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Privatschulen Der Run auf die freien Schulen

Privatschulen sind nach wie vor beliebt. In Bayern besucht laut Verband Deutscher Privatschulverbände schon jeder siebte bayerische Schüler eine solche Einrichtung. Was ist dran an den Privaten?

Von: Roland Münzel

Stand: 19.07.2016

Privatschulen in Bayern | Bild: picture-alliance/dpa

Privatschulen in Bayern

Die Anzahl der privaten Schulen ist in den vergangenen Jahren gewachsen, von 1.221 im Jahr 2010 auf 1.329 im Jahr 2015. Die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die diese Privatschulen besuchen, allerdings nicht. So haben 2015 insgesamt 206.334 Schülerinnen und Schüler private Schulen in Bayern besucht, fünf Jahre zuvor waren es noch 211.413. (Quelle: Stat. Landesamt, Tabelle "Die Bayerischen Schulen im Schuljahr 2014/2015" - ohne Berufsschulen, © VBP)

Die Nachfrage der Eltern nach Privatschulen ist ungebrochen: Familien melden ihre Kinder an einer privaten Schule an, um ihnen eine möglichst gute Startposition ins Berufsleben zu sichern. Es gibt viele Gründe, warum sich Familien für eine private Schule entscheiden: der Wunsch nach einer konfessionellen oder reformpädagogischen Ausrichtung, der ausgezeichnete Ruf einer Schule oder aber die Sorge, das Kind könnte irgendwann den Sprung aufs Gymnasium nicht schaffen. Dem staatlichen Bildungsangebot stellen diese Eltern meist ein schlechtes Zeugnis aus.

Was die Privaten anders machen

Häufig verfügen Privatschulen über kleinere Klassen und eine bessere Ausstattung.

Nicht allein die vermeintlich besseren Chancen für ihre Kinder machen die Privaten so attraktiv für Eltern: Nach Angaben der Schulen sind es ebenso die Ganztagsangebote, kleinere Klassen, motivierte Lehrer, bessere Ausstattung, individuelle Betreuung und ein an der Begabung des Kindes ausgerichteter Unterricht. Hinzu kämen ein Mitspracherecht der Eltern, ein gutes Schulklima und vor allem überzeugende pädagogische Konzepte, die das Kind in den Mittelpunkt stellen oder alternative Lernmethoden, die sich an Erkenntnissen der modernen Lernforschung ausrichten. Das Schulgeld kann allerdings - je nach privatem Schultyp - monatlich einen zwei- bis vierstelligen Eurobetrag kosten.

Privatschulen im Überblick

Private Schulen in Bayern

Privatschulen gibt es sowohl im allgemeinbildenden als auch im berufsbildenden Bereich. Allgemeinbildende Schulen können zum Beispiel Grundschulen, Hauptschulen, Realschulen, Gymnasien, Förderschulen oder Internationale Schulen sein.

Wie andere Bundesländer unterscheidet auch Bayern bei den Privatschulen zwischen Ersatzschulen und Ergänzungsschulen. Letztere finden sich vor allem im berufsbildenden Bereich, wo es für manche moderne Berufe keine staatliche Ausbildungsmöglichkeit gibt. Auch die internationalen Schulen sind Ergänzungsschulen und erhalten deshalb ebenfalls keine staatliche Förderung. Anders die Ersatzschulen, die in ihren Bildungs- und Erziehungszielen öffentlichen Schulen im Freistaat entsprechen, wie etwa Grundschulen, Hauptschulen, Realschulen oder Gymnasien. Diese brauchen eine Genehmigung, stehen unter staatlicher Aufsicht und müssen sich an die Lehrpläne halten.

Was die Abschlüsse an privaten Schulen betrifft, unterscheidet der bayerische Staat zwischen "anerkannten" und "genehmigten" Ersatzschulen. Staatlich anerkannte Schulen können staatliche Abschlüsse wie das Abitur oder die Mittlere Reife selbst vergeben. Staatlich genehmigte Schulen dürfen dies nicht – ihre Schüler müssen diese Abschlüsse in externen Prüfungen erwerben. Bei einem Schulwechsel muss deshalb eine Aufnahmeprüfung abgelegt werden.

Evangelische und katholische Privatschulen

Die katholische und evangelische Kirche erheben den Anspruch, an ihren Schulen eine am christlichen Menschenbild orientierte und in der Tradition der jeweiligen Konfession stehende Bildung und Erziehung zu vermitteln. Der Religionsunterricht nimmt dabei jeweils einen besonderen Stellenwert ein.

Eine im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz durchgeführte Umfrage hat Eltern danach befragt, weshalb sie ihre Kinder auf eine katholische Schule schicken. Die Ergebnisse dürften sich kaum von den Motiven jener Eltern unterscheiden, die sich für eine evangelische Schule entscheiden: An erster Stelle steht laut Studie die Qualität der Lehrkräfte, gefolgt von der Gemeinschaft von Schule und Eltern, der Erziehung zu sozialem Engagement und der individuellen Förderung der Schüler. "Die Auseinandersetzung mit Glaubensfragen und die Einführung in die Glaubenspraxis sind hingegen für die Eltern eher von geringer Bedeutung", zieht die Deutsche Bischofskonferenz Resümee.

Freie Alternativ- und Reformschulen

Als Reaktion auf die Zwangs-Lern-Anstalten am Ende des 19. Jahrhunderts forderten Reformpädagogen "neue, freie Schulen", in der das Kind im Mittelpunkt steht. Schule sollte zu einer Lebensgemeinschaft werden, in der aktive Kinder durch selbsttätiges Lernen zu verantwortungsvollen, mündigen und toleranten Mitgliedern der Gesellschaft erzogen werden.

Immer noch strahlen reformpädagogische Schulen und Bildungskonzepte eine große Faszination aus. Den Eltern kommt es dabei nicht so sehr darauf an, ob die Schule sich an Célestin Freinet, Maria Montessori, Rudolf Steiner, Adolf Reichwein oder Peter Petersen orientiert. Sie wollen vielmehr eine Garantie, dass ihr Kind im Mittelpunkt der schulischen Bildungs- und Erziehungsarbeit steht und nicht der Lernstoff. Montessori-Lehrer helfen dem Kind, es selbst zu tun, Waldorf-Schüler sind unzertrennlich und können nicht durchfallen, Jenaplan-Schulen sind Lebensgemeinschaften. Mit ihrer Pädagogik - sei es durch jahrgangsübergreifende Gruppen oder durch verschiedene Lernformen und Unterrichtsmethoden - knüpfen auch alle anderen freien Alternativschulen an verschiedene Elemente der Reformschulen an.

Internate und Landerziehungsheime

Eltern, die ihre Kinder auf ein Internat schicken, haben manchmal noch den Ruf, ihre Kinder einfach nur abschieben zu wollen. Dabei gibt es auch handfeste Gründe für die Wahl von Schulen mit angeschlossenem Internat: zum Beispiel wenn Eltern viel im Ausland unterwegs sind oder bei einem zu weiten Schulweg. Nicht wenige Eltern überlassen Internaten die schulische Bildung und Erziehung ihrer Kinder wegen der konfessionellen Ausrichtung oder des pädagogischen Konzepts. Oft werden hochbegabte oder lernschwache Kinder individuell betreut.

Die evangelische und die katholische Kirche betreiben neben ihren Schulen auch Internate. Es waren die Dom- und Klosterschulen, die im mittelalterlichen Europa die ersten Internate betrieben. Erst 1905 wurde dagegen die Klosterschule Ettal in Oberbayern gegründet, damals fehlte in der Gegend ein Gymnasium.

Eine besondere Form von Internaten sind die Landerziehungsheime. Sie sind Ende des 19. Jahrhunderts aus einer Bewegung heraus entstanden. Ihr Gründer, der Reformpädagoge Hermann Lietz, kritisierte die bloße Wissensvermittlung der herkömmlichen Schulen. Zu seinem Konzept gehört die Lage auf dem Land, die fern dem als schädlich betrachteten Einfluss der Großstadt eine ganzheitliche Erziehung ermöglichen soll. In Bayern stehen vier Internate in Schondorf, Reichersbeuern, Neubeuern und Stein an der Traun in dieser Tradition.

Darüber hinaus gibt es in Bayern auch private Internate, die sich weder in kirchlicher Trägerschaft befinden noch Landerziehungsheime sind. Darunter sind beispielsweise das Institut Schloss Brannenburg, das Internat Schloss Schwarzenberg in Scheinfeld oder das Montessori-Internat in Eberharting.

Internationale und bilinguale Schulen

Die Franconian International School in Erlangen, die International School Augsburg, die Munich International School und die Bavarian International School in Haimhausen sind Beispiele für internationale Schulen in Bayern. Längst schicken nicht mehr nur die leitenden ausländischen Mitarbeiter von Weltunternehmen ihre Kinder auf eine internationale Schule, sondern auch bildungsbewusste deutsche Eltern, die sich das hohe Schulgeld leisten können.

Die Unterrichtssprache an internationalen Schulen ist Englisch, gelehrt wird nach dem international anerkannten Curriculum der International Baccalaureate Organisation. Das IB-Diplom wird weltweit für die Zulassung zur Universität anerkannt.

Phorms, eine Privatschulkette mit einer Aktiengesellschaft im Hintergrund, hat vor einigen Jahren in München eine bilinguale Schule eröffnet, in der ab der ersten Klasse Englisch gesprochen wird. Dabei betreiben beileibe nicht nur Privatschulen zweisprachigen Unterricht. In Bayern gibt es rund 50 öffentliche Gymnasien, die bilingualen Unterricht in Englisch oder Französisch anbieten. Neben Deutsch wird auch eine Fremdsprache als Unterrichtssprache verwendet.

Sabel, neuhof und Co.

Selbstverständlich gibt es noch weitere Privatschulen in Bayern, die nicht in Kategorien wie Reform- oder Internatsschule passen. Die Sabel-Schulen, die 1896 in Nürnberg von Gustav Adolf Sabel gegründet wurden, sind darunter wohl die bekanntesten. In Bayern sind die Sabel-Schulen in Nürnberg, München und Schongau unter anderem mit Berufsfachschulen, Wirtschaftsschulen und Realschulen vertreten, bieten aber ein noch viel breiteres Spektrum an Schul-, Aus- und Weiterbildung.

In München sind die neuhof-Schulen mit ihren privaten Realschulen und Gymnasien ein Begriff. Sie werben mit kleinen Klassen, engagierten Lehrern und Lust am Lernen um Schüler. Ähnlich die Nymphenburger Schulen – private Ganztagsschulen, die Kinder nach dem Motto "Wir haben Zeit für unsere Schüler!" zur Mittleren Reife oder zum Abitur führen. Abitur plus berufliche Bildung (Abiplus) heißt der Trumpf des Obermenzinger Privatgymnasiums, in dem inzwischen drei Ausbildungen angeboten werden. Und im Schulverbund München am Isartor braucht man vom Kindergarten bis zum Gymnasium nicht einmal das Schulhaus zu wechseln.

Zwischen Elitenbildung und Bildungsanspruch

Privatschulen werden häufig als Hort für die soziale und ökonomische Elite gesehen. Zu Recht?

Manche Bildungsforscher reden bei den Privatschulen von "Klassenschulen", die sich zunehmend für die soziale und ökonomische Elite etablieren und den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungsabschlüssen verfestigen. Auf der anderen Seite kann der Staat hierzulande keine besonderen Erfolge bei der Beseitigung der Bildungsbenachteiligung bestimmter sozialer Schichten vorweisen. So attestierten mehrere OECD-Studien dem deutschen Schulsystem einen auffälligen Zusammenhang zwischen Bildungschancen und sozialer Herkunft.

Individuelle Förderung wird groß geschrieben

Individuelle Förderung ist für viele Eltern der Grund, ihre Kinder in einer Privatschule anzumelden.

Begriffe wie "Motivation" und "individuelle Förderung", die an Privatschulen hervorgehoben werden, treiben viele Eltern dorthin. Eltern wollen ihrem Kind auf einer Privatschule in erster Linie eine andere Bildung ermöglichen. Eine andere Bildung mit anderen Lernformen, die am Kind und seinen individuellen Fähigkeiten ausgerichtet sind, praktizieren insbesondere die reformpädagogischen Schulen, die – neben den kirchlichen Privatschulen – den größten Zulauf haben.


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Oliver S., Freitag, 02.Dezember 2016, 11:20 Uhr

10. Nachvollziehbar ...

Ganztagsangebote, kleinere Klassen, motivierte Lehrer, bessere Ausstattung, individuelle Betreuung, ein an der Begabung des Kindes ausgerichteter Unterricht, Mitspracherecht der Eltern, gutes Schulklima, überzeugende pädagogische Konzepte, alternative Lernmethoden, die sich an Erkenntnissen der modernen Lernforschung ausrichten, etc. sind durchaus Argumente für eine Privatschule, im staatlichen Schulsystem jedoch eher Seltenheit.

Und: Im Staatlichen Schulsystem kann ein Lehrer noch so unfähig sein, trotzdem ist er (oder sie) unantastbar.

Ich würde ja die Klappe halten, wenn das nur mein subjektives Empfinden und das anderer Eltern wäre. Aber wenn sogar die Experten an der Front (Lehrer) das bayerische Schulsystem kritisieren, dann wird wohl was dran sein. Nur unser Kultusministerium macht was es will entgegen Empfehlungen von Fachleuten ... Und vermutlich sind selbst die Lehrer machtlos und halten sich mit Kritik zurück, aus Furcht vor den Reaktionen des Kultusministeriums ...

Truderinger, Freitag, 02.Dezember 2016, 11:18 Uhr

9. Meine Kinder gehen alle,

auf Privatschulen! Mit ein Hauptgrund liegt darin, daß in den Schulen deutsch gesprochen wird.

Christoph, Freitag, 02.Dezember 2016, 10:16 Uhr

8. Keine Ideologie

Ich finde es ermüdend, wenn man sich zum Thema "Privatschulen" nur ideologisch beharkt. Meine ganz persönliche Erfahrung als Vater ist, dass das bayerische staatliche Schulsystems für "schwierige", d.h. vermeintlich nicht leistungsstarke, nicht durchsetzungsfähige oder spät startende Schüler nicht das richtige ist. Da waren wir froh, dass eine private Hauptschule das Potential unseres Sohnes entdeckt hat, er nach einem Jahr aufs Gymnasium wechseln und auch Abitur machen konnte. Alternativen zu haben, kann doch nur gut sein. Eigentlich gar keine Aufregung wert.

Dr. Markus Müller, Freitag, 02.Dezember 2016, 09:51 Uhr

7. Zusammensetzung der Schülerschaft mitentscheidend

Die Zusammensetzung der Schülerschaft spielt auch eine Rolle, insbesondere bei Konfessionsschulen. Diesen Faktor sollte man nicht unterschätzen.

Das Leihschwein, Freitag, 02.Dezember 2016, 09:15 Uhr

6. Ganz locker gesprochen, wenn ich mein Kind auf ein Internat schicke und zahle

monatlich 3000 Euro oder mehr und das 13 Jahre lang, macht ca. 300.000 Euro dann ist doch klar das mein Kind das Abitur oder den Universitätsabschluss schafft. Da kann kein Lehrer damit kommen mein Kind sei zu dumm und genau so verfahren die Reichen und der Adel unabhängig davon wie intelligent ihre Kinder wirklich sind, alle haben Abitur/Universitätsabschluss. Gut die meisten haben einen Uni.Abschluss in Erdkunde, Geschichte oder Kunst haben also nicht die schweren Fächer wie Medizin, Technik, Mathe, Physik,Chemie oder Informatik studiert.