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Neandertaler Große Nase gegen kalte Luft

Der Neandertaler hatte ein ganz anders geformtes Gesicht als der moderne Mensch. 3-D-Modelle zeigen nun: Der Neandertaler konnten sehr tief Luft holen, aber nicht ganz so kräftig zubeißen wie bisher vermutet.

Stand: 04.04.2018

Modell eines Neandertalers im Naturhistorischen Museum Basel   | Bild: picture alliance / Arco Images

Neandertaler hatten große, hervorspringende Nasen. Beim Einatmen konnten sie damit die kalte, trockene Luft erwärmen und befeuchten. Ihre Bisskraft war hingegen nicht besonders groß. Das haben Computersimulationen ergeben, bei denen Wissenschaftler die Schädelmuskulatur von Neandertalern mit der von modernen Menschen und dem Frühmenschen Homo heidelbergensis verglichen haben. Die Studie, an der auch das Senckenberg Institut für Naturforschung in Frankfurt beteiligt war, ist im Fachjournal Proceedings B der britischen Royal Society erschienen.

Neandertaler hatte weniger Biss als gedacht

Diese Neandertalerin blickt etwas missmutig drein, konnte aber viel tiefer einatmen als der Mensch von heute.

In der Untersuchung ging es um die deutlichen Formunterschiede der Gesichter von Neandertalern und modernen Menschen. Die Annahme, dass die Neandertaler mit ihren kräftigen Kiefern und vergleichsweise breiten Nasenlöchern und Nasen besondere Bisskraft hatten, ließ sich dabei nicht bestätigen. Die Druckmodelle am Rechner zeigten jedenfalls keine signifikanten Unterschiede zum modernen Menschen. Wissenschaftler waren zuvor davon ausgegangen, dass Neandertaler besonders kräftig zubeißen konnten. Bei erwachsenen Neandertalern wiesen nämlich vor allem die Vorderzähne starke Abnutzungserscheinungen auf.

Viel Luft beim Einatmen

Die Simulationen zeigten dagegen, dass die Neandertaler beim Atmen erheblich mehr Luft als erwartet aufnehmen konnten. Bei ihren Untersuchungen verglichen die Wissenschaftler Strömungsberechnungen zur Atemluft. Das taten die Forscher bei Neandertalern, aber auch bei modernen Menschen aus verschiedenen Klimaregionen, darunter Inuit und Menschen aus tropischen Regionen. Das Ergebnis der Berechnungen lautet: "Wenn ein Neandertaler eingeatmet hat, konnte er ein wesentlich größeres Luftvolumen einatmen", sagt der Senckenberg-Wissenschaftler Ottmar Kullmer, zu dessen Forschungsschwerpunkten die Evolution des Menschen gehört.

Angepasst an Kälte

Am Standtbild vor dem Neanderthalmuseum bei Erkrath lässt sich die gedrungene Gestalt des Urmenschen erkennen. Auch die Augenwülste sind typisch.

"Damit konnte er einen höheren Sauerstoffgehalt aufnehmen – und das kommt der Muskulatur zugute, zumal bei körperlichen Aktivitäten wie der Jagd", erklärt Ottmar Kullme. Auch der Homo heidelbergensis, so ergaben die Berechnungen, konnte mehr Luft einatmen als der moderne Mensch. "Aber der Neandertaler konnte noch mal mehr Luft einatmen mit weniger Atemzügen."

Die körperlich gedrungenen, sehr muskulösen Neandertaler hätten für die Jagd einen hohen Energiebedarf gehabt, der so gesichert werden konnte. Berechnungen gehen von einem täglichen Kalorienbedarf von 3.360 bis 4.480 Kalorien bei den Neandertalern aus, gerade in den nördlichen, kühleren Gebieten. Ein moderner Mensch verbraucht im Vergleich dazu rund 2.500 Kalorien am Tag. Darüber hinaus konnten die Forscher mit den Computerberechnungen bestätigen: Die schnellere Erwärmung der eingeatmeten Luft war eine Anpassung an kalte Witterungsverhältnisse.


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