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Gift-Anschlag in England Was ist das Nervengift Nowitschok?

Vier Monate nach dem Anschlag auf die Skripals in Südengland sind dort wieder ein Mann und eine Frau durch den Kampfstoff Nowitschok vergiftet worden. Was ist das für ein Gift und wie wirkt es?

Stand: 09.07.2018

Soldaten tragen Schutzanzüge während der Ermittlungen zur Vergiftung des Ex-Doppelagent Skripal und dessen Tochter. Bei dem Attentat ist das in der früheren Sowjetunion produzierte, extrem gefährliche Nervengift Nowitschok verwendet worden. | Bild: dpa-Bildfunk/Andrew Matthews

Der Name Nowitschok bedeutet "Neuling". Das Nervengift gilt als einer der tödlichsten je erfundenen Kampfstoffe. Sowjetische Forscher entwickelten eine Serie neuartiger Nervengifte in den 1970er- und 1980er-Jahren. Diese Kampfmittel wurden geschaffen, um der Erkennung durch internationale Inspektoren zu entgehen. Nervengifte wurden ursprünglich in den 1930er-Jahren durch Zufall entdeckt, weil deutsche Wissenschaftler versuchten, kostengünstige Pestizide zu entwickeln. Dabei entdeckten sie die tödliche Phosphor-Fluor-Verbindung. Diese erwies sich als hochgiftige Chemikalie und wurde später unter dem Namen Sarin bekannt.

Britin stirbt nach Nowitschok-Vergiftungen

Vier Monate nach dem Anschlag auf die Skripals in Südengland sind dort am Samstag, 30. Juni, wieder ein Mann und eine Frau durch den Kampfstoff Nowitschok vergiftet worden. Die Frau, die im südenglischen Amesbury mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok in Berührung kam, ist tot. Die 44-Jährige starb am 8. Juli in einem Krankenhaus in Salisbury. Ihr 45-jähriger Mann ist weiterhin in ärztlicher Behandlung. In derselben Klinik in Salisbury wurde auch der ehemalige russische Doppelagent und seine Tochter behandelt. Im Fall der vergifteten Briten ermittelt Scotland Yard. Der Fall werde nun als Mord behandelt.

Am 4. März 2018 wurden der ehemalige russische Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Julia bewusstlos auf einer Parkbank in Salisbury aufgefunden. Nach Erkenntnissen der Polizei kamen die beiden an ihrer Haustür in Kontakt mit dem Nervengift. Das teilte die britische Anti-Terror-Einheit am 28. März 2018 mit. Nowitschok-Spuren seien auch an anderen Stellen gefunden worden, "aber in geringerer Konzentration" als in Skripals Haus, erklärte die Polizei damals. Die Ermittler hatten die Parkbank, einen Pub, ein Restaurant und einen Friedhof auf Giftspuren überprüft. Inzwischen sind Vater und Tochter genesen. Toxikologen schließen aber chronische Schäden oder Spätfolgen, etwa an den Organen, nicht aus.

Was macht Nowitschok?

Das Nervengift kann in flüssiger oder gasförmiger Form vorliegen und durch die Haut absorbiert werden, häufiger aber findet es sich in Form eines feinen Puders und wird dann inhaliert.

Ein tödliches Nachtschattengewächs: Belladonna. Das Gift der Pflanze wirkt gegen das Nervengift Nowitschok.

Nowitschok kommt manchmal auch als "binäre Waffe" daher. Ähnlich wie bei einem Zweikomponentenkleber sind die einzelnen Bestandteile ungiftig und fallen beim Transport oder bei Kontrollen nicht auf. Erst, wenn man die beiden Komponenten zusammenmischt, entfalten sie ihre tödliche Wirkung.

Atropin als Gegenmittel

Atropin kommt als giftiger Inhaltsstoff in der Tollkirsche (Atropa belladonna) vor. In der Augenheilkunde dient es zur Pupillenerweiterung. Auch bei Herzrhythmusstörungen mit verlangsamtem Herzschlag wird es eingesetzt. Außerdem dient es als Gegenmittel bei Vergiftungen mit chemischen Waffen.

Nervengifte gelangen über die Haut oder die Atemwege in den Körper und führen meist binnen weniger Stunden zum Erstickungstod. Sie wirken, indem sie das Enzym Acetylcholinesterase blockieren, das die Kommunikation zwischen Nervenzellen und Muskeln steuert. Fällt das Enzym aus, werden Muskeln überstimuliert. Krämpfe sind die Folge. Das Gift ist nur schwer nachzuweisen, die Überlebenschancen eher gering. Selbst das bei Vergiftungen dieser Art übliche Gegenmittel Atropin kann meist nur wenig ausrichten. Es muss vor allem so schnell wie möglich verabreicht werden.

Wie wirkt Nowitschok auf den Körper?

Die Giftstoffe wirken innerhalb von Sekunden oder Minuten, wenn sie eingeatmet werden, und etwas langsamer, wenn sie über die Haut aufgenommen werden. Sie wirken direkt auf das Nervensystem und unterbrechen die Verbindung von Nerven- und Muskelzellen. Die Folge: Atemlähmungen treten ein. Die mangelnde Sauerstoffversorgung führt schließlich zu Schäden im Gehirn.

Zu den weiteren Symptomen gehören: die Pupillen verengen sich, Krämpfe, Übelkeit, Speichelfluss und im schlimmsten Fall kommt es zu Koma, Atemstillstand und Tod.

Was sollte nach einer Kontamination mit Nowitschok getan werden?

Die Kleidung der kontaminierten Personen sollte entfernt und gewaschen werden. Die Menschen selbst mit Wasser und Seife abgewaschen werden. Die Augen müssen gespült und die Menschen an die Luft gebracht werden.

Wann wurden Gifte in der Vergangenheit eingesetzt?

VX bei Kim Jong-nam

Nowitschok ist Berichten zufolge fünf- bis achtmal toxischer als der VX-Kampfstoff, der eine Person innerhalb von Minuten töten kann. Mit der öligen bernsteinfarbenen Flüssigkeit wurde im Jahr 2017 der Halbbruder des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-un auf dem Flughafen von Kuala Lumpur ermordet. 

Sarin in Syrien

Es gibt drei Gruppen von Nervengiften Sarin, VX und Nowitschok. Nach UN-Angaben ist Sarin von der syrischen Regierung bei einem Angriff auf Ghouta bei Damaskus im August 2013 eingesetzt worden und erneut im April 2017 im Nordwesten des Landes in der Provinz Idlib. Hunderte Menschen wurden getötet.

Sarin in U-Bahn Tokio

Sarin war auch bei dem Anschlag auf die U-Bahn in Tokio am 20. März 1995 im Spiel. Das in Plastiktüten ausgelegte flüssige Nervengift wurde von Schirmspitzen durchbohrt. Ein Dutzend Menschen kamen zu Tode.

Polonium bei Litwinenko

Der Ex-KGB-Agent Alexander Litwinenko wurde 2006 nicht mit einem Nervengift, sondern beim Teetrinken mit Polonium 210, einer radioaktiven Substanz, tödlich vergiftet.


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