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Fußball-Spielanalyse Das gläserne Spiel

Heute können Ballkontakte, Laufstrecken, Zweikämpfe und vieles mehr von Spielern erfasst werden. Die Daten verheißen Vorteile bei der Vorbereitung auf den Gegner, Eigenanalyse und Spielereinkauf – wenn man richtig damit umgeht.

Stand: 07.06.2018

Im Fußball haben schon lange die Zahlen Einzug gehalten. Mit den Daten verspricht man sich einen tieferen Einblick in das Spiel – vor allem vom gegnerischen. Statt Notizblock und Augenzeugenberichten zählen heute Algorithmen und Videotechnik, wenn es um die Erhebung und Auswertung von Spieldaten geht.

Computer und Sensoren machen Tracking möglich

Verfügbar ist dank ausgefeilter Technik fast alles – von Ballkontakten bis zu sogenannten "Performancedaten" wie Laufdistanz, Schnelligkeit und Laufwege. Zugriff auf diese Daten haben normalerweise Klubs, die Dienstleister für die Erhebung bezahlen. In der deutschen Bundesliga sind seit der Saison 2011/12 zudem für Bundesligaklubs die Rohdaten aller Spiele zugänglich. Der Anbieter Impire wertet diese im Auftrag der DFL mit Kameras und Scouts in den Stadien aus. 

Das System von Impire in Zahlen

2 Kameras

Zwei Kameras sind in den Stadien installiert - eine überblickt jeweils eine Spielhälfte. Die Kameras sind dazu da, immer alle Spieler im Blick zu behalten. Mit einem Computerprogramm werden dann alle Spieler markiert. Unterschiede zwischen Impire und anderen Firmen wie Amsico Pro gibt es zum Beispiel in der Anzahl der Kameras.

5 Menschen

Insgesamt fünf Menschen sind bei einem Spiel im Einsatz. Für klassische Daten wie Zweikämpfe ist immer noch der Mensch am wichtigsten. Ein Analyst gibt Pässe, Flanken und Zweikämpfe per Headset an einen zweiten Mitarbeiter durch, der die Daten eingibt. Ein Mitarbeiter muss zusätzlich ständig den Ball per Mausklick markieren. Bei den Laufwegen der Spieler sieht es anders aus. Da kommt der Mensch nur zum Einsatz, wenn es Probleme bei der Zuordnung gibt. Kritisch wird dabei zum Beispiel eine Freistoßmauer, sagt Christian Holzer, Vorstand bei der Impire AG. "Die Technik hört dann auf, wenn zwei Spieler mit der gleichen Trikotfarbe sehr eng beieinanderstehen. Die eigentliche Zuordnung funktioniert dann nicht mehr, das System fragt dann nach." Dann einzugreifen, dafür sind zwei weitere Mitarbeiter zuständig.

3.000 Aktionen

Rund 3.000 Aktionen werden in einem Spiel erfasst - vom Ballkontakt bis zum Pass. Zumindest dort ist der Mensch noch besonders wichtig. "Wir haben viele Algorithmen im Einsatz, die den Menschen unterstützen, aber letztendlich ist der Mensch noch das entscheidende Element", sagt Christian Holzer. Das Problem ist laut ihm die Semantik des Spiels. Denn die Algorithmen erkennen diese nicht immer. Ein Beispiel von ihm: Ein Spieler trifft die Flanke nicht richtig und dadurch wird sie zum Torschuss. "Jeder wird erkennen, dass er eigentlich eine Flanke schlagen wollte. Diese Intention kann die Maschine noch nicht erkennen." Man arbeite aber daran, dass das Computerprogramm irgendwann auch automatisch beispielsweise eine Ecke oder einen Einwurf erkennen könne.

3.000.000 Positionsdaten

3.000.000 xy-Positionsdaten werden über das Tracking-System übermittelt. Man kann so Laufwege nachverfolgen, aber auch Geschwindigkeiten, Sprints und Laufdistanzen berechnen. Die Art und Weise, wie die Punkte verbunden sind, ist dabei entscheidend. Bundesligaklubs, die über Impire Daten bestellen, interessieren Gesamtdaten aber weniger, verrät Holzer. "Die haben eigentlich immer spezifische Fragestellungen. Das ist der Job des Analysten. Auf Basis dessen, was auf dem Spielfeld passiert ist, werden bestimmte Situationen ausgesucht, die näher untersucht werden." Was aber angefragt werde, das hänge auch immer vom Trainer ab.

Was mache ich mit der Datenflut nach dem Spiel?

29.10.2011: FC Bayern München gegen 1. FCN, Heatmap FC Bayern

Alleine die Daten helfen aber nicht weiter, wenn man sehen will, wie ein Spiel verlaufen ist. So ist die Nachricht vom 1. Spieltag in der Saison 2011/12, dass Lukas Podolski der lauffaulste Spieler der Liga war, zwar statistisch richtig. Aber auf seine Leistung kann man deshalb noch lange nicht schließen. "Laufleistung ist gleich Leistung – das ist nicht richtig", sagte so passend auch der damalige Bayern-Coach Jupp Heynckes auf einer Pressekonferenz. Die Frage ist längst, was man daraus macht, das sagt Martin Lames, Sportspielforscher an der Technischen Universität München. Je größer nämlich die Datenflut, desto wichtiger wird es zu wissen, nach was man sucht und wie man es einsetzt.

Bei der Spielanalyse zählt Qualität statt Quantität

29.10.2011: FC Bayern München gegen 1. FC Nürnberg. Heatmap 1. FC Nürnberg

"Das große Problem zur Zeit ist, dass man die richtigen Filter findet. Es stellt sich heraus, dass es darum geht, spezifische Situationen zu isolieren und die Auswertung für diese Situationen zu machen", so Martin Lames, Lehrstuhlinhaber für Trainingswissenschaft und Sportinformatik an der TU München. So sei es zum Beispiel für die Nachbereitung interessant zu sehen, wie die Laufgeschwindigkeit bei einem Tempo-Gegenstoß beim eigenen Team war. Qualitativ statt quantitativ könnte man die Aufgabe zusammenfassen. Auf dem Weg von den Rohdaten zur richtigen Analyse tummeln sich inzwischen eine Reihe von Anbietern, die bei der Auswertung helfen.

Einsatz von Spielanalyse

Eine Torszene im Spiel FC Augsburg gegen Bayer 04 Leverkusen

Spielanalysefirmen wie Prozone, mastercoach, Impire und Amisco Pro bieten schon seit Jahren Komplettpakete für Klubs an – von der Gegneranalyse mit spielrelevanten Daten bis zur Performance Analyse mit ausgewählten Spielsequenzen zu Leistungsdaten und dem passsenden Computerprogramm. Manche Vereine sind Kunden mehrerer Anbieter. Für die Suche nach den richtigen Daten haben aber Bundesligavereine auch eigene Spielanalysten oder kooperieren mit Instituten.

Daten für die Taktik

Wie ist die eigene Mannschaft?

Wie wurde die Taktik umgesetzt? Was hat geklappt? Wie hat das Team von der Verteidigung auf Angriff umgeschaltet? Spieldaten könnten richtig aufbereitet die Analyse der eigenen Leistung verbessern. Und das auch über das Spiel hinaus. Auch in die Trainingssteuerung reicht die kontinuierliche Datenerfassung. Mit Trackingsystemen auf Basis von GPS-Sendern können so "Performance"-Daten auch im Training erhoben werden.

Was macht der Gegner?

Die eigene Taktik wird besser, je besser der andere Gegner analysiert wird. Dabei geht es eher um Tendenzen beim Gegner oder Verhalten in besonderen Situationen. Was aber genau wichtig ist, das kommt immer auf den Gegner und die eigene Spielphilosophie an. Empirische Studien, die einen Nutzen belegen, gibt es laut Sportspielforscher Daniel Memmert von der Deutschen Sporthochschule Köln zwar nicht, aber Vorwissen sei immer von Vorteil. Dass die Saison 2011/2012 so spannend war, sieht Memmert zu einem gewissen Teil darin begründet, dass auch kleinere Klubs immer professioneller die Spielanalyse anwenden: "Ein Faktor ist sicherlich, dass sich die Klubs alle auf einem immer angleichenderen Level auf den Gegner vorbereiten."

Welchen Spieler holen wir?

Die Aufbereitung von Leistungs- und Spieldaten kann natürlich auch Tipps außerhalb des Spielfeldes liefern, wenn es darum geht, neue Spieler anzuwerben. Klubs wie der HSV Hamburg arbeiten zum Beispiel nicht nur mit traditionellen Scouts, sondern auch mit einem technischen Scout wie Steven Houston zusammen. Es gibt auch Konzepte wie das Sportslab des 1. FC Köln. Das Sportslab bereitet Daten von der Leistungsdiagnostik bis zur Gegneranalyse für den Verein auf.

Was macht die Leistung eines Spielers aus? Welche Daten machen Taktik und Spielweise sichtbar? Auch die Wissenschaft interessiert sich für das, was die Daten über das Spiel aussagen können. Forscher wie Martin Lames suchen neue Programme, um die Wichtigkeit des Spielers im Mannschaftsgefüge zu beschreiben. Mit der richtigen Analyse kann man so zum Beispiel aus den Spielerpositionsdaten die taktische Grundeinstellung berechnen. Und auch wie die Mannschaft zusammen agiert, versucht Lames sichtbar zu machen.

Verstehen wir Fußball besser dank Daten?

Ein Ansatz als Beispiel: Bei beiden Mannschaften in einem Spiel wird die mittlere Position aller Spieler berechnet und durch die Bewegungen der beiden Schwerpunkte kann man sehen, wie die Teams aneinander gekoppelt sind. "Da haben wir zum Beispiel herausgefunden, dass bei hochklassigen Spielen die Mannschaften enger gekoppelt sind, als bei weniger hochklassigen Spielen", sagt Lames. Und das sei ein Zeichen für eine gute taktische Einstellung auf den Gegner. Aber auch in der Praxis wird die Suche nach den richtigen Daten immer ausgeklügelter. Wird das Spiel dadurch durchschaubarer?


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