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Eingewanderte Arten Stärken neue Tiere und Pflanzen die Natur?

Fremde Arten, die einheimische Tiere und Pflanzen verdrängen, das ist das Horrorszenario vieler Naturschützer. Doch die meisten Neuankömmlinge haben entweder keinen oder sogar einen positiven Einfluss auf die heimische Natur.

Von: Jenny von Sperber

Stand: 05.04.2018

Der Neophyt "Killeralge" am Boden des Mittelmeers

Eingewanderte Arten bekommen schnell mal das Attribut "Killer" verpasst: die Killeralge im Mittelmeer oder der Killershrimp im Starnberger See. Beides sind Arten, die dort ursprünglich nicht vorkommen. Die "Killeralge" zum Beispiel heißt eigentlich Schlauchalge und kommt aus den Tropen. Sie wurde über den Aquarienhandel bis ins Mittelmeer verschleppt. Dort breitete sie sich massenhaft aus, verdrängte Seegraswiesen und weitere Tiere, die dort ihren Lebensraum hatten. Die Alge ist giftig für die Mittelmeer-Bewohner und bedeckte schnell 10.000 Hektar Meeresboden.

Eingewanderte Arten gelten häufig als Bösewichte, sagt der Brite Fred Pearce. Er hat Lebensräume auf der ganzen Welt bereist und sich die Neuankömmlinge, seien es nun Pflanzen (Neophyten) oder Tiere (Neozoen), angeschaut. Sein Fazit:

"Mir ist klar geworden, dass viele dieser Horrorstorys, die erzählt werden, nicht wirklich stimmen. Denn viele der fremden Arten stellten sich am Ende als gar nicht so zerstörerisch heraus."

Fred Pearce, Buchautor

Eingewanderte Arten als Helfer

Im Gegenteil: Viele eingewanderte Arten waren am Ende sogar hilfreich in beschädigten Ökosystemen. Eines seiner Lieblingsbeispiele ist der Höhlen-Pfeiffrosch auf Puerto Rico, der dort im Regenwald zu Hause war. Mitte des letzten Jahrhunderts wurde der Wald massiv abgeholzt, um Platz für die Landwirtschaft zu schaffen. Die heimischen Arten verschwanden zusehends.

Reisfeld in Puerto Rico

Nach einiger Zeit aber brachen die Preise für landwirtschaftliche Produkte ein, die Bauern verließen ihr Land und zogen in die Städte. Zurück blieben Brachflächen, die Natur eroberte sich die Insel zurück. Doch das war - zumindest am Anfang - nicht die ursprüngliche Flora und Fauna, sondern Pampelmusen- und Avocado-Bäume und vor allem der Afrikanische Tulpenbaum. Sie bildeten die Grundlage für die Rückkehr des Höhlen-Pfeiffroschs, der jetzt im Tulpenbaum pfeift. Neophyten als Helfer für Einheimische.

Neophyten und Neozoen meistens harmlos

Immer mehr Wissenschaftler ist heute die Stärkung des gesamten Lebensraums und seiner Entwicklungsdynamik wichtiger, als die Wiederherstellung eines früheren "Urzustands". Das ist auch oft nicht möglich, weil entweder zu wenige Daten vorliegen, wie eine Region vor der Veränderung durch den Menschen ausgesehen hat oder weil er schlichtweg nicht mehr herzustellen ist.

Flamigos, eigentlich Neozoen, am Chiemsee

Meistens sind die Einwanderer sowieso harmlos, zum Beispiel die Chileflamigo-Kolonie am Chiemsee. Im Jahr 2015 wurde dort sogar erstmals ein Jungtier aufgezogen. Die eleganten rosa Vögel stellen keine Konkurrenz dar für die einheimischen Tiere. Auch in Nordrhein-Westfalen leben drei Flamingo-Arten friedlich in einer wilden Kolonie zusammen und bringen Junge zur Welt. Alle Flamingos in Deutschland sind vermutlich aus Zoos geflüchtet.

"Wenn neue Arten einwandern, kriegen wir eine höhere Artenvielfalt. Neue biologische Nischen öffnen sich, es gibt mehr Futter für verschiedene Arten, das war für mich und für viele Naturschützer eine Riesenüberraschung."

Fred Pearce, Buchautor

Schwarze Liste eingewanderter Arten

Dennoch hat die EU eine "schwarze Liste" mit gefährlichen, eingewanderten Arten erstellt. Damit soll verhindert werden, dass invasive Arten, die einheimische Tiere und Pflanzen verdängen können, sich dauerhaft bei uns festsetzen. Denn dann sind sie kaum mehr auszurotten.

"Ich sehe aber eine große Gefahr, alle fremden Arten, die auftauchen, zu bekämpfen. Wir machen so die Natur schwächer, sie kann sich dann weniger gegen all die Schäden verteidigen, die wir ihr schon zugefügt haben."

Fred Pearce, Buchautor

Kaninchen sind Neozoen

Kaninchen sind Neozoen und fühlen sich mittlerweile in den Städten wohler als auf dem Land.

Vieles, was heute bei uns lebt, war früher mal fremd. Mais, Kartoffeln und Getreide - aber auch Wildkaninchen, sagt Madlen Ziege von der Universität Frankfurt. Sie sind sehr anpassungsfähig, kommen ursprünglich aus Spanien und mögen es gerne etwas wärmer. Seit einigen Jahren wandern die Kaninchen darum in die Städte aus.

"Dort ist es wärmer, die Bäume fangen eher an zu blühen und die Kaninchen haben mehr Nahrung. Es gibt weniger natürliche Feinde und in der Regel auch keine Bejagung."

Madlen Ziege, Biologin, Universität Frankfurt

Sie haben sich an das Leben in der Stadt angepasst, leben dort nicht in großen Kolonien, sondern lieber einzeln oder in kleinen Familienverbänden. Madlen Ziege sagt, dass sie auch gut für Parks und Gärten sind: Sie graben den Boden um, düngen ihn mit ihrem Kot und verteilen Samen.

Eingewanderte Arten haben es leicht

In verbauten Flüssen wie dem Main-Donau-Kanal bei Kelheim fühlen sich Neophyten und Neozoen besonders wohl.

Auffällig ist: Erfolgreiche Generalisten wie die Kaninchen sind besonders dort erfolgreich, wo der Mensch die natürlichen Lebensräume schon stark verändert hat. Sie sind nicht mehr die, in denen sich die einheimischen Tiere und Pflanzen behaupten konnten. Zurückkehren zum "Urzustand" ist kaum möglich. Auch verändert sich seit einigen Jahren das Klima, viele Arten müssen sich anpassen, müssen wandern, um ihr Überleben zu sichern.

"Wenn wir es mit dem Naturschutz ernst meinen, sollten wir die Dynamik der Natur bewahren. Fremde Arten sind dabei ein Teil der Lösung, nicht das Problem."

Fred Pearce, Buchautor

Natur ist anpassungsfähig

Um die Ökologie an sich müssen wir uns wegen eingewanderter Arten keine Sorgen machen, sagt der Systembiologe Jürgen Geist, von der TU München. Es werden immer wieder neue Arten entstehen und ihren Standort wechseln, auf die sich dann die dortigen Lebensgemeinschaften einstellen werden. Die Frage ist, ob das uns Menschen gefällt. Denn eingewanderte Arten können bei uns Allergien auslösen oder unsere Ernte bedrohen. Das ist für uns ein Problem, und spätestens dann landen die Arten auch auf der schwarzen Liste der Europäischen Union.

Übrigens: Die "Killeralge" im Mittelmeer verschwindet momentan von ganz alleine wieder. Denn das Wasser wird reiner und mit dem sauberen Wasser kommen auch die Seegraswiesen und alte Arten zurück.

  • Angst vor eingewanderten Arten? - Wie neue Spezies die Natur stärken: am 05.04.0218 um 18:05 Uhr, Bayern 2, IQ-Wissenschaft und Forschung

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