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Riesenmuscheln Die Giganten unter den Muscheln

Riesenmuscheln und Steckmuscheln bilden große Perlen, halten sich mit goldenen Fäden am Meeresgrund fest und ihr Fleisch kann man essen. Doch sie sind vom Aussterben bedroht: durch Klimawandel, Wasserverschmutzung und eingeschleppte Arten. Um sie zu retten, beginnen Forscher sie zu züchten.

Stand: 05.12.2018

Große Riesenmuschel - Tridacna gigas | Bild: picture-alliance/dpa/WILDLIFE/W.Fiedler

Beide Muscheln - die Große Riesenmuschel und die Edle Steckmuschel - sind besondere Meerestiere. Wegen ihrer riesigen Perlen hat sie der Mensch seit jeher gesammelt und aufgebrochen - und damit fast ausgerottet. Die Große Riesenmuschel Tridacna gigas gehört zu den Herzmuscheln und hat zwei symmetrische, herzförmige Klappen, die stark gewellt sind. Sie lebt im Roten Meer oder im Pazifik, in den Korallenriffen vor Australiens Nordostküste beispielsweise. Riesenmuscheln setzen sich bereits als Larve in eine Riffspalte und bleiben da ihr Leben lang. Denn dort ist die bis zu 300 Kilo schwere Muschel vor Stürmen geschützt.

Muschel lebt in Symbiose mit Mikroalgen

Die Riesenmuschel liebt seichtes, warmes Wasser mit viel Sonneneinstrahlung, weil dort einzellige Algen leben, die die Muschel mit Zucker versorgen. Die Muscheln bieten den Mikroalgen wiederum Kohlendioxid und ein geschütztes Zuhause zum Leben. Riesenmuscheln sitzen aufrecht im Riff, das heißt mit der Öffnung nach oben, damit sie und ihre Gast-Algen viel Sonnenlicht abbekommen.

Klimawandel bedroht die Riesenmuschel

Ist dieses Zusammenspiel gestört, zum Beispiel beim zyklisch auftretenden Klima- Phänomen El Niño, dann leidet die Muschel: Ohne ihre Mikroalgen hat die große Muschel ein Problem, denn sie braucht Nährstoffe, und zwar eine Menge. Das Meerwasser im Riff ist extrem nährstoffarm, hat wenig Plankton und ist deshalb so glasklar. Taucher freut das, aber für so große Organismen wie die Riesenmuschel schwimmt zu wenig Nahrung im Wasser. Und das sieht man ihr dann an: Sie bleicht aus und verhungert, ein Phänomen, das man auch von Korallen kennt.

"Also diese Muschel besteht eigentlich aus einem sehr großen Mantel und unter dem Mantel ist dieser Muskel, der die beiden Schalen entweder aufdrückt oder wieder schließt. Und dazwischen liegen die Organe. Und gleich unter der ersten Schicht des Mantels liegen diese absolut kleinen Kanäle, wo diese Algen drin stecken. Und das ist deswegen so, damit die kleinen Algen, die ja noch im Gewebe sind, trotzdem die Chance haben, Licht aufzunehmen, damit sie Fotosynthese betreiben können."

Meeresbiologe Bela Buck während eines Forschungsaufenthalts in Australien

Edle Steckmuschel liefert kostbare Muschelseide

Die Edle Steckmuschel Pinna nobilis dagegen ist aus der Familie der Austernmuscheln und hat eine lange, eher schmale Form. Die Schale der Edlen Steckmuschel ist rötlich-braun, ihr Inneres von schillerndem Perlmutt überzogen. Sie ist die größte Muschel im Mittelmeer und kann bis zu 25 Jahre alt werden. Schon in der Antike wurden ihre zwanzig Zentimeter langen Goldfäden geschätzt, mit denen sich das Tier im sandigen Grund verankert. Diese sogenannten Byssusfäden verleihen der Muschel Stabilität. Eine erwachsene Muschel produziert nicht mehr als zehn Gramm davon. Die Menschen haben die Fasern jahrhundertelang zu Meerseide versponnen und damit weiche, kostbare Kleidungsstücke gewebt oder gestrickt.

Parasit bringt größte Muschel Europas in Gefahr

Der Bestand der Edlen Steckmuschel im Mittelmeer ist stark gefährdet. Ein Parasit zerstört die Muscheln.

Neben dem Fleisch, das schon die alten Griechen und Sarden gerne gegrillt am Spieß, paniert oder als Steak gegessen haben, haben die Menschen auch die großen, fächerförmigen Schalen gesammelt. Das hat ihrem Bestand ziemlich geschadet. 1992 wurde die Steckmuschel deshalb unter Schutz gestellt. Neuerdings ist das Tier einer anderen Bedrohung ausgesetzt. Seit Herbst 2016 registrieren Meeresbiologen und Hobbytaucher ein Massensterben der Edlen Steckmuschel an der spanischen Mittelmeerküste. Vor Andalusien, Murcia, Valencia und den Balearen sind so gut wie alle Tiere tot, nur in Katalonien gibt es noch gesunde Kolonien. Die Ursache ist mittlerweile bekannt: Ein Parasit namens "Haplospiridiumpinnae" nistet sich in der Verdauungsdrüse des Tieres ein, vermehrt sich dort und zersetzt das Gewebe. Die Edle Steckmuschel verhungert.

Inzwischen sind auch Teile der Gewässer vor Frankreich, Italien und Griechenland betroffen. Die Wissenschaftler wollen herausfinden, wie sich der Parasit verbreitet. Eine Theorie besagt, dass er sich durch Phytoplankton ausbreitet, die Nahrungsquelle der Muscheln, aber genau weiß das bislang niemand.

"Normalerweise haben Parasiten von Natur aus keinen Nutzen davon, ihrem Wirt zu schaden, denn sie sind von ihm abhängig."

Pantelis Katharios, Meeresbiologe am Hellenic Centre for Marine Research (HCMR)

Resistente Muscheln in Tanks züchten

Meeresbiologen bemühen sich, die Giganten unter den Muscheln zu züchten und sie so zu erhalten. Im Oktober 2017, ein Jahr, nachdem die tödliche Krankheit entdeckt worden war, wurden 215 scheinbar gesunde Muscheln vor der Nordküste Kataloniens vorsichtig vom Grund gelöst, in große Meerwasser-Tanks verpflanzt und auf verschiedene Forschungsinstitute an der spanischen Mittelmeerküste verteilt. So hoffen die Wissenschaftler die Giganten unter den Muscheln noch zu retten.

"Vor allem wollen wir sie am Leben erhalten, und zwar für immer. Dann wollen wir lernen, wie man sie in Gefangenschaft züchtet. Wir brauchen Larven, um mehr über die Krankheit zu erfahren und auch, weil wir sie später wieder im Meer ansiedeln wollen. Letztlich wollen wir so weit kommen, dass wir resistente Exemplare aussetzen können."

Jose Rafael García, Meereswissenschaftler in Alicante

  • Riesen unter den Muscheln - Steckmuscheln und Co.: radioWissen, 4. Mai 2018, 9.05 Uhr, Bayern 2

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