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Ratten Die Hunde des kleinen Mannes

Auf den ersten Blick sind sie wirklich keine Schönheiten, die dicken Ratten mit ihrem langen unbehaarten Schwanz, die sich in dunklen Ecken herumtreiben. Aber statt einem "Iiih" könnten sie Ihnen künftig auch ein "Oooh" entlocken.

Stand: 24.01.2019

Manchmal sieht man einen großen dunklen Fleck mit einem langen Schwanz um die Ecke huschen und in irgendeinem dubiosen Versteck verschwinden: eine Ratte! Statt Verzücken ins Gesicht zaubert sie den meisten Betrachtern Gänsehaut auf den Arm. Aber warum eigentlich?

"Wenn man sich den Ratten öffnet und sich den Ratten aufschließt, dann wird man auch merken, dass das super, super, super Tiere sind."

Karin Lauscher, Rattenzüchterin

Schmusetiere mit markantem Geruch

Ratten werden auch die "Hunde des kleinen Mannes" genannt. Mit Meerschweinchen und Goldhamstern können sie locker mithalten.

Karin Lauscher züchtet Ratten - im 15. Stock eines Hochhauses in Potsdam. Dort leben die Tiere in Käfigsystemen und dürfen einmal täglich die Wohnung erkunden. Stubenrein sind sie nicht, dafür bringen sie ihr eigenes Aroma mit: Als "nussig" wird es in einem Buch für Heimtierrattenhalter beschrieben. Karin Lauscher stört der Geruch nicht. Für sie sind Ratten keine Ekel-, sondern schlaue Schmusetiere.

"Ratten sind Tiere, die eine innige Freundschaft zum Pfleger aufbauen können. Wenn die Ratten einem ihr Herz geschenkt haben, dann gehört einem das wirklich bis zum Lebensende."

Karin Lauscher, Rattenzüchterin

Von der Wanderratte zum Haustier

Zoologische Systematik

  • Ordnung: Nagetiere
  • Unterordnung: Mäuseverwandte
  • Familie: Langschwanzmäuse
  • Gattung: Ratten
  • Art: Hausratte, Wanderratte, Laborratte, Heimtierratte

Ratten gehören zu den Nagetieren. Weltweit gibt es mehr als sechzig Rattenarten, die meisten davon in Südostasien, Neuguinea und Australien. Die Tiere, die bei uns als Haustiere gehalten werden, sind sogenannte Farbratten. Sie stammen von Laborratten ab und die wiederum von der Wanderratte. Wanderratten sind graubraun, werden bis zu einem Pfund schwer und rund dreißig Zentimeter lang, dazu kommt der fast ebenso lange Schwanz. Oben und unten besitzt der Allesfresser mit Vorliebe für fleischliche Kost je zwei imposante Nagezähne. Eine Wanderratte bringt in einem Wurf meist acht oder neun Junge zur Welt, es können aber auch mal zwanzig sein. Die Kleinen wiegen fünf bis sieben Gramm, sind nackt und blind. Mit 22 Tagen verlassen sie das Nest, nach zwei bis drei Monaten sind sie selbst wieder geschlechtsreif.

Unsere heimlichen Nachbarn: Wanderratten

Mittlerweile sieht man Wanderratten häufiger laufen als Hausratten.

Wanderratten sind in Deutschland verbreiteter als Hausratten. Hausratten sind kleiner und dunkler. Ihre Schnauze ist spitzer und sie bevorzugen vegetarische Kost. Meist leben sie auf Dachböden, gerne auf dem Land. In den vergangenen Jahrzehnten wurden sie jedoch weitgehend verdrängt. Immer mehr alte Gebäude werden saniert, Dächer ausgebaut und gedämmt. Die veränderte Art der Vorratshaltung und die Silos in der Landwirtschaft machen es den Hausratten schwer, Nahrung zu finden. Die Wanderratten dagegen sind unsere heimlichen Nachbarn in den Städten. Schätzungen zufolge gibt es in Großstädten so viele Wanderratten wie Menschen: in den Kanalsystemen unter Häusern und Straßen, in Kellern von Altbauten, in der Nähe von Mülltonnen, in alten Fabriken und Lagerhäusern. Sie verbergen sich geschickt und passen sich ihren zweibeinigen Nachbarn an.

"Ekeltiere wären eigentlich nur die Kanalratten. Und da ist es so, dass es uns wahrscheinlich ekelt, dass die Ratten in den Fäkalien des Menschen herumlaufen und sich davon wahrscheinlich auch ernähren."

Rainer Hutterer, Rattenexperte am Zoologischen Museum in Bonn

Vom Essensdieb zum Ekelvieh

Du Ratte!

Ganz und gar nicht rattenscharfe Schimpfwörter und Redewendungen gibt's viele:

  • feige, hinterhältige, gemeine, boshafte, stinkende, alte Ratte
  • im Bairischen ist von der "Ratz" und "verratzt" die Rede
  • Landratte
  • Rattenpack
  • jemand sieht aus wie eine Ratte
  • Ratten verlassen das sinkende Schiff zuerst
  • ein Rattenschwanz an Problemen
  • ein Rattenloch als schlimme Behausung

Zu Ekeltieren wurden Ratten in einer langen kulturellen Tradition gemacht. Sie dienen als widerwärtige Statisten oder gar selbst als Angreifer in Filmen und treiben in der Literatur ihr Unwesen. Eine reale Grundlage hat der derart transportierte Ekel vor Ratten darin, dass Ratten mit uns um Nahrung konkurrieren und Krankheitserreger in sich tragen können. "Ratten können durchaus große Schäden anrichten, vor allem in der Vorratshaltung, in Getreidespeichern und anderen landwirtschaftlichen Betrieben. Kot und Urin machen das Getreide unbrauchbar. Sie fressen eine ganze Menge weg und bauen ihre Nester darin", sagt Rainer Hutterer, Rattenexperte am Zoologischen Museum in Bonn. Tatsächliches Unheil brachten Ratten früher: die Pest. Sie wurden vom Pestfloh infiziert und brachten die Flöhe unter die Menschen, die sich dann wiederum gegenseitig ansteckten.

Fallen und Gift stören Ratten wenig

Fallen und Giftköder töten bestenfalls eine Ratte. Die übrigen Tiere lernen daraus.

Rattenfallen helfen nicht nur wenig, sie machen die Ratten nur stärker: Die Tiere, die von den Fallen nicht gleich getötet werden, warnen die anderen. Frisst eine Ratte Gift, schreckt der sterbende Nager die anderen ab, indem er den Köder mit Kot und Urin markiert. Rainer Hutterer kennt aber noch ganz andere Fälle: "Es gibt Bereiche in Nordwestdeutschland, wo die Wanderratten unempfindlich geworden sind gegen Rodentizide, sodass das Rattengift nicht mehr wirkt. Und das muss man sich so vorstellen, dass die Tiere, die überleben, selektiert werden. Dadurch wird der Anteil der Tiere, die genetisch gegen diese Rattengifte immun sind, erhöht. So erzeugt man in kurzer Zeit Rattenpopulationen, die man nicht mehr mit Gift bekämpfen kann." Besser vorsorgen: Abfälle an sicheren Orten aufbewahren, keine Essensreste in den Hauskompost werfen, Rohrleitungen in Ordnung halten und keine wildlebenden Tiere füttern.

Als Laborratte gut genug

Sie vermehren sich schnell, sind günstig zu haben und zu halten. Ratten müssen deshalb häufig für Versuche herhalten.

Dass Ratten Ekel und Abwehr auslösen, senkt die ethischen Grenzen, mit ihnen zu experimentieren. Dass sie sich noch dazu schnell vermehren und preiswert zu halten sind, macht sie zu oft genutzten Versuchstieren: Allein in Deutschland werden schätzungsweise eine halbe Million Ratten pro Jahr für medizinische Experimente "verbraucht", wie es die Fachleute nennen. "Es gibt über hundert Stämme von Laborratten, die für bestimmte Zwecke gezüchtet werden. Die werden sozusagen als Inzuchtstämme gehalten, damit sie immer dieselben Eigenschaften und das Aussehen behalten, die gebraucht werden", erzählt Rainer Hutterer. An sogenannten Krebsratten wird zum Beispiel die Krebsgefährlichkeit von bestimmten Stoffen getestet.

Ratten kuscheln gerne

Ratten werden oft unterschätzt. Den Ekelstempel haben sie eigentlich nicht verdient.

Von den Laborratten stammen die als Haustiere gehaltenen Farbratten ab, die sehr krankheitsanfällig sind. Häufig sterben sie an Tumoren und Atemwegserkrankungen und sind vermutlich auch weniger intelligent als wildlebende Wanderratten. Aber sie suchen immer noch Körperkontakt: "Eigentlich ist das bei allen Nagetieren und bodenlebenden Tieren angelegt: Sie leben in einem Gangsystem aus engen Tunneln, die sie gegraben haben. Da haben sie überall Körperkontakt und ihre Haare fungieren auch als Tastinstrumente, sie können damit ihre Umgebung abtasten. Insofern haben alle diese Nagetiere, die im Boden leben, eine gewisse Tendenz zum Körperkontakt", weiß Rattenexperte Rainer Hutterer.

Kleine, kluge, kreative Gottheiten

In Indien werden Ratten sogar verehrt: In Deshnok, nahe der pakistanischen Grenze, gibt es den hinduistischen Karni-Mata-Tempel, in dem schon seit dem 14. Jahrhundert Ratten gehuldigt wird. Mittlerweile werden hier rund 20.000 Nager gehalten und gefüttert, weil dem Glauben nach die Seelen der verstorbenen Kinder in den Tieren wiedergeboren werden. In China gelten Ratten als kreative, kluge Tiere. Im Astrologie-Kalender gibt es sogar das Jahr der Ratte. In vielen Ländern werden Ratten und andere Nagetiere gejagt, weil ihr Fleisch als schmackhafte Nahrung geschätzt wird. Im abendländischen Kulturkreis ändert sich allmählich das Bild der Ekelratte. In Kinderbüchern tauchen vermehrt "gute" Ratten auf. Über die Leinwand wuseln mittlerweile auch lustige, schlaue Gesellen, die selbst spitzenmäßig kochen.

"Sie stechen jedes Meerschweinchen, jedes Kaninchen und jeden Goldhamster aus, weil sie wirklich intelligent sind. Unter Rattenfreunden haben sie auch den Spitznamen 'Der Hund des kleinen Mannes'."

Karin Lauscher, Rattenzüchterin

Der Rattenclan hält zusammen

Ratten beknabbern und putzen sich gegenseitig. Ein Liebesbeweis.

Ratten sind nicht nur schlau, sondern auch sozial. Sie leben in Familienverbänden - in Clans aus einem starken und einigen schwächeren Männchen und einer großen Zahl von Weibchen. Die Mitglieder erkennen sich am Geruch. Stärkere Tiere überlassen schwächeren und Jungtieren den Vortritt beim Fressen, um den Fortbestand des Clans zu sichern. Dass sich die Nager umeinander kümmern, kann auch Rattenzüchterin Karin Lauscher bestätigen: "Ich habe das schon erlebt, wenn ein Tier alt oder gebrechlich ist, dass der Freund oder die Freundin ihm Futterbrocken gebracht hat, sodass es sich nicht zum Futternapf bewegen muss, sondern gleich in der Hütte fressen kann." Clanfremde Tiere werden oft durch Geräusche im Ultraschallbereich vertrieben und nur dann angegriffen, wenn sie nicht verschwinden. Heimtückisch und gemein sind sie also nicht. Stattdessen liebevoll, wie Karin Lauscher erzählt:

"Sie zeigen einem auch Zärtlichkeiten. Sie pusten einem sanft ins Gesicht und knabbern ganz vorsichtig an der Hand. Das ist ein Liebesbeweis. Das heißt, sie putzen einen, sie beknabbern sich gegenseitig. Sie pusten einem in die Ohren. Und sie können unglaublich zart sein."

Karin Lauscher, Rattenzüchterin

  • Radiowissen "Die Ratte: Zwischen Pest, Versuchslabor und Tempeltier", Bayern 2, 12.08.2016, 9.05 Uhr
  • Planet Wissen "Ratten - Müssen wir Angst vor ihnen haben?", ARD-alpha, 26.05.2017, 15.00 Uhr und 24.11.2017, 15 Uhr
  • Faszination Wissen "Ratten: Müssen wir Angst vor ihnen haben?", BR Fernsehen, 13.06.2017, 22.00 Uhr

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