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Plastikfressende Raupe Mottenlarven zersetzen kaum abbaubares Plastik

Der Zufall brachte es zutage: Larven der Großen Wachsmotte fressen den für Plastiktüten verwendeten Kunststoff. Dabei ist dieses Polyethylen (PE) kaum biologisch abbaubar. Forscher hoffen nun herauszufinden, wie den gefräßigen Raupen das gelingt.

Stand: 24.04.2017

Larven der Großen Wachsmotte (Galleria mellonella) fressen Kunststoff Polyethylen  | Bild: Federica Bertocchini/Paolo Bombelli/Chris Howe/dpa

Was für ein Molekül oder Enzym besitzt die kleine Raupe der Großen Wachsmotte (Galleria mellonella), dass sie handelsübliche Plastiktüten relativ zügig zersetzen kann? Vor dieser Frage stehen spanische Forscher. Sie berichten im Fachmagazin "Current Biology" im April 2017, wie schnell die Larven das Plastik vernaschen. Diese Entdeckung ist einer zufälligen Beobachtung einer Biologin der Universität in Santander zu verdanken, die auch gleichzeitig Hobbyimkerin ist.

Larven fressen sich durch

Raupe Nimmersatt: die Larven der Großen Wachsmotte fressen Plastiktüten

"Ich beschäftige mich beruflich mit Hühnerembryos, bin aber Hobby-Bienenzüchterin", erklärte die Wissenschaftlerin Federica Bertocchini, die an der Studie beteiligt ist. Sie lebt im nordspanischen Santander und arbeitet an der dortigen Universidad de Cantabria. Bei der Säuberung eines Bienenstocks habe sie plötzlich "diese Würmchen" entdeckt, "die sich von Pollenresten ernähren und für uns Imker wie die Pest sind", so Bertocchini. Genervt warf die Italienerin die Larven in eine Plastiktüte. "Nach einer Weile war der Beutel voller Löcher und die Larven draußen!"

Große Wachsmotte

Ein Kleinschmetterling: die Große Wachsmotte – auch Bienenwolf genannt

Die Große Wachsmotte zählt zur Familie der Zünsler, von denen es in Mitteleuropa rund 145 Arten gibt. Der Kleinschmetterling wird nur etwa zwei bis vier Zentimeter groß und ist nachtaktiv. Die Tage verbringt er häufig in Bienenstöcken, wo er auch seine Eier ablegt. Junge Raupen ernähren sich von Bodenmull, ältere von Pollenresten und Bienenwachs. Für die Imker sind Große Wachsmotten in vielerlei Hinsicht eine Last: Sie fressen Honigwaben, spinnen die Brut von Bienen ein und können Krankheiten übertragen.

Mit dieser Beobachtung begann die Forschungsarbeit der Wissenschaftlerin und ihrer Kollegen über die Raupen. Dabei fanden sie heraus, dass rund 100 Wachsmotten-Larven in zwölf Stunden etwa 92 Milligramm einer normalen Einkaufstüte fressen können.

"Das ist ein sehr schneller Abbau, schneller als alles, was zu diesem Thema bisher wissenschaftlich veröffentlicht wurde. Wir vermuten, dass für diese schnelle Zersetzung ein Molekül oder Enzym verantwortlich ist, das wir zu isolieren versuchen werden."

Federica Bertocchini, Biologin an der Universidad de Cantabria, Satander

Die Wissenschaftlerin hofft nun, dass man dieses Enzym in großen Umfang produzieren und nutzen kann, um Plastikmüll abzubauen. Damit hätte der Fund "Potenzial für bedeutende biotechnologische Anwendungen", heißt es in der Studie.

Pilze, Bakterien – und nun Larven

Recycling von PET-Flaschen, Kunststoff | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Plastikmüll-Abbau Forscher verbessern zufällig ein plastikfressendes Enzym

2016 entdeckten japanische Forscher ein plastikfressendes Bakterium. Eine Sensation! Wissenschaftler aus den USA und Großbritannien nahmen sich das Bakterium vor und untersuchten seine Funktionsweise. Durch Zufall bauten sie dabei eins seiner Werkzeuge, ein Enzym, neu und machten es effektiver. [mehr]

Auch andere Organismen wie Pilze oder Bakterien sind bekannt dafür, dass sie Kunststoffe abbauen können. Erst 2016 wurde am japanischen Kyoto Institute of Technology ein Bakterium namens Ideonella sakaiensis entdeckt, das PET-Flaschen verdauen kann. Doch wie andere zuvor entdeckte "Plastikfresser" ist auch Ideonella weit davon entfernt, eine Lösung für das globale Problem mit dem Plastikmüll zu liefern. Unter optimalen Bedingungen und bei Temperaturen um die 30 Grad Celsius braucht es etwa sechs Wochen, um ein kleines Stück Polyethylenterephthalat (PET) zu zersetzen.

Abbau des Plastikmüllbergs möglich?

Da ist die Wachsmotten-Raupe beim Abbau von Polyethylen (PE) deutlich schneller. Dieses aus Erdöl hergestellte synthetische Polymer werde vor allem zur Herstellung von weltweit rund einer Billion Tüten pro Jahr benutzt – eine Menge die insgesamt rund 60 Millionen Tonnen Plastik entspräche, erklärte Bertocchini. Plastik ist biologisch kaum abbaubar. Die Zersetzung kann mehrere Jahrhunderte dauern. Die Hoffnung wäre nun, dass die Raupe dabei hilft, diesen Abbau voranzutreiben. Damit der Plastikmüll eben nicht in der Umwelt landet.


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Zukunftsfähig, Samstag, 18.November, 09:04 Uhr

7.

Schon erstaunlich, dass der Mensch immer zuerst etwas produziert, von dem er gar nicht weiß, wie er es wieder loswerden soll.
Konsequenterweise sollte es gesetzliche Regelungen geben, dass ein Produkt erst dann in Umlauf gebracht oder produziert werden darf, wenn die Beseitigung gesichert ist. Leider gibt es kein vorausschauendes Verhalten mehr. Aber nicht mehr lange und die Natur wird sich rächen. Leider auf Kosten unserer Kinder und Enkel.

Markus, Freitag, 28.April, 10:50 Uhr

6. Recycling???

Selbst wenn es gelingt das Enzym der Larve kommerziell herzustellen, was soll das für die Umwelt bringen?
Problematisch ist ja nicht der Müll, der schon gesammelt wurde. Dafür gibt es günstige und effektive Recyclingmethoden. Problematisch sind die Abfälle, die in Wäldern, Gewässern und Meeren landen. Die Larve oder das Enzym dort einzusetzen ist nicht möglich.
Viel effektiver wäre es, das Bewusstsein der Bevölkerung für die Folgen von achtlosem Wegwerfen der Zigarettenkippe oder der Fast-Food-Tüte am Straßenrand zu wecken. Oder das Aufkommen und Recyceln von Industrieabfällen zu optimieren.
Außerdem brauchen wir Deutschen uns beim Recycling von Kunststoffen gar nicht zu verstecken. Es werden über 97% der Kunststoffabfälle recycelt und weniger als 3% landen in Deutschland auf der Deponie. Andere europäische Länder sind da weit abgeschlagen (z.B. Frankreich mit 55% Recyclingquote; Italien mit 45%; Großbritanien mit nur 26%, um nur einige Beispiele zu nennen). Weltweit (besonders in

Bechteler Barbara, Mittwoch, 26.April, 09:59 Uhr

5. Plastikfressende Mottenraupen

Sehr interessant!!
Ich bin zwar keine Virologin oder Mikrobiologin - ABER diese Fähigkeit von Mottenraupen beobachte ich unfreiwillig schon seit Jahren!!
Als Verwerterin von naturbelassenen Bio-Lebensmitteln erlebe ich es immer wieder, dass bei nicht abgelaufenem Haltbarkeitsdatum bei bestimmten Lebensmitteln, die sich Plastik- oder Zellophanbeuteln befinden (z.B. Nüsse oder Getreide) Mottenlarven entwickeln und sic diese bequem durch die Tüten fressen - zum Teil mittels vieler großer Löcher! Bedeutet jedes Mal: alles ausräumen und vernichten!!
Mit freundlichen Grüßen

Harald, Dienstag, 25.April, 08:37 Uhr

4. Seltsame Bilderauswahl

Ausgerechnet Lego kommt als erstes Bild ins Blickfeld. Klar ist es Plastik, aber nicht das typische Wegwerfprodukt.
Dabei wird wohl Lego eher an Bekannte weitergegeben oder auf dem Flohmarkt verkauft, statt weggeworfen.
Jaja, so arbeitet der Journalismus, mit bunten, marktschreierischen Aufmachern, damit die Leute hinschauen.

  • Antwort von Terblian Rianitsu, Mittwoch, 26.April, 09:55 Uhr

    Noch dazu wird Lego gar nicht aus PE hergestellt. Wikipedia benennt hier Acrylnitril-Butadien-Styrol-Copolymerisat https://de.wikipedia.org/wiki/Copolymer.
    Kunststoff ist eben nicht gleich Plastik.
    grüße

Helga Eberl, Montag, 24.April, 23:03 Uhr

3. Verwertung von Plastikmüll

Ist ja toll,
das nicht nur Menschen von Müll leben sondern nun auch eine Tierart!
Interessehalber würde mich der Werdegang Ausscheidung der Wachsmotte -Raupe neugierig machen, ist dies
dann als Gift-Produkt für Unkraut
oder
Art Dünger egal für welche zwecke im Außenbereich (Garten) eventl. zu verwenden?
Wie vermehrt (über Eier/Larven ...usw.) sich diese Wachsmotte -Raupe und in welchen Gebieten/Region kommt sie vor . ?

Kontrolliert unter Aufsicht bei nützlicher Verwertbarkeit.!
Zum Beispiel: Seidenraupe ist ein gutes, wertvolles, teures, kleines nützliches Tier bzgl. Seidentücher - kühlend; Bekleidung egal welche Art u.a. ...
Oder kann dieses Tier auch zur Plage werden?

  • Antwort von Selim, Dienstag, 25.April, 16:14 Uhr

    Wäre auch noch interessant:
    sind die Tiere noch vermehrungsfähig, wenn sie sich von Plastik ernährt haben?
    Oder müssen ständig neue nachgezüchtet werde, die nicht aus Plastikdiät stammen.
    Weil sonst könnte man ja schreien: Juhuuuuu! Der Plastikwahn kann weiter gehen! Lasst die Motten ran, dann wird alles, alles gut!