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Medizin-Nobelpreis 2011 Immunforscher erhält Auszeichnung postum

Ein Novum in der Geschichte des Nobelpreises: Zum ersten Mal erhält ein Forscher die Auszeichnung nach seinem Tod. Der Kanadier Ralph Steinman verstarb wenige Tage vor Bekanntgabe. Er teilt sich den Preis für Arbeiten zur Immunforschung mit Bruce Beutler (USA) und Jules Hoffmann (Luxemburg).

Stand: 03.10.2011 | Archiv

Ralph Steinman, Bruce Beutler und Jules Hoffman sind die Preistträger der Physik-Nobelpreises  | Bild:  picture-alliance/dpa, Peter Mosimann/Balzan Preis

Beutler und Hoffmann werden ausgezeichnet für die Entdeckung des angeborenen Immunsystems. Sie teilen sich die Hälfte des Preisgelds. Steinman entdeckte und erforschte in den 1970er Jahren die sogenannten dendritischen Zellen, die das im Laufe des Lebens erworbene Immunsystem aktivieren. Diese Zellen haben ihren Namen von ihrer verästelten Struktur her. Sie aktivieren spezielle T-Zellen, die Antikörper bilden und infizierte Zellen zerstören. 

Steinmann vor Tagen gestorben

Ralph Steinmann - verstorben am 30. September 2011

Wie die New Yorker Rockefeller-Universität nach der Auszeichnung mitteilte, verstarb Steinman am 30. September im Alter von 68 Jahren. Er habe seit vier Jahren an Bauchspeichelkrebs gelitten und habe dank einer auf seiner eigenen Forschung basierenden Immuntherapie noch mehrere Jahre lang leben können.

Posthume Auszeichnung

Der Nobelpreis darf laut den Statuten eigentlich nicht posthum verliehen werden. Deshalb war zuerst unklar, ob Steinman Nobelpreisträger bleiben kann. Am Montagabend teilte die Nobelstiftung schließlich mit, Steinman bekomme den Preis posthum. "Die Nobelpreis-Entscheidung für Ralph Steinman erfolgte nach bestem Wissen in der Annahme, dass er lebt", begründete die Stiftung in Stockholm die ungewöhnliche posthume Ehrung.

Verständnis der körpereigenen Abwehr entwickelt

Mit ihrer Forschung haben die drei Wissenschaftler den Weg für neue Therapien bei der Bekämpfung von Infektionen und Krebs bereitet, aber auch für maßgeschneiderte Impfstoffe. Diese Therapien beruhen darauf, dass die Mediziner heute wissen, wie der menschliche Körper Eindringlinge wie Viren und Bakterien abwehrt. Beutler und Hoffmann haben spezielle Rezeptor-Proteine entdeckt, die solche Fremdkörper erkennen und dann die Immunabwehr des Körpers in Gang setzen. Steinmans Forschungsarbeit erklärt, wie bei der Immunabwehr mithilfe der dentritischen Zellen bestimmte Mikroorganismen gezielt aus dem Körper abtransportiert werden.

"Die diesjährigen Nobelpreisträger haben unser Verständnis des Immunsystems revolutioniert, indem sie zentrale Prinzipien seiner Aktivierung entdeckt haben."

Begründung der Jury

Die Wissenschaftler im Einzelnen

Ralph Steinman war seit 1970 für die Rockefeller-Universität in New York tätig und leitete deren Zentrum für Immunologie und Immunkrankheiten. Bruce Beutler wurde 1957 in Chicago geboren und arbeitet am Scripps-Forschungsinstitut in Kalifornien. Als Träger des Humboldt-Forschungspreises hat er 1994 an der Universität Regensburg geforscht. Jules Hoffmann kam 1941 in Luxemburg zur Welt, hat aber inzwischen die französische Staatsbürgerschaft. Er war bis 2009 Leiter eines Forschungslabors in Straßburg.

Medizin-Preisträger von einst

Mit dem ersten Nobelpreis für Medizin wurde 1901 ein Deutscher ausgezeichnet: Emil von Behring. Er bekam ihn für seine Erfolge in der Serumtherapie, die im Kampf gegen die Diphtherie entscheidende Fortschritte brachte. Der bislang letzte Deutsche, der im Bereich Medizin geehrt wurde, ist der Heidelberger Tumorforscher Harald zur Hausen im Jahr 2008: Durch seine Arbeit kann dem Gebärmutterhalskrebs bei Frauen, der von humanen Papillomviren hervorgerufen wird, mittels einer Impfung vorgebeugt werden. Ebenfalls unter den Prämierten: die erste deutsche Nobelpreisträgerin.

Chronik: Medizin-Preisträger der vergangenen Jahre

  • 2010: Der Brite Robert Edwards brachte die erste künstliche Befruchtung einer menschlichen Eizelle im Reagenzglas zustande - und schuf damit das erste "Retortenbaby".
  • 2009: Die US-Amerikaner Elizabeth H. Blackburn, Carol W. Greider und Jack W. Szostak haben herausgefunden, was Zellen altern lässt und dabei das "Jungbrunnen"-Enzym entdeckt.
  • 2008: Der Heidelberger Tumorforscher Harald zur Hausen für die Entdeckung der Papilloma-Viren, die Gebärmutterhalskrebs auslösen, sowie die Franzosen Françoise Barré-Sinoussi und Luc Montagnier für die Entdeckung des Aidserregers HIV.
  • 2007: Die US-Forscher Mario R. Capecchi und Oliver Smithies sowie der Brite Martin J. Evans für ihre Technik, bei Versuchsmäusen gezielt Gene auszuschalten
  • 2006: Die US-Forscher Andrew Z. Fire und Craig C. Mello für eine
  • Technik, mit der sich Gene gezielt stumm schalten lassen.
  • 2005: Barry J. Marshall und J. Robin Warren (beide Australien) für die Entdeckung des Magenkeims Heliobacter pylori und dessen Rolle bei der Entstehung von Magengeschwüren.
  • 2004: Richard Axel und Linda Buck (beide USA) für die detailgenaue Enträtselung des Geruchssinns.
  • 2003: Paul C. Lauterbur (USA) und Sir Peter Mansfield (GB) für ihre Beiträge zur Anwendung der Kernspintomographie in der Medizin.
  • 2002: Sydney Brenner (GB), H. Robert Horovitz (USA) und John E. Sulston (GB) für die Erforschung des programmierten Zelltods als Grundlage zum Verständnis von Krebs, Aids und anderen Krankheiten.
  • 2001: Leland H. Hartwell (USA), Sir Paul M. Nurse (GB) und R. Timothy Hunt (GB) für Erkenntnisse über die Zellteilung, die neue Wege in der Krebstherapie ermöglichen.

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