheit bis hin zur philosophischen Beschäftigung mit unserem Werden und Vergehen reichen. Vielleicht lohnt es sich doch, den Staub beim nächsten Mal nicht einfach wegzuwischen, sondern ihn sich bei Gelegenheit etwas genauer anzusehen.


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